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Latitude Festival Ohne Corona-Beschränkungen: Briten feiern Musikfestival mit 40.000 Zuschauern

Großbritannien, Southwold: Festivalbesucher kommen beim Latitude Festival an
Großbritannien, Southwold: Festivalbesucher kommen beim Latitude Festival an
© Jacob King/PA Wire / DPA
Nach vollen Stadien während der Fußball-EM wagt Großbritannien den nächsten Feldversuch in der Pandemie: In Southwold findet ein viertägiges Musikfestival statt, rund 40.000 Zuschauer werden erwartet. Der Veranstalter verspricht "sichere Umarmungen".

Das Latitude Festival trägt sein Produktversprechen schon im Namen: Freiheit und Spielraum – in den kommenden vier Tagen dürfte praktisch jede der Übersetzungsmöglichkeiten zutreffen. Denn in Southwold, nordöstlich von London, geht das weltweit erste vollumfängliche Musikfestival seit Beginn der Coronapandemie über die Bühne. Nach Angaben der Veranstalter werden 40.000 Zuschauerinnen und Zuschauer erwartet.

Großbritannien wagt nach vollen Fußball-Stadien bei der Europameisterschaft damit den nächsten Feldversuch. Auf dem Gelände sollen weder Abstandsregeln noch andere Anti-Corona-Maßnahmen gelten, auch das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes ist nicht verpflichtend – wenngleich die Veranstalter die Festivalbesucher dazu "ermutigen" möchten.

Allerdings ist etwa der Nachweis eines negativen Coronatests oder des doppelten Impfschutzes erforderlich. Für Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus Wales, Nord-Irland und Schottland gelten gesonderte Regeln. "Die Menschen werden dazu in der Lage sein, auf und ab zu springen, mit ihren Armen herumzuschwingen und jemanden sicher zu umarmen", versprechen die Veranstalter. 

Feldversuch für künftige Veranstaltungen

Das Staraufgebot ist groß – unter anderem werden Bands wie Wolf Alice, The Chemical Brothers, Bastille und Bombay Bicycle Club auftreten –, nach Angaben der Veranstalter werden auch Abgeordnete des Unterhauses unter den Festivalbesuchern sein. Angesichts der Auflagen ist die Teilnahme einiger namhafter Politiker allerdings ausgeschlossen: Der britische Premier Boris Johnson hat sich nach einem Treffen mit dem coronainfizierten Gesundheitsminister Sajid Javid in Quarantäne begeben, ebenso Finanzminister Rishi Sunak. 

Das Latitude Festival ist Teil des Events Research Programme (ERP), das im Februar von der britischen Regierung aufgesetzt wurde. Im Rahmen des Programms soll unter anderem untersucht werden, wie sich Massenveranstaltungen auf das Infektionsgeschehen auswirken, wie diese sicherer gestaltet werden können und welche Maßnahmen gegen die Ausbreitung des Erregers helfen. Auch das Finale der Fußball-EM im Wembley-Stadion mit 60.000 Zuschauern war Teil der ERP-Untersuchungen. 

Wie die BBC berichtete, seien bei den ersten Pilotprojekten – wie den Brit Awards, einer Preisverleihung, oder dem FA Cup, dem englischen Pendant zum DFB-Pokal – keine größeren Corona-Ausbrüche festgestellt worden. Demnach seien nur 28 Corona-Fälle nach neun Großveranstaltungen registriert worden.

"Und das ist der Punkt, an dem die Kristallkugel zu versagen beginnt"

Seit vergangen Montag – von Premierminister Johnson zum sogenannten "Tag der Freiheit" ausgerufen – basiert die englische Corona-Strategie vor allem auf Eigenverantwortung. Die meisten Anti-Corona-Maßnahmen gelten nicht mehr, Masken sind an den meisten Orten freiwillig wie Abstandhalten. Auch in Clubs, auf Privatpartys oder in Kinos gelten praktisch keine Beschränkungen mehr – wenngleich in manchen Bereichen der Impfnachweis nötig ist.

Die Regierung des konservativen Premierministers Johnson hatte den hochumstrittenen Öffnungsschritt mit der hohen Impfquote im Land begründet. Mehr als zwei Drittel der Erwachsenen sind bereits vollständig geimpft. Dennoch sind Wissenschaftler über das Vorgehen der Regierung irritiert.

Bereits jetzt breitet sich die hochansteckende Delta-Variante des Coronavirus in Großbritannien stark aus. Die Zahl der Neuinfektionen steigt wieder rasant an. Großbritannien verzeichnet inzwischen zwar deutlich weniger Todesfälle als in früheren Corona-Wellen, doch die Zahl der Krankenhauseinweisungen nimmt wieder zu. Ein starkes Ansteigen der Fallzahlen würde nach Angaben von Medizinern den Gesundheitsdienst NHS unter Druck setzen. 

Der Epidemiologe Neil Ferguson vom Imperial College London warnte, Großbritannien könnte wegen der rasanten Ausbreitung der Delta-Variante schon bald 100.000 neue Fälle pro Tag verzeichnen. "Die eigentliche Frage ist, ob wir auf das Doppelte der noch höher kommen. Und das ist der Punkt, an dem die Kristallkugel zu versagen beginnt", sagte er der BBC.

Quellen:BBC, "Daily Mail", mit Material der Nachrichtenagenturen DPA und AFP

fs

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