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Philip Treacy: Alles wird Hut!

Er verpasst jedem Promi den passenden Deckel: Der Designer Philip Treacy verrät, weshalb Hutträger die interessanteren Menschen sind - und was er bei der Queen krönen durfte.

Wie finden Sie meinen Hut, Mister Treacy?

Es ist ein Hut, das ist schon mal gut. Keiner von meinen zwar, ein Borsalino, aber trotzdem sehr schön.

Ich habe ihn extra für Sie aufgesetzt, Sie, den bekanntesten Hutdesigner der Welt - den Mann, der entscheidet, was auf den Kopf von Camilla Parker Bowles kommt, wenn sie zu den Ascot-Pferderennen geht; den Mann, an den sich Marilyn Manson, Madonna, David Bowie und Mary J. Blige wenden, wenn sie etwas zum Aufsetzen brauchen. Mit dem Hut bin ich zu Ihrem Atelier in London gelaufen, und ich muss Ihnen sagen: Nie wieder!

Warum das denn?

Weil selbst die Engländer einen mittlerweile anstarren wie einen Freak, wenn man Hut trägt. Kann es sein, dass der Hut tot ist?

Nun, das möchte ich nicht hoffen, da wäre ich ja arbeitslos. Ich kann Ihnen aber versichern: Der Hut ist so lebendig wie eh und je, und dass Sie auf dem Weg hierher angestarrt wurden, ist der beste Beweis dafür.

So?

Die Menschen lieben Hüte, und sie lieben Menschen, die Hüte tragen. Das war immer so und wird immer so bleiben. Menschen, die Hüte tragen, sind interessant. Man hielt Sie für einen Popstar, für ein Mitglied von Oasis oder den Babyshambles. Für jemanden, über dessen Liebesaffären man in der Zeitung liest.

Das ist sehr schmeichelhaft, aber haben Sie sich auf der Straße mal umgeschaut? Die Leute tragen alles Mögliche auf dem Kopf, Baseballkappen, Wollmützen, Kapuzen - bloß keine Hüte.

Wer sagt Ihnen denn, dass das keine Hüte sind?

Eine labbrige Kapuze, die an einem verwaschenen Pullover hängt, ist ein Hut?

Selbstverständlich. Ich trage sie selbst gern, produziere sie auch, diese Kapuzenpullover.

Eine Wollmütze ist ein Hut? Ein Turban ist ein Hut?

Natürlich!

Die Taliban gehen als distinguierte Hutträger durch?

Ja! All diese Dinge sind Hüte. Man trägt sie auf dem Kopf, sie rahmen das Gesicht, sie sorgen dafür, dass man sich ein wenig besser fühlt. Das sind die Aufgaben eines Hutes. Womit Sie allerdings recht haben, ist, dass sich die Bedeutung des Hutes in den vergangenen 40, 50 Jahren stark verändert hat. War er früher ein Symbol für Konformität, steht er heute eher für Rebellion.

Wie kam das?

In den Fünfzigern gehörte ein Hut zur Standardausrüstung eines Mannes. Ging man nach draußen, zog man sich einen Hut auf. Als sich in den Sechzigern die Jugend gegen ihre Eltern wehrte, ersetzten sie den Hut durch lange Haare und Stirnbänder. Heute ist ein guter Hut wieder ein Modestatement, eine Aussage, eine Anti-Uniform. Trägst du Hut, sagst du: Ich mag mich, und ihr alle sollt es sehen.

Gemessen daran muss sich die Stylistin Isabella Blow, die Sie Ihre Muse nennen, sehr mögen: In der Ausstellung "When Philip Met Isabella", die kommende Woche im NRW-Forum in Düsseldorf eröffnet, sind Hüte zu sehen, die Sie für sie entworfen haben - in Form von Schlössern, Schiffen, Orchideen, Kakteen ... Trägt Frau Blow diese Hüte wirklich, oder stehen sie vor allem auf Ausstellungen herum?

Sie trägt sie tatsächlich. Sie trägt "Rosa Scheibe", "Origami", "Schiff" und "Grüne Orchidee" in der U-Bahn, beim Einkaufen oder wenn sie abends ausgeht. Isabella ist die perfekte Hutfrau.

Was braucht die perfekte Hutfrau?

Vor allem Stil - innerlichen und äußerlichen, wenn Sie verstehen, was ich meine.

Sie meinen, Isabella kann ein Schiff auf dem Kopf tragen, ohne dass es angestrengt wirkt?

Ganz genau. Sie trägt ein Schiff auf dem Kopf, ohne auszustrahlen: Hallo, alle mal herschauen, ich trage hier gerade ein Schiff auf dem Kopf!

Ist sie darum Ihre beste Freundin - weil sie so cool ist? Weil sie Alexander McQueen kennt, Modechefin des Society-Magazins "Tatler" ist, die Firmen Swarovski und Lacoste berät?

Sie ist meine beste Freundin, weil man sie genau so eben nicht charakterisieren kann. Man genügt ihr nicht, wenn man beschreibt, an was sie arbeitet, wo sie herkommt, wie sie aussieht. Isabella muss erlebt werden. Sie hat eine Präsenz, die ich, seitdem ich sie vor 18 Jahren zum ersten Mal in der Redaktion des "Tatler" traf, nie wieder bei einem Menschen erlebt habe. Sie ist einer dieser Engel, die vom Himmel hinabgeschickt werden, um die Menschen hübscher, besser, schlauer zu machen.

Und der Engel befahl Ihnen, die Dekonstruktion des Huts immer weiter zu betreiben, fast bis hin zur Auflösung - zu Feder- und Drahtgebinden, die kaum noch etwas Stoffliches haben. Wie viel können Sie noch abziehen vom Hut, ohne dass er ganz verschwindet und reine Skulptur wird?

Solange Sie es aufsetzen können, ist es ein Hut.

Warum machen Sie Hüte und nicht Anzüge, Schuhe - oder brennen Whiskey, als Ire?

Gegenüber dem Haus, in dem ich aufgewachsen bin, stand eine Kirche. Bei Hochzeiten oder Beerdigungen starrte ich immer diese seltsamen Formen an, die die Leute auf dem Kopf trugen, mal mit weißem Schleier, mal mit schwarzem, mal breitkrempig, mal schmal. Geschieht etwas Besonderes, tragen die Leute Hut, das ist überall auf der Welt so. Hüte sprechen eine Sprache, die jeder versteht. Denken Sie an Polizisten, Köche, Bischöfe, Offiziere - müssen Sie die erst fragen, um zu wissen, was deren Job ist?

Welcher war Ihr erster selbst gekaufter Hut?

Sie werden es nicht glauben, aber ich habe mir im Leben keinen einzigen Hut gekauft. Ich besitze Tausende, aber sie sind alle selbst gemacht.

Was ist der Unterschied zwischen Frauen-und Männerhüten?

Männerhüte sind gut, wenn sie klassisch sind. Frauenhüte sind langweilig, wenn sie klassisch sind, sie müssen sich ständig neu erfinden. Was das über die Geschlechter sagt, will ich gar nicht erst wissen.

Wer ist Ihr Lieblingshutträger, neben Isabella?

Marlene Dietrich. Sie wusste, dass man einen Hut nicht einfach von hinten über den Kopf stülpt, sondern ihn so hinsetzen und zurechtrücken muss, bis er die richtigen Linien über das Gesicht zieht. Bei einem guten Hut geht es um Licht und Schatten. Es ist eine Inszenierung, wie im Kino.

Wer, der gerade keinen Hut trägt, sollte mal langsam damit anfangen?

Tony Blair.

Betont ein Hut eher den Abstand oder die Nähe zu den anderen Menschen?

Ein Hut beschützt Sie. Er gibt Ihnen etwas mehr Raum, als den anderen zur Verfügung steht. Sie können rausgucken, die anderen aber nicht hinein.

Wenn's so ist, warum haben Sie selber nie einen auf?

Da ich so viel Zeit damit verbringe, sie zu designen, habe ich mir das Recht erworben, nicht ständig einen tragen zu müssen. Karl Lagerfeld trägt seine Chanel-Abendkleider schließlich auch nicht selbst.

Isabella Blow soll gesagt haben, Hüte seien allein deshalb schon gut, weil sie aufdringliche Wangenküsser abhalten.

Ein Hut hat Autorität, absolut.

Wie findet diese Autorität zu dem für sie bestimmten Kopf? Wie kommt ein Philip-Treacy-Hut, sagen wir das Schiff, vom Entwurf zum Träger?

Im Fall des Schiffshuts hatte mir Isabella ein Buch geliehen, in dem die Geschichte einer Seeschlacht zwischen Frankreich und England im 18. Jahrhundert erzählt wurde. Als der siegreiche französische Admiral nach Paris zurückkehrte, wurde er bei der Feier in der Oper von Frauen begrüßt, die seine Fregatte auf dem Kopf trugen. Das gefiel mir.

Stimmt es, dass Michael Jackson sich zweimal dafür beworben hat, diesen Hut kaufen zu dürfen, Sie ihn aber nicht weggeben?

Ja. Ich saß einfach zu lange daran, drei Wochen. Er bleibt in meinem Privatarchiv.

Wie viel hat Jackson geboten?

Weiß ich nicht mehr genau, ehrlich. Eine Menge Geld für einen Hut auf jeden Fall.

Leiht Ihnen Camilla Parker Bowles auch Bücher, wenn sie einen Hut von Ihnen haben möchte?

Nein. Camilla kommt in meinen Laden und sagt: "Hello, Mr Treacy, ich brauche einen Hut für das Ascot-Rennen - was können Sie für mich tun?" Dann setzen wir uns hin und reden ein bisschen.

Über die Psychotherapie geht's zum Hut?

Auf eine gewisse Art ist es so. Gute Hutmacherei ist eine sehr individuelle Angelegenheit. Er ist eine Verlängerung Ihres Kopfes, Ihrer Frisur, Ihres Wesens.

Einmal für uns Kontinentaleuropäer: Worum genau geht's beim großen Hutkrieg in Ascot eigentlich? Ist es nicht das Relikt einer alten, längst vergangenen Welt?

Aber ganz und gar nicht! Es ist eines der tollsten sozialen Schauspiele, die es zu sehen gibt. Bei dem Rennen kommen Welten zusammen, die normalerweise getrennt sind. Wer zu den Ascots geht, kann mit der Queen zusammen ein Pferderennen sehen. Sie trägt Hut, und du trägst Hut. Und wenn du etwas Glück hast, reden nachher mehr Leute über deinen als über ihren.

Gefällt Ihnen, was die Queen oben draufhat, diese kleinen weißen Tüllgestecke?

Nun, sie hat ihren ganz eigenen Stil. Den Queen-Stil eben.

Haben Sie ihr schon mal einen Hut gemacht?

Ich habe etwas für ihren Baum gemacht.

Für ihren Baum?

Für ihren Weihnachtsbaum im vergangenen Jahr. Ich habe den Stern für die Spitze entworfen.

Sie haben dem Weihnachtsbaum der Queen einen Hut aufgesetzt?

Ja. So muss man's wohl sagen.

Interview: Marc Fischer / print