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Outdoormöbel: Unsere Nummer eins im Garten

Der ehemalige Bundesliga-Torwart Bobby Dekeyser stellt mit seiner Lüneburger Firma Dedon Outdoormöbel aus Kunststoff her - seine Stücke haben es sogar bis auf die Terrasse von Brad Pitt geschafft.

Von Oliver Creutz

Es war im Englischunterricht in der zweiten Stunde, als Bobby Dekeyser aufstand, um die Schule für immer zu verlassen. Der Lehrer rief ihm noch nach: "Entweder du landest in der Gosse, oder du machst etwas ganz Besonderes." Dekeyser hat diesen Satz bis heute nicht vergessen; noch immer ist er nicht frei von der Angst vor dem Absturz. Dabei gelingt ihm seit Jahren schon etwas ganz Besonderes: Er hat auf der Grundlage eines Tragegriffs von Waschmitteltrommeln Gartenmöbel geschaffen, die so extravagant erscheinen, dass sie die Terrassen und Grünflächen von Hollywood-Prominenten wie Brad Pitt und Fußballspielern wie Michael Ballack schmücken.

Ferner von Hollywood kann man sich gar nicht fühlen

Um an die Produktionsstätte dieses Besonderen zu gelangen, muss man sich in ein Gewerbegebiet bei Lüneburg in Niedersachsen begeben, das bei trübem Wetter wie ein Straflager für erfolglose Architekten aussieht. Nach vielen Kurven taucht endlich ein grauer Zweckbau auf, geduckt auf einer grünen Wiese liegend, und nur ein Banner bestätigt, dass man am Ziel angekommen ist: "Dedon" steht dort, in orangefarbenen Großlettern auf weißem Stoff. Ferner von Hollywood kann man sich in diesem Moment gar nicht fühlen.

"Wir mussten hier hinziehen", klärt Bobby Dekeyser, 41, bei der Begrüßung im Foyer des Zweckbaus auf. "Denn wir wachsen so schnell, dass wir genügend Fläche zum Ausbreiten brauchen." Er schlägt einen Rundgang über das Firmengelände vor, beginnend in der ersten Etage, in der ein Fitnesscenter neben einem Yogaraum neben einer Wellnessbar errichtet ist. Im Erdgeschoss befindet sich eine stattliche Fußballhalle, im Hinterhof ein Beachvolleyballfeld. "Um 17 Uhr beginnt der Feierabend - wer will, kann dann unsere Sportanlagen nutzen", so Dekeyser. Nur die Kreativen würden immer etwas länger brüten, sagt er - so etwa einer seiner drei Chefdesigner, Nicolas Thomkins, der vom Schreibtisch aus zustimmend etwas in seinen Bart brummt. Während des Rundgangs erzählt Bobby Dekeyser, wie er so weit kommen konnte: Nach seinem abrupten Schulabgang wird er Torwart; mit 19 ist er beim FC Bayern zweiter Mann hinter Jean-Marie Pfaff, später wechselt er als Nummer eins zum Lokalrivalen 1860 München; mit 26 verletzt er sich so schwer, dass er sich schon im Krankenhaus Pläne für ein Leben nach dem Fußball ausmalt. "Mein Schwager Brando Donapai und ich bildeten aus den Anfangssilben unserer Nachnamen das Wort Dedon." Von da an ist Bobby kein Fußballer mehr, sondern Unternehmer, handelt mit bunten Skiern, die fast alle reklamiert werden. Die Gosse rückt plötzlich näher. Bobby verlegt sich auf den Verkauf von bemalten Giraffenfiguren aus Bast, entwickelt Tennisschläger für Hugo Boss. Denkt auf der Idee herum, "das Wohnzimmer für draußen" zu schaffen, mit Möbeln, die Hitze und Dauerregen standhalten. Als Grundlage sucht er sich einen Kunststoff aus, den bereits sein Großvater entwickelt hatte - eben jenes biegsame Plastik, aus dem die Tragegriffe von Waschmittelpaketen gefertigt sind. Er gibt der Faser den Fantasienamen Hularo. Produziert wird sie in Lüneburg, geflochten aber auf den Philippinen, in Cebu, wo Dedon seit dem Jahr 2000 ein eigenes Werk mit aktuell 3000 Angestellten betreibt.

Mischung aus High Tech und Kolonialstil

Der Rundgang endet in der Kantine. Um die Mittagszeit kommen hier die Kollegen an einer langen Tafel zusammen, keiner von ihnen muss für Speisen, Getränke und Cappuccino zahlen. "Wir machen eine gute Marge", sagt Dekeyser, "deshalb sollen möglichst viele Menschen am Gewinn beteiligt werden." Die Kundenzahl steigt so explosionsartig, dass Dekeyser im Augenblick nur eine Sorge kennt: "Ich weiß nicht, wo die Bremse ist", sagt er und fügt an, dass der Umsatz von 2006 gegenüber dem Vorjahr um ungefähr 60 Prozent ansteigen werde. 2005 wurden von Cebu aus 1000 Schiffscontainer mit jeweils 250 Dedon-Produkten ausgesandt; 200 dieser Container waren für Deutschland bestimmt.

Der Erfolg von Dedon, so erstaunlich er anmutet, ist relativ leicht zu erklären: Im hölzernen Gartenmöbelbereich haben die Lüneburger bewusst auf eine Mischung aus High Tech und Kolonialstil gesetzt. "Der Durchbruch gelang in dem Moment, als wir fremde Farben wie Bronze und Edelstahl gewählt haben", erklärt der Designer Nicolas Thomkins. Dadurch, dass Möbel wie der "Obelisk" und die blattförmige Liege "Leaf", aber auch die ausladende "Bonneville"-Reihe und die Strandmuschel "Orbit" gewohnte Formen missachten und fast ins Skulpturale neigen, machen sie neugierig. "Dedon ist nichts Überliefertes, sondern das frisch Entdeckte", sagt Thomkins. Und wer kann, ist eben bereit, Entdeckerpreise zu zahlen, bis zu 4300 Euro für den spektakulären "Obelisk", der sich in vier Sessel und einen Tisch zerlegen lässt. Dedon hat das Design in den Garten getragen. Und jetzt rennen die Gartenbesitzer (sowie einige potente Hotelketten) ihnen die Bude ein.

Als die Mitarbeiter längst wieder die Kantine verlassen haben, steht Bobby Dekeyser etwas unschlüssig herum. Bald fliegt er nach Hongkong, Shanghai und Madrid. Dort sollen neue Showrooms eröffnet werden. Jetzt gerade aber ist er ohne Beschäftigung, und weil er kein eigenes Büro in seiner Firma besitzt, läuft er durch den Nieselregen zu seinem silbernen Maserati auf dem Parkplatz. Einen Rinnstein, an dem sich das Wasser sammelt - die einzige Gosse hier weit und breit -, überspringt er leichtfüßig. Sein Englischlehrer wäre wohl zufrieden mit ihm. Oder er würde vor Neid platzen.

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