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Reportage der Woche

Selbstversuch: "Hola Chicas" und Co.: Ich habe versucht, einen Tag lang in "Bachelor"-Sätzen zu sprechen

Beim "Bachelor" reden alle, als würden sie aus "Smalltalk für Anfänger" vorlesen. Finde ich schlimm – musste ich ausprobieren. Der gewillte Leser sei allerdings gewarnt: Das Ergebnis hat selbst mich überrascht. 

Andrej und Jade in der ersten Folge vom "Bachelor"

Jade und Bachelor Andrej lernen sich kennen und mir läuft es kalt den Rücken runter

Es ist 13:30 an einem Freitagnachmittag und ich habe Hunger. Kein Wunder, ist ja auch Mittagessenszeit. Doch statt in die Kantine zu gehen, sitze ich an meinem Schreibtisch im Büro und gucke meine allererste Folge "Bachelor". Ich habe vorher schon ein paar mal reingezappt und dann ganz schnell wieder ausgeschaltet. Ich muss wirklich nicht dabei zugucken, wie sich 20 Frauen um einen Mann prügeln – immer in der vagen Hoffnung, dass sie danach vielleicht bekannt genug sind, um auf Instagram Fitness-Tee zu bewerben. Oder zumindest bei "Promi Big Brother" zu landen. 

Und doch gebe ich mir jetzt genau das: Die volle Dröhnung "Bachelor". Ohne Sofa. Ohne Wein. Ohne Freundinnen, mit denen man sich wenigstens noch das Maul zerreißen könnte.

Warum? Dafür müssen wir von vorne anfangen. Dass tatsächliche Gespräche in Kuppel-Shows wie dem "Bachelor" nicht existieren, stellten wir fest, als mein Kollege es schaffte, die Sendung in 126 Phrasen runterzubrechen, die den Kern jeder Unterhaltung zwischen den Kandidatinnen und dem Junggesellen bilden. Echte Themen? Hitzige Diskussionen, bei denen es nicht um Nichtigkeiten geht? Fehlanzeige.

Wenn überhaupt, wird die Oberfläche angekratzt und man fragt sich immer wieder, wie die Frauen und der Mann ihrer Träume da ernsthafte Gefühle entwickeln wollen, wenn sie sich über den schönen Strand und ihre Heimatstadt ("Oh! Mein! Gott! Du kommst auch aus Hannover?!") unterhalten. Im Grunde ist es ein bisschen, als würden sie ihre Tinder-Bio in Dauerschleife zitieren. "Ich reise gerne." "Ja, ich auch." "Ehrlichkeit und Treue sind mir wichtig." "Ja, mir auch." "Ich liebe Hunde." "Ich bin eher so der Katzenmensch." "Oh nein! Ob es mit uns trotzdem etwas werden kann?" "Ich hoffe doch." Authentizität gleich null. Mein persönliches Grauen.

Kann man es mit "Bachelor"-Plattitüden durchs Leben schaffen?

Wer mich kennt, weiß, dass ich wahnsinnig gerne plaudere. Und manchmal ein kleines Problem mit persönlichen Grenzen habe. Vielleicht muss der Weinhändler nicht unbedingt wissen, dass ich heute Abend einfach ein großes Glas Wein brauche, weil die Woche stressig war und es am Wochenende nicht wirklich ruhiger wird und ... – der will mir einfach nur zeigen, wo der Merlot steht.

Umso interessanter ist also die Frage: Kann man es mit den "Bachelor"-Plattitüden tatsächlich durchs Leben schaffen? Kann ein echtes Gespräch entstehen, wenn man sich im Grunde über nichts unterhält? Zeit für einen Selbstversuch, findet die Redaktion. Genauer gesagt: Zeit, dass ausgerechnet ich diesen Selbstversuch mache. Es gibt zwei Möglichkeiten: Entweder man steckt wegen meines Schauspielstudiums Hoffnung in mich, oder die wollen beobachten, wie ich mich so weit aus meiner Komfortzone bewege, dass diese nur noch ein kleiner Punkt am Horizont ist. So oder so: Ich ahne Böses.

Full Disclosure: Dies ist ein Protokoll meines grandiosen Scheiterns. Ich habe es versucht. Wirklich. Aber irgendwo zwischen Scham, zuviel Nachdenken und der Alltagsuntauglichkeit von schmierigen Nichtigkeiten ist mir das Ganze entglitten.

Wie ich merkte, dass "bachelorisch" nicht alltagstauglich ist

08:00 – "Oh mein Gott, ich kotz' gleich!"

Der Tag ist gekommen, ich habe beschissen geschlafen und schon als ich die Augen aufmache, bin ich so nervös, als müsste ich zum Bewerbungsgespräch. Ich hege heimlich die Hoffnung, dass ich mir über Nacht irgendeine schwere Krankheit zugezogen habe. Mandelentzündung vielleicht. Oder Magen-Darm. Ja, Magen-Darm ist kompromisslos, das wäre jetzt schön. Aber mein Immunsystem macht mir einen Strich durch die Rechnung. Blöder Ingwer-Tee.

Um mich einzustimmen, ziehe ich hohe Schuhe an. Und krame den pinken Lipgloss raus, der seit Jahren unbenutzt in meiner Kosmetiksammlung auf seinen großen Auftritt wartet. Wie die mir jetzt dabei helfen sollen, oberflächlich zu sein, weiß ich auch nicht so genau. Aber es ist zumindest mal das Gegenteil von dem, was ich sonst tun würde. Und vielleicht bin ich ja irgendwann so abgelenkt von den Fußschmerzen, dass ich gar nicht mehr tiefer auf irgendetwas eingehen kann. Wäre doch super.

Kaum habe ich das Haus verlassen, stelle ich fest, dass es letzte Nacht geschneit hat. Und ziemlich glatt ist. Ich ziehe kurz in Erwägung, wieder umzudrehen und doch noch in meine Turnschuhe zu schlüpfen. Aber ich bin spät dran, schon fast an der U-Bahn – und wer weiß, vielleicht ziehe ich mir ja noch einen verstauchten Knöchel oder so zu.

11:00 – "Allein der Gedanke…"

Inzwischen bin ich seit ein paar Stunden im Büro und muss sagen: Ich schlage mich wirklich, wirklich schlecht. Ich möchte so viele Sachen erzählen und so viel besprechen, dass ich einfach gar nichts sage und seit heute Morgen recht wortkarg an meinem Schreibtisch sitze. Dabei habe ich mein Buch schon extra zu Hause liegen lassen und nicht, wie sonst, in der Bahn gelesen. Nur, falls da was Spannendes passiert und ich Redebedarf habe.

Mein Kollege, der normalerweise zu diesem Zeitpunkt schon wüsste, was ich letzte Nacht wieder seltsames geträumt habe, ist völlig verstört und hat vorhin erstmal gefragt, ob ich schlechte Laune habe. Fazit bislang: Ich bin nicht oberflächlich, ich bin einfach nur langweilig. Vielleicht sollte ich meine "Bachelor"-Bibel nochmal studieren.

11:45 – "Ich bin mehr so der romantische Typ."

Eigentlich ist es zu früh zum Rauchen, aber ich habe mich trotzdem in das kleine Qualm-Kabuff auf dem Büroflur getraut. Zum einen, weil meine Nerven trotz aktivem Nichtstun blank liegen und zum anderen, weil ich mich ja nicht den ganzen Tag im Büro verschanzen kann. Jetzt schäme ich mich ein bisschen für mich selber. Ich habe gerade allen Ernstes "Wollen wir nicht alle nur geliebt werden?" gesagt. Wenn der Bachelor das sagt, seufzen alle. Wenn ich das sage, werde ich angeguckt wie ein Pferd. Kein Wunder, dass die in der Show den ganzen Tag saufen.

12:30 – "Ich finde, man sollte sich immer treu bleiben."

Kennt ihr das, wenn man so ein richtig beklemmendes Gefühl auf der Brust hat? Ich habe gerade eine kleine Runde durchs Büro gemacht und gefühlt schon so viel Smalltalk geführt wie im gesamten letzten Jahr. Und wenn ich noch einmal fake-lachen muss, breche ich der entsprechenden Person vor die Füße. Bin ich mir sicher.

Immerhin setzen die Fußschmerzen so langsam ein. Die Hoffnung stirbt also zuletzt.

13:30 – "Das wird nicht leicht für mich."

Jetzt ist also Mittagessenszeit. Und ich traue mich nicht raus. Das ist mir noch nie passiert. Aber wer weiß, wen ich dann treffe. Stattdessen gucke ich die erste Folge dieser Staffel. Da hat gerade eine so Zuckerpulver mitgebracht, "damit es bei uns von Anfang an knistert". WER REDET SO?! Habe übrigens schon vier Mal versucht abzubrechen und schon vier Mal "Du schaffst das!" gehört. Das steht auch auf meiner schlauen Liste mit häufig genutzten "Bachelor"-Sätzen. Vielleicht sollte meine Kollegin übernehmen, die scheint das besser drauf zu haben.

14:15 – "Vom Typ her ist er schon mein Typ"

Habe meine Plattitüden-Liste nochmal studiert. So richtig alltagstauglich ist das alles nicht. Warum sollte ich denn meine Kollegin, in deren Wohnzimmer ich schon tausend Mal versackt bin, fragen, wo sie herkommt? Ich weiß, wo sie herkommt. Und selbst WENN ich heute Abend noch was trinken gehe, um ein paar fremde Menschen – okay, Männer – kennenzulernen und selbst WENN da einer dabei ist, den ich ganz … nett finde, kann ich den ja weder fragen: "Ja, Mensch, Paul, wo kommt denn der Name her?" – noch, ob er meine Rose annehmen will. Tulpe vielleicht, wenn wir in einer Bar mit Zapfhahn sind … you know?! Wegen des Schaums? Oh Gott. Ich hab heute schon zu viel Zeit alleine verbracht. HEY! Ich hab "Oh Gott" benutzt!

14:40 – "Oh mein Gott, ich sterbe!"

Heute ist der schlimmste Tag meines Lebens. Das ist eine Übertreibung, aber ich bezweifle auch stark, dass die Mädels beim Anblick des Bachelors gleich in Ohnmacht fallen, also scheint Dramatisierung ja erlaubt zu sein. Ich bin verstummt. Wie ein Fisch. Weil ich NICHTS zu sagen habe. Bevor ich den Mund aufmache, muss ich meine Gedanken erst stundenlang wälzen, um die richtige Formulierung zu finden und bis dahin ist der Moment drei Mal vorbei. Ist das das Geheimnis? Dass die Damen einfach mal das sagen müssten, was ihnen so spontan in den Sinn kommt?

15:25 – "Noch schöner wäre es gewesen, wenn die anderen nicht dabei gewesen wären."

Bin an einem echten Tiefpunkt angekommen. Habe in einem verzweifelten Vorstoß gerade zwei Kollegen auf dem Flur mit den Worten "Heeey, Chicaaaaas" begrüßt. Fühle mich schmutzig. Die Kollegin, von der ich schon lange weiß, wo sie herkommt, hat mich angeguckt, als hätte ich nicht mehr alle Tassen im Schrank. Ich kann es ihr nicht verübeln.

16:05 – "So schätze ich sie nicht ein."

Noch ein Vorstoß: Habe den Charakter einer Frau mit ihrem Beziehungsstatus begründet. Alias: "Die ist aber verklemmt. Die ist bestimmt Single." Und ich kann nun mit Sicherheit sagen: Im echten Leben wird das nicht mit wilder Zustimmung belohnt. Im echten Leben gucken dich die Kollegen an, als hättest du gerade Alice Schwarzer erwürgt.

19:00 – "Auf was für einen Typ Frau stehst du?"

Dank dem Himmel für Kollegenverabschiedungen! Weil jemand in Elternzeit geht, gibt es Schampus. Nach zwei Gläsern rollen mir die schleimigen Plattitüden schon etwas leichter von der Zunge. Die Kollegen sind perplex: "Flirtest du mit mir?" ES FUNKTIONIERT! Eigentlich aber auch irgendwie schade, dass oberflächliches Fragen nach der liebsten Abendaktivität eher als romantisches Interesse interpretiert wird, als die Suche nach einem tatsächlichen Gespräch. Dürfte aber erklären, wieso ich Single bin...

20:25 – "Leider kommt jetzt der unschöne Teil des Abends."

Wir haben uns aufgerafft und laufen in Richtung Barviertel. Beziehungsweise die anderen laufen. Ich humpele. Der Schmerz in meinen Füßen taugt inzwischen nicht mehr nur zur Ablenkung, sondern auch zur Folter. "Langsameeeeer", rufe ich den anderen hinterher. "Hilft es, wenn ich dir sage, dass sie toll aussehen?", fragt mein Kollege. Vielleicht ein kleines bisschen. "Dankeeee", säusele ich und denke trotzdem weiter sehnsüchtig an meine Sneaker.

21:00 – "Ich werde auf jeden Fall das Gespräch mit ihm suchen."

Wir haben gerade zu Ehren des Bachelors eine Runde jenes gewissen Kokoslikörs bestellt, der in mir vor allem Erinnerungen an schlimme Jugendsünden weckt. Und so langsam mache ich mir Sorgen um meine Flirtkenntnisse. Denn selbst wenn ich meiner Meinung nach schon schlimm-schmierige Sachen sage, kriegt das ganz offensichtlich kein Mensch mit. Als der Barkeeper mit der Flasche im Anschlag zu uns kam, habe ich mich weit über den Tresen gelehnt und mir Genaueres zu besagtem Likör erklären lassen. Ob ich gerne ein wenig Zimt in meinem Drink hätte? "Oh geeeerne! Das riecht ja toll! Hast du dir das selber ausgedacht? Wahnsinn. Hihihihihi!" Als er geht, werde ich von eingeweihten Kollegen gefragt, warum ich denn nicht mit ihm geflirtet hätte. ALS OB ICH MICH FÜR DEN GRUNDALKOHOL VON BATIDA DE COCO INTERESSIERE UND ZIMT AUF KOKOS HAT DER SICH MIT SICHERHEIT NICHT AUSGEDACHT!

21:30 – "Ich kann das hier alles irgendwie nicht mehr."

Habe lehrreiche 15 Minuten hinter mir. Ich habe gelernt, dass die Tatsache, dass ich lieber Bier als Kokoscreme trinke und mich lieber über systematischen Sexismus in der Gesundheitspolitik unterhalte als über die Herkunft meines Namens zu plaudern, dazu führt, dass Männer mit mir lieber nett ein Bier trinken gehen wollen, als in mir eine potenzielle Partnerin zu erkennen. Kann mich irgendwie nicht dazu durchringen, das problematisch zu finden.

Fazit – "UND? WIE WAR'S???"

Bachelor-Plattitüden sind null-komma-überhaupt-gar-nicht alltagstauglich. Dieser Tag hat mir wieder einmal gezeigt, wie durchgescripted die Sendung ist, denn so wie die da miteinander umgehen, redet kein Mensch. Und: Bedeutungsloser Smalltalk will gelernt sein. Man würde meinen, dass leere Worte leichter von den Lippen rollen, aber das ist nicht wahr – im Gegenteil! Jedoch: Auch wenn diese Art von Konversation light nicht helfen mag, einen Menschen tatsächlich näher kennenzulernen, scheint sie doch inzwischen so in unsere Vorstellung eines Kennenlerngesprächs übergegangen zu sein, dass sie einem Gegenüber automatisch romantisches Interesse signalisiert. Wer weiß, vielleicht wird es mir ja irgendwann nochmal nützen. Und jetzt muss ich dringend meiner völlig traumatisierten Kollegin mitteilen, dass ich weder einen Schlaganfall hatte, noch vorhabe, sie ihrem Freund auszuspannen.

Das Allerschlimmste an der ganzen Sache ist aber eigentlich, dass ich jetzt schon weiß, dass ich die nächste Mittwochabende auf dem Sofa werde verbringen müssen. Ich weiß schon, wieso ich mir sowas normalerweise nicht angucke. Denn obwohl mir das Konzept immer noch absolut zuwider ist, bin ich nach meiner ersten kompletten Folge natürlich HOOKED und muss wissen, wer das Rennen um das Herz des Bachelors gewinnt. Es war so klar. 

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