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Kurzgeschichte

NEON-Kurzgeschichte: Bier, Minze und eine Nacht im Heu - wenn der Heimatbesuch zum Liebesabenteuer wird

Tines Besuch in der Heimat startet unspektakulär. Doch dann kommen in der Dorfkneipe alte Erinnerungen wieder hoch, und der Abend endet mit einem denkwürdigen Erlebnis in der Scheune. Eine fiktive Geschichte übers Nachhausekommen und unerwartetes Kribbeln im Bauch. 

Von Ninia "La Grande" Binias

Küssendes Paar

Manchmal warten in der Heimat mehr Überraschungen auf einen als gedacht.

Als Tine aus dem Zug stieg, regnete es. Natürlich. Hier regnete es fast immer. Sie hatte keinen Regenschirm dabei. Weiter vorne, unter dem Dachvorsprung des klitzekleinen Bahnhofsgebäudes, sah sie ihren Vater wild winken. Sein großer, gelber Schirm als Leuchtzeichen für ihr Ziel. Es hat sich nichts verändert, dachte sie. Vor sieben Jahren hatte Tine das kleine Dorf in Norddeutschland verlassen. Nur raus wollte sie damals. Raus aus der Enge der Dorfgemeinschaft, die dir den Hals zuschnürt, sobald du einen Fehler machst.

"Bist du verrückt, Tine? Hast du keinen Schirm eingepackt? Komm her, ich nehme deine Tasche!" 

"Hallo Papa."

Das roch wie immer. "Und, gibt’s was Neues, Papa?"  

"Der Michi wird jetzt Vater – der hat doch die, na, wie heißt sie noch, diese Blonde aus dem Jahrgang unter dir, geheiratet." 

"Julia?" 

"Ja, genau!" 

"Im Zweifel heißt sie immer Julia, Papa."  

Tine grinste. Sie würde es nie verstehen. Das Bedürfnis so vieler ihrer alten Freundinnen und Freunde, hier zu bleiben. Für immer. Eine zukunftssichere Ausbildung, Hausbau, Heirat, – und dann war das Leben mit Mitte Zwanzig so sicher vorbestimmt wie die Wettervorhersage bei der "Tagesschau".

"Irgendwas wird schon kommen"

Tines schob ihr ein Stück Zuckerkuchen auf den Teller. 

"Jetzt erzähl mal, mein Kind, wie soll es weitergehen?" Darauf hatte sie gewartet. "Keine Ahnung, Mama. Aber irgendwas wird schon kommen." 

"Ich habe mit Birgit gesprochen, zur Not kannst du auch bei ihr im Salon..." 

"Mama!" 

"Ich will nur helfen, mein Schatz!"


"Und als ich sie gefragt habe, wo ich dann wohnen soll, hat sie geantwortet: Na, bei uns!" 

Tine lachte schallend und schnippte die Asche ihrer ins Schnapsglas. 

"Ich bitte dich, als würde ich das länger als drei Tage Weihnachten ertragen." 

Caro zog sich einen perfekten Lidstrich. 

"Das ist lächerlich, Tine. Du hast Soziologie studiert." 

"Ich habe mein Soziologiestudium abgebrochen", korrigierte Tine. 

"Das ist doch egal, du kriegst das schon hin." Caro drehte sich um und strahlte. 

"Ach, Caro, niemand weiß, warum du dich für ein Besäufnis im Dorfkrug so aufbrezelst, aber du siehst großartig aus." 

Ben sah aus wie damals

Es roch nach Bier, kaltem Rauch und Kornpfützen auf Thekenholz, als Tine und Caro die Tür zur einzigen Dorfkneipe öffneten. "Das in Berlin – und die Leute rennen dir den Laden ein, ich sage es dir", schrie Tine Caro ins Ohr. Das halbe Dorf war da. Im Hintergrund klackerten Billardkugeln aneinander. Irgendjemand warf Münzen in einen Spielautomaten. 

"Zwei Bier, zwei Korn?" Ben lächelte und stellte das Tablett neben den beiden Frauen ab, die gerade erst dabei waren, ihre Jacken auszuziehen. 

"Ben!", jauchzte Caro. "Tine, du erinnerst dich?" Tine erinnerte sich nur zu gut. 

"Du warst das Arschloch, das mir den Zopf abgeschnitten hat – achte Klasse Chemieunterricht." 

"Wie ich sehe, sind sie ja nachgewachsen", sagte Ben trocken. Tine musterte ihn. Ben sah aus wie damals. Dunkelblond, verschmitzt, mit sichtbaren Adern an den Unterarmen. Seine Haare waren schulterlang und am Hinterkopf zu einem schnellen Knoten gefriemelt. 

"Prost!", rief er.

Eine Stunde später ließ Ben die schwarze Acht in der linken oberen Ecke versinken. "Ach, fick dich doch!", rief Tine. "Wieso verrätst du mir nicht vorher, dass du Profi bist."

"Vielleicht bist du auch einfach nur sehr schlecht", lachte Ben. 

Es war – für diesen Moment, für diesen Abend – genau die richtige Mischung

"Ok, Herausforderung angenommen", blinzelte Tine kampfeslustig, "wenn ich gewinne, gibst du eine Runde für den ganzen Laden aus." 

"Gut“, antwortete Ben, "und wenn ich gewinne, küsst du mich." 

"Oh, really?! Ist das dein Ernst? Sind das die Regeln, die hier immer noch gelten?" 

Tine wurde warm. Sie hatte so gar keine Lust auf hundert Jahre alte Flirtspielchen und gleichzeitig wünschte sie sich, dass in der nächsten Runde nicht plötzlich ein Billardtalent aus ihr werden würde.

Ben schmeckte nach Bier, Zigarette und Minze. Es war – für diesen Moment, für diesen Abend – genau die richtige Mischung. Sie standen vorm Dorfkrug. Es regnete immer noch. Natürlich. Tine mit zerwühltem, nassem Haar und Bens warmem Atem an ihrem Hals. Ihre Hände wanderten an seinem Rücken herunter. Er umfasste ihren Po, hob sie an und drückte sie gegen die Holzverkleidung der kleinen Dorfkneipe. 

Ben fuhr mit einem Strohhalm ihren Körper entlang

Tine liebte das. Sie schloss ihre Beine um seine Hüfte und ließ ihn ihre Arme nach oben gegen die Wand drücken. "So bezeichnest du also einen Kuss nach einem verlorenen Billardspiel?" Ben grinste. "Das habe ich mir gewünscht, seitdem ich deinen blonden Zopf in der Hand hatte." 

Der Hof, den Ben bald von seinen Eltern übernehmen würde, lag in völliger Dunkelheit – er aktivierte die Taschenlampe an seinem Handy. Von weitem war Hundegebell zu hören. 

"Komm, wir gehen in die Scheune!" 

Tine kicherte. 

"Ich glaub’s nicht, Ben, erst diese Billardnummer und jetzt schleppst du mich ins Heu?" "Nein, du kannst die Leiter gerne selbst hochklettern", grinste Ben. 

Obwohl sie auf dem Dorf aufgewachsen war, hatte Tine nur als Kind im Heu übernachtet. Jetzt hatte sich doch einiges verändert. Sie lag nackt auf dem Bauch und Ben fuhr mit einem Strohhalm langsam ihren ganzen Körper entlang. Irgendwann setzte er sich auf sie und begann, ihren Rücken zu massieren. Gleichzeitig küsste er ihren Hals. 

"Sag mir, wie du es haben willst." Tine schluckte. 

"Ich, äh, das ist superschön so." 

"Tine, sag mir, was ich mit meinen Händen machen soll. Und wo." Tine überlegte kurz, dann entspannte sie sich und dirigierte Bens Finger in Richtung Unterleib.

"Und, ist gar nicht so schlecht zuhause, oder?"

Am nächsten Morgen blitzten Sonnenstrahlen durch die Ritzen der Holzscheune. "Was für ein Klischee", dachte Tine und schaute auf den nackten Ben, der immer noch neben ihr lag. Er bewegte sich, drehte sich zu ihr und blinzelte: "Ok, wann sagen wir es meinen Eltern?" Tine starrte ihn an. "Das war ein Witz, Tine!" Ben lachte. 

"Apropos Eltern", antwortete sie, während sie ihren BH im Rücken schloss, "da muss ich jetzt auch mal hin." 

"Zehn Minuten länger können die auch noch warten", sagte Ben und umfasste ihr Handgelenk. 

Als Tine in den Zug stieg, sah sie im linken Augenwinkel ihren gelb-beschirmten Vater winken. Sie ließ sich in einen Sitz fallen. Caro hatte ihr zahlreiche Nachrichten geschickt. Die letzte lautete: "Und, ist gar nicht so schlecht zuhause, oder?" Tine tippte: "Zumindest nicht schlechter als Tinder-Dates in Berlin."

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