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Interview

Neue Staffel "Jerks": "Es ist diese Kälte": Christian Ulmen erklärt, welches Problem das deutsche Fernsehen hat

Christian Ulmen macht auch in der zweiten "Jerks"-Staffel so gut wie alles falsch. Zum Glück. Ein Gespräch über Rollenbilder, Late-Night-Shows und die Kälte des deutschen Fernsehens.

Christian Ulmen

Schauspieler und Produzent Christian Ulmen.

Man muss auch die neue Staffel "Jerks" durch die Finger der vors Gesicht gehaltenen Hand ansehen, über den Rand eines Kissens hinweg oder halb abgewandt im Augenwinkel, übersprungshandlungsergeben einen Werbeprospekt durchblätternd, das Geschehen auf dem Bildschirm also nur im Ungefähren verfolgend, weil es schlicht nicht auszuhalten ist, da jetzt genau hinzusehen. Zu viel ist peinlich, zu viel ist so fremdschamschlimm – man muss es halb wegblenden, um es schauen zu können.

In "Jerks" (seit 29. März auf Maxdome, Anfang Mai auf ProSieben) spielt Ulmen sich selbst; sein Kindheitsfreund, der "Tatort"-Schauspieler Fahri Yardim, spielt Ulmens Kumpel Fahri Yardim, und überhaupt sind alle Figuren der Serie als Varianten ihrer selbst zu sehen, so wie auch die Geschichten echt sind in dem Sinne, dass sie Begebenheiten aus der Realität entlehnt wurden. "Jerks" beschreibt den Alltag und den darin enthaltenen, fortwährenden und so gut wie immer aussichtslosen Kampf, die Dinge reibungslos hinzukriegen, niemandem zu nahe zu treten, sich selbst nicht ständig in die Pfanne zu hauen.

"Jerks" zeigt den täglichen Kampf, niemandem zu nahe zu treten

Wie passend also, dass auch unser Gastgeschenk gute Chancen auf Peinlichkeit hat.

Es ist ein Vormittag in Berlin. Christian Ulmen sitzt in einer Hotelsuite am Kurfürstendamm. Ein gemeinsamer Freund hatte den Tipp gegeben, Ulmen statt einer überflüssigen, wohl gar regionalen Aufmerksamkeit lieber ein viruzides Desinfektionsmittel mitzubringen. Ulmen schwöre darauf, und an Interviewtagen müsse er ja auch sehr vielen Menschen die Hand geben, es sei also ein praktisches und durchdachtes Mitbringsel, er werde sich sicherlich freuen.

Tatsächlich lobt Ulmen das rot umschleifte Fläschchen, verfällt sogar in einen kurzen Fachdiskurs (die Variante mit der pinken Kappe wäre NOCH besser gewesen, da sie weniger krankenhausig rieche) und in genau diesem Moment wird wieder klar, wie fragil Situationen sind. Alle. Ständig. Was, wenn Ulmen das Handdesinfektionsmittel als Affront aufgefasst hätte? Wenn es ihn gekränkt hätte, weil er einen man weiß es ja nicht schlimmen Waschzwang oder sonst ein krankhaftes Verhältnis zu Sauberkeit hätte? Oder einfach davon ausgegangen wäre, man würde sich über ihn, der sich selbst immer wieder als großen Neurotiker darstellt, lustig machen? Schon die Begrüßung stand, ganz im "Jerks"-Stil, komplett auf der Kippe. Ihr Gelingen war Glück.

NEON: Herr Ulmen, alle reden immer über das Männerbild in "Jerks". In der neuen Staffel wirken eher die Frauen merkwürdig, so hyperdominant. In einer Szene hält Pheline ihrem Freund Fahri einen Finger mit Regelblutung hin, weil sie findet, irgendetwas sei anders als sonst. Und Fahri, wohl wissend, dass sein Freund Christian im Raum ist, riecht daran.

Ulmen: Und diese Reaktion ist das Entscheidende! Fahri beugt sich, ohne mit der Wimper zu zucken, über die Hand und riecht am Ausfluss seiner Freundin. Seine Selbstverständlichkeit sagt alles über die Vertrautheit und den körperlichen Umgang der beiden miteinander. Sie sagt: "Riech mal!", er tut’s und sagt: "Stimmt, riecht anders als sonst." Das erzählt die Paarbeziehung von Fahri und seiner Freundin Pheline. Mehr nicht. Die Szene ist deshalb noch lange keine Zeichnung der hyperdominanten Frau, die alle mit ihrer Regelblutung nervt. Mir geht’s sowieso nie um ...

... die Frau?

Genderthemen. Die langweilen mich zu Tode. Ich will doch nicht in einer einzigen Frau "die Frauen" erzählen, das interessiert mich außerdem null. Und man tut der Individualität ihrer Figur unrecht, wenn man in ihr gleich eine Abhandlung zum Thema "Die Frau in unserer Gesellschaft" lesen will.

Die erste "Jerks"-Staffel erschien vor #MeToo. Die zweite danach. Hatte die Diskussion Einfluss auf die Geschichten oder die Arbeit am Set?

Wir haben im Sommer gedreht, da war #MeToo noch kein Thema. Aber natürlich ist die Frage interessant, ob wir am Set anders miteinander umgegangen wären, wenn die Debatte damals schon derart präsent gewesen wäre. Ob man mehr darüber nachgedacht hätte, was man sagt oder tut, was andere sagen oder tun. Ich kann das nicht ausschließen.

Haben Sie als Mann in dieser Branche trotzdem das Gefühl, sich gerade irgendwie positionieren zu müssen?

Eigentlich nicht. Und ich bin auch erst einmal dazu genötigt worden. Auf dem roten Teppich des Fernsehpreises. Da, wo die Fotografen schreien und man gefragt wird, ob die Frau mal wieder schwanger ist und wie der Abend wohl so wird, da hält mir eine WDR-Eule das Mikro hin und fragt mich ernsthaft, was ich denn zum Fall Dieter Wedel sage. Wir waren nominiert mit "Jerks", und das Einzige, was du an so einem Abend im Kopf hast, ist: Gott, was sage ich, wenn wir verlieren, bei wem muss ich mich bedanken, wenn nicht. Es geht dir viel durch den Kopf, bloß Vergewaltigung, Dieter Wedel und Sexismus in solchen Momenten eher gar nicht. Das habe ich der Dame zu signalisieren versucht, aber sie war recht empört ob meiner Zurückhaltung: "Na, Sie werden ja wohl eine Haltung dazu haben, Sie haben doch auch eine Ehefrau." Die dachte ernsthaft, an einem lächerlichen roten Teppich zwischen "RTL Exclusiv" und brüllenden Autogrammjägern ein gutes Gespräch über sexuelle Gewalt führen zu können.

In Ihrer früheren Rolle als Uwe Wöllner hätten Sie so ein Problem nicht gehabt. Uwe wirkt ja fast geschlechtslos. Also, er hat schon einen starken Sexualtrieb, aber der projiziert sich eher auf Frauen, die er im Fernsehen sieht. Michelle Hunziker oder so. Ist das die ultimative Entlastung: Rollen, bei denen man gar nicht mehr in die Versuchung kommt, sie in Bezug auf ein Geschlecht wahrzunehmen?

Nicht nur das. Als Uwe ist vieles leichter, weil ihn die Leute nicht für voll nehmen. Weil alle das Gefühl haben: Von dem geht kein Arg aus, dem Vogel bin ich in allen Belangen überlegen. Das hat den schönen Effekt, dass sich Uwes Gesprächspartner nicht mehr konzentrieren. Sie antworten nicht mehr kalkuliert, und in dem Moment überrumpelt Uwe sie mit schärferen Fragen. Unterschätzt zu werden, ist toll. Nimmt dich dein Gegenüber nicht als Bedrohung wahr, macht es auf. So entstehen die ehrlichsten Gespräche.

Ihr Freund Benjamin von Stuckrad-Barre hat mal geschrieben, dass Uwe auch eine Art Notwehrfigur für dich ist, weil du die Normalität als so anstrengend empfindest.

Uwe ist Urlaub vom Ich, ja. Weil ich als Uwe für nichts, was ich sage, Verantwortung übernehmen muss. Ich kann hinterher immer sagen: Das war ich nicht, das war Uwe. Dieses Abhandensein von Konsequenzen, das ist Urlaub. Eigentlich müsste jeder ab und zu mal Uwe sein dürfen.

Das Christian-Sein in "Jerks" ist dagegen Peinlichkeit mit Ansage, für die Sie, weil Sie ja sich selbst spielen, zur Rechenschaft gezogen werden, auch wenn es nur fiktional ist. Ist das ein Abhärtungsprogramm für die Wirklichkeit?

Auch eine echte Hilfe. Lachen ist ja nicht nur zum Abfeiern von Pointen da, sondern birgt auch spontane Heilkraft bei Schmerzen durch Scham oder andere seelische Qual. Darum passiert es, dass du auf einer Beerdigung plötzlich lachen musst. Grundlos. Humor ist nicht nur die lustige Abendunterhaltung im Bierzelt, sondern soll dir helfen, Elend zu ertragen. Bei "Jerks" lachst du nicht wie bei einer Stand-up-Show aus Spaß, sondern weil es wehtut. Das Lachen ist dann bloß Balsam.

Es ist vor allem ein schmerzhaftes Lachen, weil die Szenen nicht ironisch sind, sondern so wahrhaftig schlimm. Ist in der Komödie gerade generell kein Platz für Ironie? Weil die Wirklichkeit mit Menschen wie Trump und Höcke selbst ständig wie Satire aussieht?

Nein, ich glaube, Ironie funktioniert immer. Je mehr dir weh tut, desto heilsamer das Lachen durch Ironie. Deshalb schaue ich zur Zeit wahnsinnig gern amerikanische Late-Night-Shows. Die tun gut. Es ist eher der kältere Humor, mit dem ich neuerdings Probleme habe.

Haben Sie ein Beispiel?

Das ist keine bewusste Entscheidung, sondern einfach passiert: Ich habe auf einmal keinen Spaß mehr an IBES, der Dschungelshow. Früher nie verpasst, mich immer drauf gefreut, alle pseudointellektuellen Ausreden parat gehabt man schaue hier ein modernes "Herr der Fliegen" und so weiter. Aber da war die Derbheit, der Schuss Menschenverachtung, den man sich für die zwei Wochen mit der Begründung erlaubte, dass die insolventen Kandidaten ja wüssten, worauf sie sich einließen, eingebettet in die wohlige Annahme, dass das nur eine Show ist und der Spaß an der Herabwürdigung anderer mit der Finalshow erst mal wieder vorbei. Und das Gefühl habe ich jetzt nicht mehr. Inzwischen gibt es eine omnipräsente Herabwürdigung anderer durch erstarkte Rechte, die im echten Leben Menschen herabwürdigen und kategorisieren. In so einer Zeit habe ich keinen Spaß an Shows, die mit dem Eindampfen von Empathie experimentieren.

Über etwas zu lachen, ist halt nur dann schön und ungefährlich, wenn man weiß, dass man ein ähnliches Wertesystem hat, von dem aus man auf die Welt schaut.

Kunst und Kultur sind ideale Bühnen für Haltung, und wer auf so einer Bühne steht, hat die Chance, vielleicht sogar die Pflicht, sich klar gegen Strömungen zu stemmen, die nicht stimmen. Die Temperatur des Dschungelcamps, in dem die Protagonisten in sich schlüssig lächerlich gemacht werden, sorgt zumindest nicht dafür, dass es wieder wärmer wird.

Nach dieser Logik würde jemand wie Harald Schmidt, der das politische und soziale Tagesgeschehen früher allabendlich eingeordnet hat, heute also auch nicht mehr funktionieren.

Doch! Er hätte höchstwahrscheinlich niemals geweint, so wie Jimmy Kimmel. Aber Ironie ist ja erst mal nur ein Stilmittel und per se weder warm noch kalt. Mit Ironie kann ich ja alles Mögliche ausdrücken. Ich finde die Frage spannend, wie Schmidt wohl die AfD thematisiert hätte. Und ich freue mich darauf, wie Klaas Heufer-Umlauf das tun wird in seiner Late-Night. Es wäre so toll, wenn wir in Deutschland wieder eine Late-Night-Show-Kultur bekämen.

Aber wir schauen doch auch Jimmy Kimmel auf Youtube. Wir wären doch offen für solche Formate.

Ja, auf Youtube. Aber weil für ProSieben die Quote abends um 23.15 Uhr zählt und nicht der Abruf im Netz, stellt klassische Late-Night in Deutschland weiterhin eine Herausforderung dar.

Zum Abschluss eine Frage an Sie als Schamexperte: Wenn wirklich alles, alles daneben gegangen ist in einer Situation, was ist die beste Exit-Strategie?

Immer die Out-of-Body-Experience. Wie beim klinischen Tod. Aus dem Körper hinaustreten, die Situation von oben betrachten, spüren, wie komisch das alles ist, und dann darüber lachen.

Und den anderen dabei mitnehmen? Also so etwas sagen wie: Mensch, du hast ja selbst gemerkt, die Fragen waren irgendwie nicht so doll, und am Ende hab ich noch aus Versehen deine Mutter beleidigt ...?

Nein! Nein, nein! Auf keinen Fall. Nur für sich selbst. Das Konfrontative ist meiner Erfahrung nach noch peinlicher. Ein lieber Regisseur, mit dem ich gern drehte, hat mir dazu eine fantastische Geschichte erzählt: Er war als Jugendlicher mit seinem besten Freund und dessen Mutter im Fußballstadion. Wichtiges Spiel. Beim Torjubel sprang er auf, riss die Arme zur Seite und griff dabei der Mutter seines Freundes an die Brust. Aus Versehen zwar, aber es war trotzdem kein seichtes Am-Busen-Vorbeistreifen, sondern ein richtiges Hineingreifen in die Mutterbrust. Daraufhin zu sagen: "Gute Frau, Sie haben es ja auch gespürt, ich habe Ihnen da gerade sehr energisch an die Brust gefasst. Mir ist es wahnsinnig peinlich. Wie war es denn für Sie?" das würde es nur schlimmer machen.

Durch seine Scham muss man alleine, da sollte man niemanden mit hineinziehen. Die einzige Möglichkeit ist, hinterher eine Serie wie "Jerks" zu drehen und das ganze gruppentherapeutisch mit den Zuschauern aufzuarbeiten.

Collien Fernandes ist Teil des Flachwitz-Freitages