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Kommentar

Festival-Saison: Pfeift endlich mal aufs Aussehen! Warum mich stylische Festival-Besucher verrückt machen

Die Festival-Saison steht vor der Tür. Aber irgendwie werden Festivals  immer mehr von überstylten Menschen eingenommen. Dabei sind Aussehen und Styling dort wirklich Nebensache, wie unsere Autorin findet. Ein Hoch auf Matsch und Regenjacken!

Von Linda Göttner

Drei Frauen auf einem Festival, die ein Selfie von sich machen

Festivals werden immer mehr zu Style-Events, bei denen es mehr ums Aussehen als um die Musik geht

Getty Images

Liebe Festival-Styler,

ich möchte direkt mit einer Forderung beginnen: Bitte hört endlich auf, Festivals zum Laufsteg zu machen.

Denn: Modische Mädchen, von oben bis unten durchgestylt, mit Glitzer-Make-up und Designer-Handtasche ausgestattet, sind nicht nur zum Sinnbild des Coachellas geworden. Auch in erobern sie die Festivals. Immer mehr Blogger nutzen die Events als Fotokulisse für Werbepartnerschaften und machen Festivals zum Lifestyle-Mainstream. Und auch viele ganz normale Besucher scheinen sich vor allem ums Outfit Sorgen zu machen. Dabei geht es doch eigentlich um ganz andere Dinge ...

Ich selbst bin noch kein langjähriger , aber wenn ich etwas gelernt habe, dann ist es, dass Styling dort wirklich nebensächlich ist. Und das lehrte mich schon mein erstes Festival.

Wenn keiner duschen kann, interessiert's auch keinen

2016 besuchte ich das "Rocken am mitten im Wald im Harz. Die Mutter meiner Freundin empfahl ihr vorher: "Nimm am besten die Kosmetiktasche zum Aufhängen mit, dann kannst du sie im Waschraum aufhängen." Vor Ort erkannten wir schnell: Mit Waschräumen war da nicht viel, schon gar nicht mit Duschen. Der Campingplatz hatte gerade einmal eine kleine Wasserstelle für alle, schlicht auf der Wiese installiert. Zum Glück hatten wir vorgesorgt und einen Wasserkanister mitgenommen, der zumindest fürs Zähneputzen reichte.

Was jetzt erst einmal eklig klingt, wurde schnell zu einer Selbstverständlichkeit. Es konnte schließlich keiner duschen und sich im Spiegel begutachten – also machte sich auch niemand mehr Gedanken über sein Styling. Und wie man sich das für ein Sommer-Festival im Juli wünscht, hat es ordentlich geschüttet. Nicht nur das Zelt war durch, auch wir, unsere Haare, unsere unfachmännischen Regenjacken, einfach alles. Aber irgendwie war das egal. Dadurch, dass gar nicht die Möglichkeit bestand, sich frisch zu machen, wurden wir einfach eins mit der Natur. Gut, am dritten Tag hatte sich der Geruch im Zirkuszelt schon etwas verändert …

Aber vielleicht machte auch gerade das die Besonderheit des Festivals aus: Es waren Tage außerhalb der Komfortzone. Wir kamen über den Überfluss unseres sonstigen Alltags hinweg und konnten einfach unbedarft sein, wie wir sind. Von dem Festival blieb uns nicht nur die Erinnerung an tolle und Freundschaft, sondern auch die Erkenntnis, dass man ganz gut auskommt, wenn man sich nicht ständig Gedanken über sein Aussehen macht. Ein Festival, bei dem man den Spirit von Musik und Natur zu spüren bekam. Als wir nach Hause fuhren, sprachen wir von der Rückkehr in die Zivilisation.  

Chanel-Merchandise – im Ernst?

Ganz anders sah das ein Jahr später aus: 2017 hatten Festivals schon ordentlich Konjunktur und so waren auch zahlreiche Styler beim MS Dockville in  vertreten. Klar, man hätte sich denken können, dass bei einem Festival in der Stadt viele Menschen in Hamburg wohnen, sich zuhause schick machen und keine Nacht im durchnässten Zelt verbringen.

Wir hingegen taten das. Schon auf dem Weg zum Zeltplatz steckten wir bis zu den Knöcheln im Schlamm und bauten unser Zelt in einem tümpelartigen Biotop auf. Matsch gehörte in den nächsten Tagen dazu und der macht eben auch vor der Zelttür nicht Halt. Die Duschen waren nach flutartigen Regenfällen am ersten Tag übrigens überschwemmt und unbrauchbar. Also warum seine besten Klamotten anziehen? Nachdem wir durch den Sumpf zum Festival-Gelände gewatet waren, mit den Gummistiefeln von Oma und dem übergroßen Regenmantel von Papa, kamen uns dort topgestylte Glitzermenschen entgegen. Perfektes Make-up, durchdachte Outfits, manch eine trug eine Designer-Umhängetasche, ein paar bekannte Blogger waren darunter. Ähnliche Bilder sah man auch vom Lollapalooza in Berlin und vom Parookaville in Weeze.

Aber die Krönung der Kommerzialisierung und Ästhetisierung des Festivals war der Chanel-Merchandise-Stand. Ein Lipgloss, wie Lily-Rose Depp ihn präsentiert, ist genau das, was man sich dort wünscht. Weil die Haare so gut darin verkleben und der einfach so schön unter der Kapuze hervorstrahlt.

Mädchen in Regenjacke macht Peace-Zeichen vor Chanel-Plakat

Chanel-Merchandise auf dem MS Dockville 2017

Einfach mal auf das Aussehen pfeifen

Und plötzlich wünschte ich mir den Wald des Harzes zurück. Auf ein Festival sollte man sich entweder ganz oder gar nicht einlassen und damit auch auf das Draußen-Sein mit allem was dazu gehört. Natürlich kann man das auch in schön. Das hier ist kein Aufruf zum hässlichen Festival-Besuch. Vielmehr geht es darum, sich frei zu machen vom Mainstream des Aussehens, zu dem mittlerweile auch das einst so individuelle Glitzer-Make-up geworden ist. Man sollte wettertechnisch denken, statt übertrieben modisch. Denn wenn man den langersehnten Headliner um 23 Uhr anhört, will man nicht zu Gunsten der Schönheit frieren – da trägt man halt auch mal drei Pullover und zwei Regenjacken übereinander, wenn der August es mit dem Wetter nicht so gut meint. 

Festivals sind nicht Komfort und Schönheit. Festivals sind Musik, Freundschaft und das Gefühl, das man gewinnt, wenn einem Aussehen egal wird. Sie sind nicht umsonst im Moment so beliebt, weil sie eine kleine Auszeit vom normalen Leben sind. Also kann man getrost auch Beauty-Artikel und Modeaccessoires zu Hause lassen – und vor allem den Drang, sich präsentieren und gesehen werden zu wollen.

Ein Paar liegt mit Laptop im Bett