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Nach Trumps Tirade: Nicht nur "gefährlich" und "ekelhaft": Warum Baltimore wirklich eine besondere Stadt ist

Für US-Präsident Donald Trump ist Baltimore ein von Ratten befallener Ort, an dem kein menschliches Wesen leben wolle. Aber abgesehen von der unsäglichen Ausdrucksweise ist die Ostküstenstadt viel mehr als das – nämlich eine kulturelle Metropole.

Baltimore

Eine Wand der Liebe in der Hauptstadt des Verbrechens: Baltimore bietet deutlich mehr als sein schlechter Ruf

Donald Trump hat mal wieder mächtig auf die Pauke gehauen. Baltimore, die vom Verbrechen geplagte Großstadt im US-Bundesstaat Maryland, sei "ein widerliches, von Ratten und Nagetieren befallenes Chaos", schrieb der US-Präsident bei Twitter.

Zudem griff Trump den Kongressabgeordneten des Wahlbezirks, Elijah Cummings, scharf an, nachdem dieser Kritik an der Migrationspolitik des Weißen Hauses geäußert hatte. Cummings habe sich über die "großartigen Männer und Frauen des Grenzschutzes" und die Lage an der Südgrenze der USA ausgelassen, während "sein Baltimore-Wahlkreis weitaus schlimmer und gefährlicher" sei. 

Baltimore: Was ist dran an Trumps Tirade?

Nun ist es natürlich einerseits die Frage, ob man als Präsident eine Stadt seines eigenen Landes auf diese Weise diffamieren sollte (natürlich nicht!) oder ob man sich damit bloß selbst entblößt (absolut!) und mal wieder lächerlich macht (auch das!). Andererseits gehört es inzwischen zur traurigen Routine, die Äußerungen des POTUS erst einmal auf ihren Wahrheitsgehalt zu überprüfen (welche Absicht er mit ihnen verfolgt, könnt ihr übrigens aktuell bei den Kollegen von "Spiegel Online" nachlesen).

Abgesehen von Trumps unsäglicher Wortwahl ist die Ostküstenstadt tatsächlich eine Metropole des Verbrechens: hohe Mordrate, fast ein Viertel der Bewohner lebt unterhalb der Armutsgrenze. Aber auch kaum eine US-Stadt vergleichbarer Größe hat noch eine derart bunte Kunst- und Kulturszene wie Baltimore.

Denn während andere Städte wie San Francisco diesbezüglich nur noch von der Vergangenheit zehren, weil sich kein junger Künstler das Leben dort noch leisten kann, bleibt der Underground von Baltimore beweglich.

Der queere Kultregisseur John Waters, mit umstrittenen Trash-Klassikern wie "Pink Flamingos" einer der künstlerischen Pioniere aus Baltimore, hat in einem Interview mit der "New York Times" gesagt: "Früher sagten die Leute: 'Ich bin hierhergezogen', und dann wurden sie gefragt: 'Warum?' Und heute sage ich, dass ich ein Apartment in New York habe, und die Leute fragen: 'Warum?'"

Waters' Werke haben Baltimore ebenso auf die kulturelle Landkarte gesetzt wie jene von David Simon. Der Produzent und Drehbuchautor schuf mit seiner legendären Serie "The Wire" vielleicht das nachhaltigste Porträt der Stadt. In dem Crime-Drama steht Baltimore stellvertretend für die postindustrielle US-Großstadt, in der Korruption, Drogenhandel und Rassismus regieren.

Wer in Baltimore bleibt, der bleibt bewusst

"The Wire" hat Baltimore zu einer Stadt mit eigenem Charakter gemacht – vielleicht sogar zu sehr? In "Willkommen in Lake Success", dem aktuellen Roman des Schriftstellers Gary Shteyngart, macht eine Gruppe deutscher Touristen eine "Wire"-Tour durch West Baltimore. 

Besucher betrachten das Elend wie in einem Freizeitpark: Ist Baltimore also eine Stadt ohne Hoffnung? Eben nicht, denn wie so oft in prekären urbanen Lebenssituationen blüht auch in Baltimore eine beispielhafte Indie-Szene, aus der es Bands wie Future Islands zu internationaler Bekanntheit gebracht haben. Lokale Musiker wie Abdu Ali kombinieren Rap und Punk und Club-Sounds zu aufregenden Mixturen.

Wer in Baltimore bleibt, um hier etwas zu bewegen, entscheidet sich bewusst dafür. Der beliebte Baseball-Star Adam Jones spielte über zehn Jahre für die Baltimore Orioles und sagte einmal, dass sein Lieblingsort in der Stadt der Flughafen sei. Niemand nahm es ihm wirklich übel, er blieb schließlich trotzdem ein Jahrzehnt.

Die Künstler lassen die Stadt nicht alleine

Wer bleibt, nimmt auch die Probleme in Kauf – und die sind trotz aller Szenevielfalt massiv: 2015 ging der Fall des Freddie Gray um die Welt, jenem Schwarzen, der in Polizeigewahrsam schwere Verletzungen erlitt, an deren Folgen er eine Woche später starb.

Es folgten gewalttätige Unruhen in der Stadt, in den Monaten danach stieg die Mordrate noch weiter an. Die drei Polizisten, die sich für den Tod von Freddie Gray vor Gericht verantworten sollten, kamen ungeschoren davon – leider kein ungewöhnlicher Fall für eine Stadt mit langer Tradition rassistischer Unterdrückung und Gewalt.

Kein Künstler kann diese Ungerechtigkeiten ignorieren, aber umso höher ist es jedem von ihnen anzurechnen, wenn sie den Moloch Baltimore mit ihren Werken nicht widerspruchslos seinem Schicksal überlassen. Und umso tiefer ist Trump mit seiner Tirade selbst für seine Verhältnisse auf dem schmutzigen Boden der Verunglimpfung und Aufwiegelung angekommen.

tim