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Friedi Kühne: Fast wie fliegen - über den Mann, der im Slacklinen neue Maßstäbe setzt

Friedi Kühne ist am liebsten da, wo sonst niemand hin will: am Abgrund. "Beim Slacklinen", sagt Friedi, "trennen dich nur zweieinhalb Zentimeter vom Fliegen." Seit wenigen Tagen gilt der 27-Jährige aus Bayern als bester Highliner der Welt.

Friedi Kühne ist am liebsten da, wo sonst niemand hin will: am Abgrund. Dort zieht er seine Schuhe aus. Die nackten Füße gehören zum Balancieren dazu, sagt er. Friedrich "Friedi" Kühne, 27, tapst beruflich über ein zweieinhalb Zentimeter breites Band. Darunter liegen mal Städte, mal Wälder, mal Wasserfälle, und meistens hunderte Meter. Kühne ist Highliner. Seit dem vergangenen Wochenende ist er wohl der beste der Welt. Slacklinen ist Kühnes Job. Für ihn ist es der schönste der Welt. "Slacklinen", sagt er, "das ist zweieinhalb Zentimeter vorm Fliegen."

Friedi Kühne ist Profi-Slackliner

Friedi Kühne ist Profi-Slackliner


Vor einigen Tagen flog Friedi Kühne wieder - noch weiter, noch höher. Im Frühsommer von Südfrankreich beging er eine über 1500 Meter lange Slackline, gespannt zwischen zwei Klippen in 600 Metern Höhe. Das hatte vor ihm noch keiner geschafft und auch Kühne sagt: "Das war zweifelsohne die schwierigste Line, auf der ich je war." Die Veranstalter des "French Riviera Highline Meeting" nennen ihn seitdem Weltrekordhalter. Er aber will das lieber nicht hören. Was sind schon Zahlen, was ist schon Medieninteresse, was sind schon Rekorde - verglichen mit der absoluten Freiheit?

Kühne, die Line und der nächste Schritt

Beim Slacklinen, sagt Kühne, da gehe es um Bewegung, um Beherrschung, um herrliches Spinnen auf dem Band. Ums Springen, ums Tricksen, um Kreativität. Kühne nennt es: sich akrobatisch auspowern. Doch für Kühne ist da mehr: Geht er auf seiner Slackline, dann schwebt er, mitten in der Luft. "Man ist von allem losgelöst." Er meint das in mehrfacher Hinsicht. "Man ist einfach da draußen. Alles andere lässt man hinter sich." Wenn sich die nackten Zehen auf das Band legen, sich die Knie locker beugen, die Fußsohlen fest nach unten drücken, die Arme über den Kopf wandern und der Wind an den Muskeln zieht, dann gibt es nur noch ihn, die Slackline und den nächsten Schritt.

Volle Konzentration: Friedi Kühne auf der Slackline in Südfrankreich

Volle Konzentration: Friedi Kühne auf der Slackline in Südfrankreich


Slacklinen: Von der Langeweile zur Sucht

Den ersten Schritt auf einer Line tat Kühne mit 20 Jahren. Langweilig, schwierig, frustrierend fand er es damals. Dann entdeckte er sein Talent für den Sport. Das Talent führte zum Erfolg und beides zur Leidenschaft. Von da an schwebte Kühne gerne 30 Meter über den Dingen, am liebsten in der Wolfsschlucht südlich von Rosenheim. Heute sind es eben 570 Meter mehr.

Die Höhe hat ihm nie Angst gemacht. Er ist mit ihr aufgewachsen. In Bayern geboren, waren die Berge seine Nachbarn und dorthin ging er auch zum Spielen. Kühne kletterte auf Bäume, auf Felsen, auf Berge und verliebte als kleiner Junge ins Adrenalin. Heute sind die Berge keine Nachbarn mehr, heute sind sie seine Bühne. Heute sagt Friedi Kühne: "Ich bin süchtig nach meinem Sport."

Typen wie er trainieren Tage, Wochen, Jahre. Typen wie er balancieren ständig irgendwo, zwischen Bäumen im Englischen Garten, zwischen Häusern, zwischen Klippen. Irgendwann in dieser Zeit verschwindet die Höhenangst, die bei einigen zu Beginn noch da ist. Sie macht Platz - dem Gefühl der Sicherheit auf der Line, der absoluten Körperbeherrschung, dem Selbstvertrauen, das sich ins Unermessliche steigert. "Ich bin nicht der beste Slackliner der Welt. Körperlich sind ein paar besser als ich", sagt Kühne. "Aber mental bin ich stärker als viele andere. Weil ich meinen Fähigkeiten vertraue. Weil ich weiß, was ich kann und wann ich es kann."

"Free Solo" als Vertrauensbeweis an sich selbst

An Tagen, an denen sich Kühne noch sicherer als ohnehin schon fühlt, macht er dann Dinge, die er seiner Mama jahrelang verschwieg, ihr gar schwor, sie niemals zu tun. Dann geht er alleine "da raus". Der 24. August 2016 war so ein Tag: In British Columbia, Kanada, beging Kühne eine 72 Meter lange Slackline, 400 Meter über einem tosenden Wasserfall. Ohne Sicherung. Weltrekord.

Friedi Kühne Drohnenfoto

Drohnenfoto von Friedi Kühnes Rekordlauf


"Free Solo" sagen Slackliner dazu. Der Ausdruck kommt vom Klettern, er steht für eine Begehung im Alleingang, ohne Hilfs- und Sicherungsmittel. Wer fällt und sich nicht halten kann, stürzt in die Tiefe. Wo der Sturz endet, ist offen. Das kann das Krankenhaus sein, das kann das Leichenschauhaus sein. Beim Klettern wie beim Highlinen.

Auf der Highline setzt er sein Leben nichts aufs Spiel

"Free Solo" ist extrem umstritten, der Begriff wird in einem Atemzug mit so schweren Worten wie Leichtsinnigkeit, Lebensmüdigkeit, Todessehnsucht genannt. Für Friedi Kühne passen diese Begriffe nicht in seine schwerelose Welt zwischen den Abgründen. Er sagt: "Wenn ich ungesichert auf eine Highline steige, dann setze ich mein Leben nicht aufs Spiel. Denn dann habe ich mich so lange darauf vorbereitet, so lange geübt, dass ich die Line perfekt einschätzen kann und genau weiß: Ich kann das jetzt laufen."


Das mit dem Wissen ist so eine Sache. Denn die Gewissheit, dass alles gut endet, er heil am anderen Ende der Schlucht ankommt, hat er natürlich nicht. Er kann sich gut vorbereiten. Er kann hart trainieren, mehr slacklinen, mehr klettern, mehr Krafttraining, mehr Yoga machen. So lange üben, bis seine Hand noch schneller zur Line schießt, zupackt und ihn so vor dem eventuellen Fall rettet. "Ich habe einen extrem guten Catch-Reflex. Die Leash, das Sicherungsbändchen am Gurt, kommt bei guten Slacklinern fast nie zum Einsatz", sagt Kühne und wer ihn auf der Line sieht, der sieht: Er hat Recht. Affengleich turnt er auf dem Band, fällt er, fängt er sich und mit dem Rebounce surft er schon wieder auf der Slackline. Es ist seine Erfahrung, die ihm Recht gibt. Bisher ging immer alles gut aus. "Du kennst doch sicher das Spiel, wo sich eine Person fallen lässt und eine andere sie auffängt - als Vertrauensbeweis. "Free Solo" ist ganz ähnlich. Nur: Ich spiele allein. Ich belohne meine Fähigkeiten mit meinem vollen Vertrauen." Warum sollte es jemals anders sein?

Friedi Kühne will Lehrer werden - irgendwann

Als der Wind Kühne jetzt vor ein paar Tagen in Südfrankreich von der Slackline blies, ist der 27-Jährige gesichert. Eineinhalb Stunden war er auf der Line gelaufen, insgesamt 1500 Meter. Bis zum anderen Ende der Schlucht fehlten noch 100. Die Veranstalter werteten den Lauf als Weltrekord, aber Kühne und die anderen Slackliner sagen eben: Eine Line gilt nur dann als geschafft, wenn man nicht runterfällt. Also setzte er sich auf die Slackline, kramte Müsliriegel und Wasser aus seinem Klettergurt, erst mal Pause. Später griff er zum Handy. "Ich war wohl noch nie so glücklich und so traurig zugleich", sagte er, das Smartphone auf sich gerichtet und filmte. Hier das gelaufene Stück, da die wenigen Meter, die noch fehlten. Bäume, ein paar Felsen, blauer Himmel und ein zweieinhalb Zentimeter breiter Pfad, der ins Nichts führt. "Rekorde sind mir überhaupt nicht wichtig - nur den Medien", sagt Kühne. "Aber von den Medien ist man abhängig, um solche Projekte überhaupt machen zu können."


Irgendwann, wenn er seinen Lebensunterhalt nicht mehr balancierend bestreiten kann - mit Sponsorenverträgen, Workshops und Shows - dann werde er seinen Fokus verschieben. Dann werde er in einem Klassenzimmer stehen, Mathe und Englisch unterrichten, mit Eltern diskutieren. Das tun, was Lehrer eben so machen. "Ein absoluter Spießerberuf", sagt Friedi und lacht. Ein Job in geschlossenen Räumen, das kann er sich heute noch nicht vorstellen. Heute schiebt Friedi das Referendariat lieber noch etwas auf, heute reist er lieber noch etwas mit seiner Slackline um die Welt, heute balanciert er lieber noch etwas in schwindelerregenden Höhen. Heute kennt Friedi Kühne nur eine Angst: die, nicht an seine Grenzen zu gehen.

Stunt im Himmel


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