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Craft Beer?: Nicht mein Bier!

Die Hipster der Republik trinken kein Pils mehr, sondern Craft Beer. Muss das sein? Unser Autor findet: Wenn es für irgendetwas keine Alternative braucht, dann Bier!

Ein Kommentar von Tim Sohr

Craft Beer macht in den USA bereits einen großen Teil des Gesamtumsatzes an Bier aus. Unser Autor findet, dass es zu Bier eigentlich keine Alternative braucht.

Craft Beer macht in den USA bereits einen großen Teil des Gesamtumsatzes an Bier aus. Unser Autor findet, dass es zu Bier eigentlich keine Alternative braucht.

Amerikaner lieben Superlative. Sie feiern sich gerne als "großartigste Nation der Welt". Sie braten die "besten Burger der Welt". Den Sieger ihrer Basketball-Liga NBA nennen sie in aller Bescheidenheit "World Champion" – ungeachtet der Tatsache, dass es auch eine tatsächliche Weltmeisterschaft in dieser Sportart gibt. Und mein Freund Tommy gab mir vor zwei Jahren in einer Billardkneipe am Ufer des Providence River das "best beer in the world" aus. Es schmeckte wie ranzig gewordene Rhabarberschorle. "It's Craft Beer", sagte er und strahlte vor Stolz. Naja, dachte ich, kein Wunder: Bei all dem Root- und Lite-Gesöff, das in den USA als Bier bezeichnet wird, ist dieses Craft Beer für Tommy eben das "beste Bier der Welt".

Ich konnte nicht ahnen, dass die Plörre von Providence das erste Zeichen einer Zeitenwende war.

Zurück in Deutschland war Craft Beer in jedem Hipsterkiez von Köln bis Berlin plötzlich das große Ding – und ist es heute mehr denn je. Auch der stern hat viele Fans in seinen Reihen. Überall sprießen Kneipen aus dem Boden, die aussehen wie Cafés und ihre überteuerten Bierpreise mit Kreide an Tafeln schreiben. Der Kellner schlürft Smoothies, trägt Holzfällerhemd und im Hintergrund läuft Mumford & Sons. Rauchen ist natürlich verboten und die Biere heißen "Rollberg Rotbier" oder "Ricklinger Imkertrunk" oder "Kehrwieder Prototyp".

Alternative Bierkultur? Ein Paradox

Hergestellt werden sie von "kleinen Kreativbrauereien", den Start-up-Unternehmen der Braubranche. Ein klassisches Pils vom Fass gibt es kaum noch irgendwo. Stattdessen kann der lässige Jura-Student mit verträumtem Kennerblick an fünf verschiedenen Sorten à 0,1 Liter nippen wie am Wein. Dazu kann er sich Cupcakes mit Dinkelmehl servieren lassen. Es ist ein groteskes Schauspiel. Und es nennt sich allen Ernstes "alternative Bierkultur".

Aber: "Alternative Bierkultur" ist geradezu ein Paradoxon. Wenn es auf dieser Welt noch irgendetwas gibt, zu dem es keine Alternative braucht, dann Bier. Und überhaupt: Waren uns die Beck's-Gold- und Lemon-Experimente vor Jahren nicht Warnung genug? Was ist bloß aus "Hopfen und Malz, Gott erhalt's!" geworden? Schließlich funktionierte Bier schon bei den alten Ägyptern bestens ohne Kirschen oder Kakao-Bohnen. Die Ironie dieses unseligen Trends ist ja: Kein echter Biertrinker, den ich kenne, mag Craft Beer. Kein einziger! Weil es nicht schmeckt, vor allem nicht nach Bier. Craft Beer ist Bier für Menschen, die kein Bier mögen. Craft Beer schmeckt wie Bionade mit Schuss.

Auf der ganzen Welt gibt es großartiges Bier, hat es immer großartiges Bier gegeben. Warum also diese vermeintlich geschmacksintensivere, allzu kunstfertig gebraute Alternative? Angeblich wurde Craft Beer erfunden, weil ein paar amerikanische Studenten vor 30 Jahren Lust auf gutes Bier hatten. Warum haben sie sich nicht einfach eins bestellt?