Vanessa Beecroft "Meine Werke beschämen mich"


Mode vergeht, Kunst bleibt. Aber was passiert, wenn Performance und Produkt-PR nicht mehr trennbar sind? Die US-Künstlerin Vanessa Beecroft über Kontrollverlust und andere Peinlichkeiten.

Vanessa Beecroft gehört zu den wichtigsten Gegenwartskünstlerinnen. Ihre Live-Installationen, die sie auf Film und Foto aufzeichnet, wurden in Museen wie der Berliner Neuen Nationalgalerie, dem Londoner Institute of Contemporary Art und dem New Yorker Whitney Museum gezeigt. Die größten Bewunderer der in den USA lebenden 37-jährigen Italienerin kommen aus der Modeszene. Seit Jahren buhlen Designer wie Tom Ford, Helmut Lang, Alexander McQueen, Miuccia Prada und Azzedine Ala•a darum, Kleider und Schuhe für ihre Performances zur Verfügung zu stellen. Ihre jüngste Arbeit für die Mode leistete Beecroft zur Wiedereröffnung des weltweit größten Louis-Vuitton-Geschäfts auf den Pariser Champs-Elysées - Teile dieser Installation wurden jetzt im Rahmen des Berliner Art Forums ausgestellt. Nachzuvollziehen ist die Euphorie der Modewelt nicht unbedingt: Schließlich zeigen sich Beecrofts "lebende Skulpturen" in der Regel kaum bekleidet.

Frau Beecroft, warum dekoriert sich die Modeszene so gern mit Ihren Arbeiten?

Vielleicht hofft sie, einen Fuß in die Kunstwelt setzen zu können. Sie wünscht sich Tiefgang. Ich verstehe das Dilemma, in dem die Mode steckt, denn ich bin in einer Familie aufgewachsen, in der sie als vulgär verachtet wurde. Die "Vogue" konnte ich als Mädchen nur heimlich lesen. Noch heute ist es mir peinlich, am Flughafen dabei gesehen zu werden, wie ich in Modezeitschriften blättere.

Miuccia Prada behauptet, ihr Interesse an der Kunst sei geboren aus einem "Schuldkomplex, etwas so Dummes und Unwichtiges wie Mode" zu machen.

Ich bin dankbar für Miuccias Komplexe. Wenn früher mein Budget nicht reichte, durfte ich aus ihren Läden abholen, was immer ich für meine Installationen brauchte. Übrigens: Wer leidet nicht unter Komplexen? Ich würde zum Beispiel gern zur Intelligenzija gehören, stattdessen verachtet mich vor allem die amerikanische Kulturelite, denn ich produziere bloß billige Bilder.

Die sich hervorragend verkaufen.

Auch die Kunst ist nur ein Geschäft. Als mein Kunsthändler im Frühjahr davon erfuhr, dass ich im Sudan an Fotos mit religiösen Motiven arbeiten wollte, war er entsetzt: "Sudan und die christliche Ikonografie - was für eine dumme Idee! Gehe sofort in dein Atelier und mach mir eine Skulptur! Der nächste Schritt in deiner Karriere muss eine Skulptur sein!" Was geht mich das an, habe ich entgegnet.

Und?

Ich werde bald eine Skulptur machen. Denn letztlich arbeite ich nur, wenn man mir einen Auftrag gibt. Erst einmal habe ich das "VB South Sudan"-Projekt beendet. Dessen Kernstück ist die "weiße Madonna" geworden: ein Foto von mir, der weißen Frau, die zwei schwarze Kinder stillt und die ein am Saum verbranntes Kleid von Martin Margiela trägt.

Was wollen Sie damit sagen?

Das Bild ist eine Selbstkritik. Es entstand aus einer seltsamen Situation: Ich flog das erste Mal in den Sudan, stieg aus dem Flugzeug und wurde sofort ins Waisenhaus gebracht, um dort Säuglinge zu stillen. Da blieb ich dann bis zu meiner Abreise. Muttermilch hatte ich, weil mein zweiter Sohn gerade ein paar Monate alt war. Es war mein bislang einziges Projekt, über das von Anfang bis Ende nur ich selbst entschieden habe.

Dass Teile Ihrer Pariser Installation für das Modehaus Louis Vuitton vom Oktober 2005 jetzt noch einmal in Berlin gezeigt wurden, wirkt wie ein peinlicher Versuch, noch das Letzte aus Ihrer Kunst herauszuquetschen.

Leider kann ich nicht kontrollieren, wo diese Bilder ausgestellt werden. Was in Berlin ausgestellt ist, ergibt für mich keinen Sinn. Ich fühle nichts mehr, wenn ich die Bilder sehe. In Paris war das noch anders.

Warum hatten Sie den Auftrag angenommen, eine profane Geschäftseröffnung mit einer Performance aufzupeppen?

Bis dahin waren alle meine Arbeiten in Galerien oder Museen gezeigt worden, dort waren sie also automatisch Kunst. Würden sie das im "Espace Louis Vuitton" auch noch sein? Ich wollte das wissen.

Und? Sind Sie Künstlerin geblieben? Oder wurden Sie zur Dekorateurin?

Das müssen andere entscheiden. Mich interessierte der koloniale Hintergrund des einstigen Reisegepäck-Herstellers. Ich habe die dunkelhäutigen Frauen nackt zwischen den Schrankkoffern von Louis Vuitton drapiert, wie in einer Gepäckaufbewahrung. Und weil ich zeigen wollte, dass Luxus auch Ausbeutung, Sklaverei und Gewalt umfasst, habe ich die Frauen zu Buchstaben hingelegt. Ich habe ihre Körper in einen Rahmen gezwungen, aus dem das Firmenlogo entstanden ist. Und Vuitton hat mich machen lassen. Es sind klassische Bilder von der Sklaverei.

Werden die von den Luxus-Kundinnen verstanden?

Ich werde manchmal gefragt, wer denn gewonnen habe: Louis Vuitton oder ich? Kurzfristig habe ich wohl verloren, antworte ich dann.

Sie verkaufen sich an die Mode - diese Kritik hört man häufig.

Ich bin keine Angestellte der Kunstwelt. Ich mache, was mir in der Kunst gefällt. Kleidergeschäfte mögen nicht der beste Ort sein, Kunst zu zeigen, aber Museen sind auch nicht gerade spannend. Ich suche mir meine Schlachtfelder selbst aus.

Feministinnen werfen Ihnen vor, Sie produzierten sexistische Bilder.

Ich glaube, dass die Nacktheit diese Frauen stark macht. Es ist ein Unterschied, meine Arbeiten auf Fotografien oder in der Wirklichkeit zu betrachten. Auf Bildern können diese Frauen vielleicht sexy wirken, in der Wirklichkeit ist es peinlich, wenn man vor ihnen steht. Man möchte weglaufen - was auch ich tue. Auf den Fotos geht dieses Mitgefühl verloren, der empathische Wert. Letztlich aber gehören sie mit zu diesem "kranken Spiel", das meine Arbeit ist.

Warum stellen Sie nicht auch mal nackte Männer aus?

Die interessieren mich persönlich, aber sie ausstellen? Warum? Männer bleiben undurchsichtig. Das wäre, als würde ich Bäume oder Autos ausstellen, ich fühle nichts dabei. Ich wuchs unter Frauen auf, die von Männern nichts hielten. Seit ich selbst zwei kleine Jungen habe, begreife ich ein wenig mehr von der männlichen Psyche. Und die hat überraschend weiche, süße Seiten.

Warum stehen Sie nicht selbst Modell?

Meine größte Angst ist die Nacktheit. Die Frauen, die sich dort ausstellen, sind ein Selbstbildnis, wenn auch nicht im klassischen Sinn. Sie sind Vanessa Beecroft in multipler Version. Meine Arbeiten beschämen mich, ich fühle mich schlecht, wenn ich die Frauen ausstelle. Doch ich kann nicht anders. Mein Werk hat mit meinen eigenen Ängsten zu tun. Und mit den Fragen: Warum muss ich schön sein? Bin ich sonst nicht begehrenswert?

Sie haben nie ein Hehl daraus gemacht, dass Sie an einer Variante der Bulimie leiden, die sich in verzweifelter körperlicher Betätigung äußert. Und die ein Teil Ihres Werkes ist.

Mit Magersucht und Essstörungen habe ich mich immer beschäftigt. Offenbar habe ich mein Problem noch nicht bewältigt: Wenn ich mal wieder jammere, dass ich zu hässlich bin oder zu fett, und mein Mann Greg mir sagt: "Emanzipiere dich endlich von deinen Komplexen, du machst diese Performances schon verdammt lange!" - dann antworte ich: So einfach ist die Sache nicht. Denn ich wache jeden Morgen auf und habe Angst. Die Melancholie ist eine Konstante in meinem Leben.

Was ist mit dem Vorwurf, Sie würden nur schöne, junge, nackte Frauen präsentieren?

In meinen Performances sind fast immer durchschnittlich aussehende, oft auch ältere Frauen zu sehen. Auf den Fotos werden immer nur die schönen gezeigt. Sie ahnen ja nicht, wie oft meine Galeristen mir sagen: "Nimm bloß nicht die Frau da, die werden wir nicht los." Oder sie sagen mir: "Mach Fotos von diesen Beinen dort, die sind schön und verkäuflich!"

Wo finden Sie Ihre Modelle?

Früher habe ich sie einfach auf der Straße und in der Kunstschule angesprochen. Das war mir schrecklich peinlich. Heute erledigen das Casting-Agenturen für mich.

Es gibt nicht viele Menschen, die sich freiwillig drei Stunden lang exhibitionieren, nackt und regungslos.

Bisher ist nur eine Frau frühzeitig gegangen. Als ich sie in die letzte Reihe stellte, entschwand sie sofort. Das war Heidi Klum.

Interview: Dirk van Versendaal print

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