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Meinung

Aussterbende Tradition: Das traurige Ende der Imbissbuden: Wenn die letzte Pommes-Schranke fällt

Das Fast Food in den Hipstervierteln wird qualitativ immer besser – aber der schmuddelige Hähnchengrill an der Ecke stirbt ebenso aus wie die Wurstbude am Hafen. Irgendwie schade, findet unser Autor.

Imbissbude

Die gute, alte Imbissbude verschwindet langsam, aber sicher aus dem Stadtbild (Symbolbild)

Picture Alliance

In meiner Jugend gab es bei uns im Viertel genau einen Fast-Food-Imbiss: Wastroffoff. So lautete der Vorname des Inhabers, also nicht wirklich, aber wir nannten ihn so, weil er uns mit seinem schweren osteuropäischen Akzent stets fragte: "Was drauf auf Pommes?" – und "was drauf auf" klang bei ihm nun mal wie "Wastroffoff".

Wastroffoff gefiel der Künstlername, den wir ihm gegeben hatten, aber er mochte uns – seine 12-, 13-, 14-jährigen Stammkunden – ohnehin gerne. Mindestens einmal pro Woche aßen wir bei ihm Currywurst mit Pommes, und meistens blieben wir noch länger und plauderten mit Wastroffoff über Fußball oder die Formel 1. Wenn wir den Laden verließen, hatte sich das Friteusenfett, dass bei Wastroffoff als dichter Nebel über die Theke waberte, längst wie ein Film auf unsere Klamotten gelegt – ähnlich dem Zigarettenqualm in der Raucherkneipe, die wir ein paar Jahre später entdeckten, was insofern passt, dass bei Wastroffoff die gleiche bodenständige Gemütlichkeit in der Luft lag wie in jener Gaststätte gegenüber.

Imbiss, Imbissbude, Pommesbude, Grill-Imbiss

Vor ein paar Wochen war ich mal wieder in der Heimat und wollte Wastroffoff nach langer Zeit einen überfälligen Nostalgiebesuch abstatten. Aber daraus wurde nichts, denn an der Ecke, wo Wastroffoff früher seinen Laden hatte, steht das Gebäude inzwischen leer. Und das ist kein Wunder. Natürlich steht es leer.

Denn Läden wie jener von Wastroffoff sterben schon seit Jahren im ganzen Land einen qualvollen Tod. Es sind Läden, die je nach Region Imbiss, Imbissbude, Pommesbude oder Grill-Imbiss genannt werden, wo die Auslage mit Frikadelle und Krautsalat aber überall gleich aussieht, wo sich halbe Hähnchen den ganzen Tag am Spieß drehen, wo es behäbig brutzelt und wo es aussieht wie in der Eppendorfer Grill-Station bei Dittsche.

Heute, wo das Fast Food in den Hipstervierteln qualitativ immer besser wird, wo die Burger mit Patty aus schwarzen Bohnen und die Süßkartoffelpommes mit Trüffelmajo gereicht werden, haben die Wastroffoffs dieser Welt keine Chance mehr. Wir ernähren uns immer bewusster oder versuchen es zumindest, weshalb der schmuddelige Hähnchengrill an der Ecke ebenso ausstirbt wie die Bratwurstbude am Hafen.

Irgendwann, in nicht allzu ferner Zukunft, wird in Deutschland die letzte Pommes-Schranke fallen – auch wenn das rein statistisch nur die halbe Wahrheit ist, da die Anzahl der umsatzsteuerpflichtigen Imbissstuben und Imbisshallen in Deutschland in den letzten Jahren sogar leicht gestiegen ist. Das dürfte aber einerseits an den fancy Burgerrestaurants liegen, die in den Großstädten aus dem Boden sprießen, und andererseits daran, dass für jede geschlossene Pommesbude gefühlt zwei neue Dönerläden oder Asia-Restaurants öffnen.

Wie soll Wastroffoff bitte davon leben?

Und wir wollen sicher nicht darüber klagen, dass das Angebot heute vielfältiger ist – im Gegenteil. Aber alle paar Monate packt uns dann schließlich doch noch einmal die Lust auf eine gute alte Currywurst oder eine Pommes-rot-weiß. Und dann denken wir jedes Mal, wie schön es doch wäre, jetzt bei Wastroffoff einzukehren und mit ihm über Fußball oder die Formel 1 zu plaudern.

Aber eben nur alle paar Monate. Wie sollte Wastroffoff bitte davon leben? Nein, das Aussterben der Imbissbudentradition haben wir ganz alleine zu verantworten, wir haben es genau so gewollt, und wahrscheinlich werden wir gut damit leben können.

Irgendwie traurig ist es trotzdem.

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