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Gammelfleisch im Döner: Imbissbuden im Sog der Döner-Krise

Einst war der Döner der Star unter den Zwischendurch-Sattmachern - bis bekannt wurde, dass in den Produkten eines Lieferanten ordentlich Gammelfleisch steckte. Bei stern.de berichtet eine Dönerbuden-Besitzerin über das Ausmaß ihrer Krise.

Der Döner, Deutschlands beliebtester Zwischendurch-Sattmacher, steckt in der Krise. Jahrelang war der türkische Fleischspieß der Shooting-Star an den Imbissbuden, jetzt melden viele Verkäufer Umsatzeinbußen von 50 Prozent und mehr. Grund: Wie das Fleisch am Grill, so drehten sich die jüngsten Gammelfleisch-Skandale, vor allem um den Döner. Zuletzt hatte ein bayerischer Händler Fleischabfälle zu Lebensmitteln umetikettiert. Über den Berliner Dönerfabrikanten Beysan gingen sie dann - eingearbeitet in Hackfleischspieße - an 40 Imbisse. Das hat offenbar selbst die hartgesottensten Döner-Fans erschüttert. stern.de sprach mit einer Imbissbetreiberin über die Folgen des jüngsten Skandals, von dem sie selbst betroffen ist.

Guten Tag Frau X. Sie wollen Ihren Namen nicht gedruckt sehen?

Ich möchte weder den Namen meines Ladens noch meinen eigenen erwähnt haben. Ich habe mich mit anderen Dönerverkäufern aus unserer Region Braunschweig-Salzgitter unterhalten und spreche jetzt auch für die. Wir wollen unsere Meinung sagen, aber bitte ohne Namen. Das schadet nur. Es ist zur Zeit schon schwer genug.

Was ist schwer?

Der jetzige Skandal. Es wird jetzt viel geschrieben, und es ist ja auch richtig: Die Leute sollen wissen, was passiert. Aber wir kleinen Ladenbetreiber werden da in etwas hineingezogen, woran wir überhaupt keine Schuld tragen. Bei allen, ob sie nun von der Berliner Firma Beysan mit gammelverdächtigem Fleisch beliefert wurden oder nicht, geht das Geschäft ganz schlecht. Wir selbst haben erst vor fünf Monaten neu eröffnet. Eine Neugründung ist ohnehin schwer, aber wenn dann so etwas kommt, ist es eine regelrechte Katastrophe.

Haben Sie, so wie andere Verkäufer, auch vorher schon mal Spieße von Beysan reklamiert, die schlecht waren?

Nein, wir hatten keine Reklamationen. Wir haben nichts gemerkt. Die Lamm-Hackfleisch-Spieße, die jetzt bei uns vom Gesundheitsamt mitgenommen wurden, waren wohl nicht ganz aus Lamm, aber mikrobiologisch in Ordnung. Sie wiesen, ich glaube durch den angetauten Transport ins Labor, zwar eine erhöhte Keimzahl auf, aber die sei "zu tolerieren" heißt es in dem Bericht.

Und wenn doch mal ein solcher Spieß verdächtig riechen würde...

Nie würde ich den verkaufen. Nie. Eine Million Prozent Garantie! Ich würde es ja selber nicht essen wollen. Wir arbeiten hier den ganzen Tag, da verzehren wir regelmäßig unsere eigenen Produkte.

Wie viel haben Sie vor dem Skandal verkauft?

Wir hatten wochentags 8-Kilo-Spieße und am Wochenende 12-Kilo-Spieße. Meistens wurde alles verkauft. Was abends übrig bleibt, muss man ja entsorgen. Also achtet man darauf, dass das auch aufgeht. Uns kostet ein Kilo Dönerspieß im Durchschnitt vier Euro.

Und heute?

Heute verkaufen wir höchstens noch einen halben Spieß, manchmal nur einen viertel. Den Rest schmeißen wir in den Müll. Das ist ein absolutes Minusgeschäft. Dabei habe nach dem Skandal vollstes Verständnis für die Bedenken der Leute. Mir würde es nicht anders gehen.

Haben Sie jetzt einen neuen Lieferanten?

Natürlich. Es ist gar nicht so leicht, einen "Neutralen" zu finden, weil die vielfach untereinander verflochten sind. Wir haben jetzt Qualitäts-Zertifikate der neuen Lieferfirma aushängen. Die Leute lesen sich das durch, aber danach nehmen sie doch lieber ne Pizza statt einen Döner.

Werden Sie von Kunden beschimpft?

Nein. Aber es gibt so kleine Anspielungen: Wer weiß, was da jetzt alles drin ist und so.

Wie wollen Sie das Vertrauen zurückgewinnen?

Wir müssen den Leuten sagen: Wir haben die Spieße nicht selbst hergestellt, sondern ahnungslos gekauft. Wir haben dafür einem normalen Preis gezahlt, wir sind in etwas hineingerutscht, wofür wir überhaupt nichts können. Wir würden nie absichtlich schlechte Ware verkaufen. Wir sind selber Kunden und Betrogene. Schuld tragen die, die das Gammelfleisch wissentlich verarbeiten.

Ob das reicht, die Leute wieder zum Dönerkauf zu bewegen? Schon mal über Bio-Döner nachgedacht?

Ich weiß nicht, ob es so etwas gibt. Aber wir sind hier in einer sozial schwachen Gegend. Sehr viele Harz IV Empfänger. Ich bezweifle, dass da einer mehr als drei Euro für einen Döner bezahlen kann und will. Wir überlegen uns aber, ob wir nicht auf Grillhähnchen umsteigen.

Da könnte Ihnen die Geflügelpest dazwischenkommen...

Das ist unser nächstes Risiko. Wenn der Teufel es will, bricht die genau dann aus. Und wenn ich Fische braten würde, ginge mit dem Meer plötzlich etwas schief...

So schwarz muss man nicht sehen.

Ich möchte nichts weiter, als dass alles wieder seine Ordnung kriegt, so wie es einmal gewesen ist. Deswegen hätte ich auch gerne, dass über diesem Interview Guten Appetit steht.

Interview: Georg Wedemeyer