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Stars am Pranger: "Ferrari-Fährmann" - warum der Schalke-04-Torwart einen Parkfehler bitter bereute

Nur einen kleinen Fehler erlaubte sich der Schalke-04-Torwart. Die Folgen schildert sein Anwalt Burkhard Benecken im Buch "Stars zwischen Macht und Ohnmacht". Der stern bringt das Kapitel exklusiv.

Ralf Fährmann, Torwart bei Schalke 04

Ralf Fährmann, Torwart bei Schalke 04

Elf seiner Mandantinnen und Mandanten, darunter Starkoch Frank Rosin, Schalke-04-Torwart Ralf Fährmann, Reality-TV-Star Gina-Lisa Lohfink und DJ Moguai, haben ihren Anwalt Burkhard Benecken für dieses Buch von seiner Schweigepflicht entbunden: In "Stars zwischen Macht und Ohnmacht - wie das Promi-Phänomen uns alle beeinflusst" erzählen sie frei von der Leber weg über Vor- und Nachteile des Prominentendaseins – und was es mit uns allen macht.

"Stars zwischen Macht und Ohnmacht" von Burkhard Benecken ist im Goldegg-Verlag erschienen und ab sofort erhältlich.

"Stars zwischen Macht und Ohnmacht" von Burkhard Benecken ist im Goldegg-Verlag erschienen und ab sofort erhältlich.

Mitunter kann es ja auch unangenehm werden, das Berühmtsein. Etwa, wenn man sich einen Patzer erlaubt. Der Starfußballer Ralf Fährmann musste das auf schmerzhafte Weise erfahren …

Exklusiv für stern-Leser: ein weiteres Kapitel aus dem Buch "Stars zwischen Macht und Ohnmacht – wie das Promi-Phänomen uns alle beeinflusst"

Fallende Idole – Ralf Fährmann

Lange hatte er über den Kauf nachgedacht. Viele Nächte mit seiner Partnerin Nadine über die Anschaffung gesprochen. Sollten sie oder sollten sie nicht? Auf der einen Seite handelte es sich um den letzten großen Jugendtraum, den sich Ralf Fährmann erfüllen wollte. Auf der anderen Seite: Es war ein roter Ferrari GT 488. War das nicht zu protzig? Vielleicht. Aber was war daran schlimm? Stellte es wirklich ein Problem dar? Er hatte jahrelang darauf hingearbeitet, sich ein solches Auto leisten zu können. Und er hatte es sich doch so gewünscht.

Ralf dachte in diesen Momenten zurück an seine Kindheit. Er war in Chemnitz aufgewachsen. Sein Vater war Maurer, seine Mutter Sekretärin und Putzfrau. Das Geld reichte vorne und hinten nicht. Die Familie konnte sich kaum einmal einen Urlaub leisten. Wegzufahren, das war Luxus. Ralf hatte nicht viel als Kind. Nur den Fußball. Und den Traum von einem roten Ferrari. Dieser war für ihn etwas so Abstraktes, etwas so Unerreichbares, dass er niemals auch nur mit dem Gedanken spielte, dass sein Traum eines Tages einmal Realität werden könnte. Ein Traum, der einem Poster entsprang, dass aus irgendeinem Grund über seinem Bett hing und ihn jahrelang verfolgen sollte.

Die Leute würden darüber sprechen, sagte ihm Nadine. Sie werden das Auto zu einem Thema machen. Er solle doch bedenken, dass das nicht gut ankommt. Ralf Fährmann gilt als bodenständiger Typ. Das könnte sich mit dem Ferrari schnell ändern, befürchtete sie. Ralf dachte nach. Und beschloss, dass es ihm egal war. Wenn die Leute reden wollten, dann würden sie reden. So oder so. Ob mit rotem Ferrari oder mit weißem Smart. Einen Grund fänden sie immer. Er war der Meinung, dass er ein Recht auf dieses Auto hatte. Er, der kleine Junge aus Chemnitz, der nun Bundesliga-Torwart bei Schalke 04 war. Es sollte seine Belohnung sein. »Das wird schon gut gehen«, sprach sich Fährmann zu.

Und es ging gut. Bis zum 19. Mai 2016. Ein Tag, den er niemals vergessen würde. Es war der Tag vor seiner Hochzeit. Das Auto hatte er nun schon ein paar Monate, als er damit vor dem Salon von Andreas Reetz parkte. Reetz ist ein bekannter Promi-Friseur in Recklinghausen, er frisierte unter anderem Sophia Thomalla und Herbert Grönemeyer, und Ralf wollte noch einmal nachgestylt werden. Ein bisschen die Spitzen schneiden und die Konturen verfeinern. Alles sollte perfekt sein. Es war ja schließlich seine Hochzeit. Ralf parkte, wo er immer parkte. Auf dem Motorradparkplatz. Vor dem modern eingerichteten Salon gab es ansonsten zu wenig Freifläche. Und Motorräder standen hier nie.

Dann ließ er sich die Haare machen. Er hatte die Uhr im Blick. Die Behandlung dauerte fünfundvierzig Minuten. Und exakt nach einer Dreiviertelstunde stieg Ralf Fährmann in seinen roten Ferrari GT 488 und fuhr wieder nach Hause. Es waren fünfundvierzig Minuten, die einiges verändern sollten. Aber davon hatte Ralf Fährmann noch überhaupt keine Ahnung.

Dass etwas nicht stimmte, wurde ihm erst am nächsten Tag klar. Er merkte es an Nachrichten, die auf seinem Handy einliefen. Es waren viele Nachrichten. Sehr viele. Und das lag nicht an seiner Hochzeit, zu der seine Freunde ihm gratulieren wollten.

»Hast du die Zeitung gelesen?« »Lies mal Zeitung!« »Schon gesehen? Titelseite!« Fährmann lief zum nächsten Kiosk und konnte kaum glauben, was er da sah. Eine große überregionale Boulevardzeitung titelte tatsächlich mit »FERARRI-FÄHRMANN HÄLT SICH FÜR DIE FEUERWEHR«. Abgedruckt: ein riesiges Foto von seinem Auto. Im Text stand dann noch, dass er falsch geparkt hätte. Und zwar in einer Feuerwehrausfahrt. Tatsächlich hatte ein Passant mit seinem Handy ein Foto geschossen. Von der gegenüberliegenden Straßenseite. Aus einem Winkel, der die Perspektive verzerrte. Auf dem Foto sah es nämlich so aus, als hätte Fährmann direkt vor einem Feuerwehrausfahrtsschild geparkt. Das stimmte aber nicht. Er stand tatsächlich auf einem Motorradparkplatz, was nicht zulässig war, aber das machten schließlich alle hier. Er parkte da, wo er immer geparkt hatte. Vielleicht ragte sein Ferrari ein paar Zentimeter über den Parkstreifen hinaus, doch das war Ralf nicht einmal bewusst gewesen. Dennoch ahnte er, was jetzt kommen würde. Ferrari-Fährmann. Das war ein Titel, den er nicht mehr so schnell losbekommen würde. Und so sollte es auch sein. Fünfundvierzig Minuten hatte es gedauert, eine reißerische Geschichte zu kreieren. Und verfolgen würde sie ihn die nächsten Monate. Dabei hatte doch alles ganz anders begonnen.

Ralf Fährmann

Ralf Fährmann startete seine Karriere beim VfB Chemnitz.

DPA

Wenn Ralf Fährmann auf sein Leben zurückblickt, dann gab es stets nur eines: Fußball. Ralf hat einen älteren Bruder. Falk. Und weil der Jüngere oft das imitiert, was der Ältere ihm vormacht, hatte Ralf schon sehr früh seine Leidenschaft von Falk übernommen. Die Leidenschaft für den Ballsport. Es fing damit an, dass er eines Tages, er konnte wohl gerade erst laufen, einen Ball vor die Füße gelegt bekam. Dann wurde im Kinderzimmer gekickt. Später im Garten. Irgendwann auf dem Sportplatz und mit fünf Jahren meldeten die Fährmanns ihren jüngsten Sohn bei einem Fußballverein an. Dem Chemnitzer FC. Er spielte nun bei den Minis. Zu spielen war für Ralf das Größte.

Im Verein packte ihn der Ehrgeiz. Er wollte jetzt auch gewinnen. Da Ralf allerdings kein allzu starker Feldspieler war, stellte er sich ziemlich schnell freiwillig ins Tor. Dort zeigte sich seine wahre Stärke. Fußball war nun nicht mehr bloß eine Leidenschaft, sondern eine Selbstverständlichkeit. Als die Lehrer in der Grundschule fragten, was die Schüler später einmal werden wollten, antwortete der junge Ralf, dass er Fußballprofi werden will. Nicht Polizist. Nicht Feuerwehrmann. Fußballprofi. Und er war gut. So gut, dass er in die Stadtauswahl von Chemnitz geschickt wurde. Auch da gehörte er zu den Besten der Besten. Man empfahl ihn für die Sachsenauswahl, wo er gegen die Auswahlen der anderen Bundesländer spielte. Als Ralf dreizehn wurde, kam er in die Jugendnationalmannschaft. Dort wurde er entdeckt. Ohne dass er es wusste.

Bis eines Tages der Anruf kam. Ralf saß in seinem Zimmer und sein Bruder stürmte herein.

Und dann rief Schalke an

»Rate!«, sagte Falk. »Was denn?« »Rate, wer gerade für dich angerufen hat!« »Keine Ahnung«, antwortete Ralf und machte sich für einen Moment Sorgen, dass er vielleicht etwas verbockt haben könnte. »Hoffentlich nicht die Schule«, dachte er.

»Es war Schalke!« »Wie, Schalke?« »Der Verein. FC Schalke 04.« »Ja, klar.« »Sie wollen, dass du bei ihnen spielst.« »Verarsch mich nicht, Falk.«

»Ralf, da hat gerade ein Fußballverein für dich angerufen, die wollen, dass du ...«

Es gibt Träume, die man nicht einmal greifen kann, wenn sie zur Realität werden. Für Ralf war das kaum zu fassen. Er kam aus Chemnitz. Einer kleinen, beschaulichen Stadt. Und dann einen Anruf von Schalke 04 zu bekommen? Ralf kannte kein Stadion, das mehr als zehntausend Zuschauer fasste. Nun meldete sich ein Verein, den er nur aus dem Fernsehen kannte und eine riesige Arena hatte, in die über sechzigtausend Menschen passten.

»Ja«, sagte er. »Ja, da will ich unbedingt hin.«

Es kamen weitere Angebote von anderen Bundesliga-Vereinen. Aber das war da schon egal. Schalke war der erste Verein und für Ralf so etwas wie eine fixe Idee geworden. Sein Vater führte die Verhandlungen und dann fuhren sie gemeinsam nach Gelsenkirchen, um sich vor Ort alles anzusehen.

Er sollte auf ein spezielles Internat gehen, wo die Nachwuchsspieler ausgebildet wurden. Als die Familie sich mit dem Trainer unterhielt und den Jugendvertrag vor sich liegen hatte, fragte Ralfs Mutter, wie das mit den Trainingssachen sei. Ob der Verein sie stellen könnte. Denn bislang hatte Ralf nur eine Trainingshose, die Monat für Monat von seiner Oma geflickt werden musste. Der Trainer und die anderen Betreuer schauten einander an und lachten.

»Machen Sie sich keine Sorgen, Frau Fährmann. Ihr Sohn bekommt die Ausrüstung von uns. Selbstverständlich.«

So fremd war diese Welt für die Fährmanns.

Ralf Fährmann war dreizehn Jahre alt, als er von seinem Gymnasium in Chemnitz auf das Sportinternat in Gelsenkirchen wechselte. Er musste von zu Hause wegziehen, das tat ihm weh. Aber er hatte einen Traum vor Augen. Und er war bereit, diesen Traum zu verfolgen. Es ging »auf« Schalke.

Ralf Fährmann

Ralf Fährmann schreibt für einen Fan ein Autogramm.

Picture Alliance

Das Internat war wie eine Wohngemeinschaft. Es gab auf jeder Etage ein gemeinsames Wohnzimmer und vier separate Doppelzimmer. Ralf war einer der Jüngsten. Er war als Dreizehnjähriger in einem Zimmer mal mit einem Siebzehn-, mal mit einem Achtzehnjährigen untergebracht. Der Tag war streng getaktet. Morgens um 7.50 Uhr ging die Schule los. Gesamtschule Berger Feld, direkt angrenzend an die Schalke Arena. Die »Internatsmutter« bereitete den Schülern das Frühstück zu. Dann gab es drei Stunden Unterricht. Wieder zurück ins Internat. Umziehen, Training, wieder in die Schule bis 15 Uhr und um 15.30 Uhr erneut Torwarttraining. Anschließend gab es Mannschaftstraining bis 19 Uhr. Darauf- hin ging es zurück ins Internat, zum Abendessen. Meistens stritten sich die Schüler darum, wer als Erstes duschen durfte, um zumindest ein klein wenig Freizeit zu haben. Dann schlafen. Und der nächste Tag verlief genauso. Fünf Tage die Woche. Jahr für Jahr.

Es gab auch Tage, an denen Ralf Heimweh hatte. Sein Trainer zeigte dafür Verständnis. Er veranlasste hin und wieder, dass ihm Geld für eine Heimreise ausgezahlt wurde, sodass Ralf zumindest über das Wochenende seine Familie in Chemnitz besuchen konnte. Als Ralf auf das Internat kam und in der B-Jugend spielte, bekam er monatlich zweihundert Euro. In der A-Jugend später vierhundert Euro im Monat. Plus ein bisschen Verpflegungsgeld. Irgendwann hatte er sich von seinem Lohn genügend Geld zusammengespart, um sich eine Bahn-Card zu leisten. Geld war ein großes Thema. Denn in Ralfs Familie gab es keines. Die Familie konnte sich Luxus nicht leisten. Auch deshalb träumte Ralf schon früh von einem roten Ferrari. Etwas, das so fern für ihn war, dass er sich kaum traute, diesen Traum überhaupt zu träumen.

Es gab Tage, an denen fühlte sich Ralf sehr einsam. Er fragte sich, warum er das alles auf sich nahm. Aber die Antwort kannte er. Er wollte Fußballprofi werden. Von seinem Internatszimmer hatte er einen direkten Blick auf die Schalke-Arena. Und sein Traum war es immer, ein einziges Spiel darin zu machen.

Wer später wirklich im Profibereich spielen will, der braucht besonders eine Eigenschaft: Motivation. Mit seiner Motivation hatte er nie ein Problem. Da gab es ganz andere Fälle. Leute, bei denen der Wille nicht so stark war. Die Verlockungen waren auch groß. Gerade in dem jungen Alter ließen sich seine Kameraden oft ablenken von den Reizen des Lebens. Neben dem Internat gab es eine Disco, dort wurde jeden Donnerstag eine Fünfzig-Cent-Party gefeiert. Es gab Mädchen, Musik und Alkohol. Der »Shot« kostete fünfzig Cent. Ab und zu schlich Ralf sich mit den anderen abends heimlich aus dem Internat. Bei ihm blieb es die Ausnahme. Für andere wurde es zur Regel. Ein Freund von Ralf »schoss« sich jede Woche ab. Komplett. Unzählige Male musste er von den anderen Schülern zurück ins Internat getragen werden, weil er völlig betrunken war. Er kannte seine Grenzen nicht. Aber er testete sie jede Woche aufs Neue aus. Wer allerdings Leistung auf Profilevel bringen will, dem darf so etwas nicht passieren. Bereits damals merkte man, wo für die Schüler die jeweiligen Prioritäten lagen.

Die Schule, die die Jugendlichen besuchten, war eine öffentliche Gesamtschule. Dort mischten sich in den Klassen die »normalen« Schüler mit den »Sportschülern«. Während die »Sportschüler« zum Training fuhren, hatten die anderen in der Regel Freistunden.

Die Lehrer reagierten darauf höchst unterschiedlich. Einige waren interessiert, fragten nach, zeigten sich sogar begeistert von den sportlichen Ambitionen – anderen war das Sportinternat einfach suspekt. Es gab zumindest keine Sonderbehandlung.

Mit siebzehn machte Ralf sein Fachabitur. Er wollte darauf nicht verzichten. Er hatte zwar das klare Ziel, Fußballprofi zu werden, aber er wollte auch einen Schulabschluss in der Tasche haben. Für den Fall der Fälle. Wenn es doch nicht klappen sollte. Darum nahm er die Schule genauso ernst wie das Sporttraining. Als Ralf sich einmal in einem Spiel verletzte und einen Sehnenriss hatte, ließ er sich nicht krankschreiben. Er veranlasste, dass sein Krankenbett in das Klassenzimmer gestellt wurde, damit er nichts vom Unterrichtsstoff verpasste.

Mit seinen dreizehn Jahren war Ralf damals zu Beginn seiner Internatszeit schon ein Sonderfall. Er war der mit Abstand Jüngste. Heute wäre das nicht mehr so. Die Vereine setzen auf sehr junge Spieler. Die Nachwuchsförderung beginnt schon mit elf oder zwölf Jahren. Nach vier Jahren beendete Ralf das Internat. Und bekam das Angebot, weiterhin für Schalke zu spielen. Für die Profis.

Wenn die Schulausbildung beendet ist, werden einige übernommen und dürfen weiterspielen. Die anderen sind raus. Da ist Fußball ein knallhartes Geschäft mit eiskalten Sondierungskriterien. Entweder man schafft die gewisse Norm, man ist gut genug. Oder man ist es eben nicht. Und wer nicht gut genug ist, dessen Vertrag läuft aus und für den gibt es keinen neuen mehr. Für etliche junge Menschen, die von einer Profikarriere träumen, ist mit achtzehn Jahren Schluss. Ralf hatte viele ehemalige Internatskollegen, die es nicht zum Fußballprofi schafften. Er verfolgte, wie sie es weiterprobierten. Wie sie versuchten, bei anderen Mannschaften unterzukommen. Noch Jahre ihrem Traum hinterherrannten. Wer will es ihnen verübeln? Wer so kurz vor einer Profikarriere steht, kann sich schwer von dem Ziel lösen, auf das er so lange hingearbeitet hat. Aber viele gehen an diesem Traum kaputt. Sie jagen einem Phantom nach und scheitern in der echten Welt. Weil sie sich nicht um eine Alternative zum Sport gekümmert haben. Weil sie nicht wissen, was sie sonst machen sollen. Es ist nicht leicht im »normalen« Leben anzukommen.

Zunächst saß Ralf bei Schalke bloß auf der Ersatzbank. Von seinem ersten Spiel erfuhr er erst wenige Tage vor seinem Einsatz. Die anderen Torhüter waren verletzt. Jetzt musste er ran. Und zwar in Dortmund. Ausgerechnet in Dortmund. Beim Schalker Erzfeind. Ralf war neunzehn Jahre alt und hätte keine härtere Feuertaufe haben können.

Tagelang konnte er nicht schlafen. Ihm gingen tausend Gedanken durch den Kopf. Was würde passieren, wenn er jetzt versagte? Es gibt kein wichtigeres Spiel für einen Schal- ke-Spieler als das Spiel gegen den BVB. Ralf spielte alle mög- lichen Szenarien durch. Wieder und wieder. Am Spieltag saß er mit zitternden Händen in der Kabine.

»Oh Gott, wie sollst du das überstehen?«, fragte er sich. Er wusste, was für ihn auf dem Spiel stand.

Wenn der Torwart einen Fehler macht, ist ein Spiel schnell verloren. Gerade in der Bundesliga kommt es auf Kleinigkeiten an. Jeder Fehler wird gnadenlos bestraft. Ein Fehler ist ein Debakel. Zwei Fehler können schon das Karriere-Aus bedeuten.

Die Gedanken kreisten weiter und weiter: »Wenn du jetzt patzt, ist alles, was du geopfert hast, umsonst gewesen, einfach umsonst.« Ralf atmete tief durch und ging auf das Spielfeld. Er sah über siebzigtausend Fans auf den Tribünen im Dortmunder Stadion. Viele von ihnen trugen das Schalke-Trikot. Sie jubelten der Mannschaft zu. Sie feierten den Einmarsch ihrer Helden. Ralf betrat den Rasen sehr vorsichtig. Beinahe ehrfürchtig. Das war er nun. Sein großer Moment. Dann der Anpfiff. Und plötzlich passierte etwas. Von einem Augenblick auf den anderen war Ralf vollkommen fokussiert. Es war, als würde der Lärm auf den Tribünen komplett verschwinden. Als wäre niemand mehr da. Nur er und die restlichen Spieler. Er nahm nichts mehr wahr. Nur das Spiel. Nur den Ball. Nur den Angriff des gegnerischen Schützen. Ralf verfolgte ihn mit seinem Blick. Sah, wie er auf das Tor zulief. Vorbei an der Abwehr. Er kam näher.

Dann schoss er. Und Ralf Fährmann hielt seinen ersten Ball. Kurz innehalten. Abschlag. Das Spiel ging weiter. Bis der nächste Ball kam. Und nach neunzig Minuten war alles vorbei. Endstand: 3:3. Er hatte alles gegeben. Seine Feuertaufe bestanden. Ralf Fährmann war jetzt Teil von Schalke 04.

Mit jedem weiteren Spiel bekam er mehr Routine. Und irgendwann überwog die Routine im Spiel. Er hatte sich seinen Wunsch erfüllt. Er war Fußballprofi.

Dass das Leben als Fußallprofi auch seine Schattenseiten hat, bekam Fährmann mit, als er sich das erste Mal einen richtig dicken Patzer erlaubte. Für einen Abstoß legte er sich einen Ball hin, nahm ein wenig Anlauf – und übersah den gegnerischen Stürmer, der die Chance eiskalt nutzte und den Ball im Tor versenkte. Peinlich. Befanden auch die Millionen Zuschauer, die sich über Jahre noch lustig darüber machten. Der Torwartfehler war das große Thema in allen Sportsendungen. Er schaffte es sogar in die Jahresbestenlisten der größten Bundesliga-Patzer. Das Ganze verfolgte Fährmann ewig.

Ralf knüllte die Boulevardzeitung mit dem Ferrari-Foto und der großen Schlagzeile zusammen. Er schmiss die Gazette in den Mülleimer. »Etwas Gutes hat die Sache ja«, dachte er sich. »Ferrari- oder wahlweise auch Feuerwehr-Fährmann ersetzt jetzt wenigstens Abstoßfehler-Fährmann.«

Das Promi‐Phänomen: Stars am Pranger

Soso, der bekannte Fußballpro Ralf Fährmann hat sich also ein schnelles Auto gekauft und damit falsch geparkt. Sein Image als Vorbild passt offenbar nicht zum Bild des Mackers, der sich erst einen Ferrari zulegt und dann auch noch rücksichtslos in der Feuerwehrausfahrt parkt. Dass er das gar nicht getan hat, steht auf einem anderen Blatt, dem Publikum wurde es jedenfalls so verkauft. Man war „not amused“. Und überzog Fährmann mit dem, was wir heute einen Shitstorm nennen.

Was dahinter steckt.

Ralf Fährmann ist berühmt, vermögend und eine Persönlichkeit öffentlichen Interesses. Wir ordnen ihm Bedeutung zu, eine höhere soziale Stellung und eine gewisse damit verbundene Macht. Die meiste Zeit erkennen wir dies an und ordnen uns irgendwie unter. Manchmal jedoch dreht sich diese Macht und gelangt für einen bestimmten Zeitraum in unsere Hände. Und dann, so haben Experimente des amerikanischen Psychologen Nathanael Fast gezeigt, geschieht etwas Interessantes: Sozial niedriger gestellte Menschen neigen bei der ersten Gelegenheit dazu, Mächtige besonders zu erniedrigen oder zu dominieren. Ein geringer sozialer Status kann dazu führen, dass Menschen sich selbst nicht respektiert oder erniedrigt fühlen. Dies wiederum kann aggressive kompensatorische Verhaltensmuster auslösen, mit dem Ziel, den eigenen Selbstwert zu heben. Die naheliegende Rechtfertigung ist die Überzeugung, damit eine Art Ausgleich herzustellen oder »die da oben« zu kontrollieren. Ralf Fährmann erzählt, dass er sich nach einem von ihm verschuldeten Gegentor wochenlang nicht zum Bäcker traute, aus Angst, beschimpft zu werden. Wenn unsere Helden fallen, dann wollen wir offenbar, dass es besonders wehtut.

Macht und Ohnmacht der Prominenten …

Quer durch die Geschichte wurden Revolutionen durch unbedachte Äußerungen, Signale oder Regelverletzungen Mächtiger ausgelöst. Mitunter wurde dabei nachgeholfen. Etwa, als über die französische Königin Marie-Antoinette verbreitet wurde, sie habe die Rufe »Wir haben kein Brot!«, den die Hungernden von Paris skandierten, mit dem Satz »Sie haben kein Brot? Dann sollen sie doch Kuchen essen« quittiert. Sie hat das nie gesagt, aber den Mächtigen traut man solche Sprüche zu, und so wurde diese Lüge geglaubt und gab der französischen Revolution weiteren Auftrieb. Gib den Menschen genügend Munition gegen »die da oben«, und sie werden aufstehen. Das gilt heute für Stars genauso wie damals für Könige. Ein Prominenter, der das Falsche tut oder sagt, kann zwar nicht mehr seinen Kopf, durchaus aber wertvolle Bonuspunkte beim Publikum verlieren – bis hin zum Karriereknick.

Auch deshalb verwenden Stars fast so viel Zeit mit der Imagepflege wie mit dem Training ihrer eigentlichen Leistung. Allzu viel Protz gilt heute nicht mehr als schick, Gutes tun umso mehr. Doch nicht immer wollen oder können Prominente das Bild bedienen, das sie nach außen hin zeigen. Auch sie bauen Mist, um es mal so zu sagen. Dazu kommt noch ein Faktor: Mächtige übertreten tatsächlich eher Regeln, das haben Studien mit Führungspersönlichkeiten er- geben. Sie zeigen auch weniger oft Stresssymptome, wenn sie die Unwahrheit sagen, oder überschätzen sogar ihre eigene Körpergröße. Macht ist verführerisch. Es braucht einen starken Charakter, dieser Versuchung zu widerstehen.

Also versuchen Stars Fehltritte möglichst zu vermeiden. Die Stärke einer Empörungswelle kann man nie voraussehen, weil diese von so vielen Faktoren abhängig ist – Wirtschaftslage, soziales Klima, Art des Vergehens, Vorgeschichte des »Täters«. Es gilt, die Loyalität der Fans zu erhalten, die sich in Einschaltquoten, Ticketbestellungen oder Verkaufszahlen niederschlägt. Ralf Fährmann hat das Image des »Jungen von nebenan«, der durch harte Arbeit nach oben gekommen, aber immer noch »einer von uns« ist. Alles, was er tut, hat eine Symbolwirkung. Deshalb überlegte er auch so lange, ob er sich überhaupt einen roten Ferrari kaufen sollte.

... und was es mit uns macht

Nun ist es nicht so, dass wir Ausnahmepersönlichkeiten nicht auch mal den einen oder anderen Ausreißer zugestehen. Von Rockstars erwarten wir sogar, dass sie ab und zu ihr Hotelzimmer demolieren, das gilt dann als »Rock’n’Roll«. Allerdings hat demoliertes Mobiliar eine andere Botschaft als eine scheinbar verstellte Feuerwehrausfahrt, die signalisiert: Eure Sicherheit ist mir egal.

Dabei hat Ralf Fährmann gar keine echte Macht über das Leben jedes Einzelnen. Bloß: Wir, unserem Wesen nach immer noch als Urzeitmenschen durch die Savanne Afrikas streifend, nehmen ihn als mächtig und sozial hochstehend wahr. Und verhalten uns entsprechend, sobald er in unseren Augen seinen Status missbraucht: Wir gehen auf die Barrikaden.

Ich sollte noch öfter feststellen, dass die Art, in der wir über Prominente sprechen und richten, die gesamte Bandbreite menschlicher Interaktion in verdichteter oder vereinfachter Form darstellt. Ich konnte aus Gala und BUNTE sehr viel über soziale Dynamik und das Spiel mit Macht und Ohnmacht lernen. Klatsch und Tratsch sind also gar nicht platt und oberflächlich. Ich hatte mir völlig umsonst Sorgen um mein eigenes Image gemacht. 

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