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Kolumne

Die NEON-Singles – Gemeinsam einsam: Zum ersten Mal seit 10 Jahren Single und jetzt auf Tinder: Diese Lektionen habe ich gelernt

In der Kolumne "Gemeinsam einsam" schreiben NEON-Singles über Tücken, die das ledige Leben mit sich bringt. Heute berichtet unsere Autorin von ihren allerersten drei Tinder-Dates – und welche Erkenntnisse sie für ihr neues Solo-Dasein davon mitgenommen hat.

NEON Single Kolumne: Was ich aus drei Tinder-Dates gelernt habe

NEON Single Kolumne: Diese Lektionen habe ich aus meinen ersten drei Tinder-Dates gelernt

Getty Images

Single sein. Wie geht das eigentlich? Die letzten zehn Jahre verbrachte ich in zwei langen Beziehungen. Nur für mich zu sein, ist also eine Rolle, an die ich mich nun erst einmal gewöhnen muss. Direkt nach der Trennung gönnte ich mir erstmal einen ausgiebigen #selfcare-Urlaub in der Karibik. Wieder zu Hause angekommen, meldete ich mich ein paar Wochen später bei Tinder an.

In den vergangenen Jahre hatte ich meinen Single-Freundinnen neugierig über die Schulter geguckt, während sie wildfremde Typen mit einem lässigen Swipe auf ihren Handys bewerteten. Neugierig war ich immer noch. Es ist allerdings nicht so, als würde ich mir erhoffen, mich direkt unsterblich zu verlieben. Ich bin ganz und gar nicht auf der Suche nach der nächsten Beziehung. Für mich ist es jetzt mal an der Zeit, mit mir alleine glücklich zu sein – und mein Solo-Dasein zu genießen. Aber so ein bisschen Ablenkung kann sicher nicht schaden.

Tinder also. Zunächst stelle ich fest: Die Auswahl ist bescheiden. Von 50 Typen bekommt durchschnittlich einer ein Like von mir. Die erste Erkenntnis beim Tindern ist: Nur weil man miteinander matcht, heißt das noch lange nicht, dass einer von beiden auch schreibt. Zudem gibt es so etwas wie kostbare Super-Likes, die einem irgendwie besonders schmeicheln sollen, aber im Endeffekt auch nur ein leicht schlechtes Gewissen auslösen, wenn man nach dem ersten Blick nach links wischt – und den Typen somit in die ewigen Jagdgründe des Online-Dating verbannt. Mein zweites Match schrieb mir doch tatsächlich sofort super anzügliche Nachrichten à la: "Ich hoffe, wir landen danach bei dir im Bett." Ehm, nee.

Doch irgendwann lief es ein wenig besser. Mittlerweile habe ich mich jedenfalls mit drei verschiedenen Herren getroffen. Folgendes habe ich daraus gelernt.  

Tinder-Date Nummer 1: Der zum Fremdschämen

"Lust, dass wir uns die Tage mal auf eine Zigarette treffen?", frage ich Kandidaten Nummer Eins nach dem Match und fühle mich dabei sehr lässig. In seinem Profil stand etwas von Raucher und da dachte ich mir: Eine Zigarettenlänge ist ein guter Anfang für dein erstes Tinder-Date – als hätte ich es geahnt. Nicht nur lässt mich Fabian* ganze 25 Minuten warten (sein Taxi stecke im Verkehr fest, es bleibt eine bodenlose Frechheit und außerdem: Wer bitte fährt an einem Samstagnachmittag mit dem Taxi?), er sieht außerdem absolut nicht so aus, wie seine Profilbilder es versprachen.

Als ich mich zu ihm umdrehe, bin ich so perplex wie seit Ewigkeiten nicht mehr und ringe um Fassung. Das erste was ich reflexartig tue, ist ihm meine Hand entgegenzustrecken. Statt einer Umarmung, wie es sich wohl für ein Date gehören würde. Der erste Gedanke, der mir kommt, tut weh: Ich will nicht mit ihm gesehen werden. Ich schäme mich fremd für diesen Mann, den ich nicht kenne, der jetzt aber unbedingt mit mir einen Kaffee trinken will. Statt wie normale Menschen in ein Café zu gehen, schlage ich vor, uns einen Cappuccino beim Kiosk zu holen, um dann auf die besagte Zigarette auf eine nahe gelegene Parkbank zu gehen.

"Deine Körpersprache verrät mir, dass ich nicht gerade das bin, was du erwartest hast." Extrem dankbar über diese ehrliche Beobachtung greife ich den Faden auf und erkläre, dass er damit wohl richtig liegt. Nicht nur ist der Mann Welten davon entfernt, in irgendeiner Weise mein Typ zu sein (die Fotos waren wohl nicht nur sehr alt, sie lassen ihn auch deutlich cooler erscheinen als er tatsächlich ist), er wirkt auch noch ungepflegt. Und das, liebe Leute, geht nun mal gar nicht.

Der Typ gibt sich alle Mühe, cool zu sein. Doch während wir da auf der Bank sitzen, ringe ich immer noch mit meiner Fassung. Ich starre auf seine glänzenden Haare, seine 2000er-Hose, die aus verschiedenen Jeansstoffen zusammengenäht ist und ziehe hektisch an meiner Zigarette. Nachdem wir ein paar Minuten über seine bisherigen Tinder-Erfahrungen sprechen (ich habe schließlich noch keine), stehe ich auf und gehe. Kurz und schmerzlos – unangenehm ist es trotzdem. Während ich durch den Park laufe und inständig hoffe, dass mich niemand gesehen hat, den ich kenne, schüttle ich die Anspannung ab und muss schließlich herzlich lachen. War ja klar, dass mein erstes Tinder-Date eine absolute Katastrophe wird. Meine Freundinnen werden später sagen: So etwas sei ihnen noch nie passiert. Lektion Nummer 1: Fotos können lügen, und zwar so richtig.

Tinder-Date Nummer 2: Der gelehrte russische Psychiater

Nach Schockdate Nummer 1 ziehe ich mich unwillkürlich für zwei Wochen aus der App zurück, bevor ich an einem öden Sonntagnachmittag mal wieder Lust auf Tindern bekomme. Viktor* möchte mich auf ein Glas Weißwein einladen. Wir treffen uns in einer Studentenbar. Mein erster Eindruck: charmantes Lächeln, nur ein wenig zu klein für mich. Aber er kommt rüber wie ein ganz normaler Dude, mit dem ich mich gern eine Weile unterhalten möchte. "Was machst du beruflich?", frage ich irgendwann – ahnungslos darüber, dass seine Antwort unser Date-Schicksal besiegeln wird. Psychiater in einer Klinik ist er. Das ist doch ein schlechter Scherz, fluche ich in Richtung Tinder-Gott. Mein Ex-Freund ist Psychologe und ich bin mir momentan wirklich sicher, dass ich niemals wieder einen Psychologen daten werde. Und das lasse ich jetzt einfach mal so stehen.

Wir unterhalten uns für gute eineinhalb Stunden bevor ich zu einer wohl geplanten Verabredung mit einer Freundin muss. Er kommt mir zwischendurch vor wie ein Professor, der mir ziemlich fundierte Vorträge über Wladimir Putin, den Ukraine-Konflikt und Katharina die Große referiert. Unsere bis dato einzige Gemeinsamkeit ist, dass auch ich, genau wie der gute Viktor, russlanddeutsche bzw. russische Wurzeln habe. Teilweise komme ich mir dabei sogar ein wenig blöd vor, da sich mir das Gefühl aufdrängt, ich sollte auch mehr darüber wissen. Der Funke zwischen uns springt jedenfalls nicht über. Eine Sache wird mir während des Dates schmerzlich bewusst: Ich könnte mich nicht auf jemanden einlassen, der den gleichen Beruf wie mein Ex hat. Ich werde mir – unter anderem – nämlich niemals wieder auch nur eine weitere Geschichte über eine abgedrehte, selbstmordgefährdete Borderline-Patientin anhören können. Lektion Nummer 2: Ich bin nun wohl das, was man offiziell "vorbelastet" nennt.

Tinder-Date Nummer 3: Der Charmante mit den Komplexen

Das dritte Date ist mit Abstand das schönste – nimmt am nächsten Tag allerdings eine überraschende Wendung. Nachdem Niko* und ich ein wenig hin und her schreiben, fragt er mich nach meiner Nummer. Und dann bekomme ich gleich eine zweieinhalbminütige Sprachnachricht. Eine tolle Stimme. Mein erster Eindruck: freundlich, charmant, witzig.

Wir verabreden uns für einen Freitagabend und verbringen einen herrlich unangespannten Abend in einer griechischen Taverne. Da sei es zwar nicht hip und super cool, sagt Niko, aber man könne sich wenigstens in Ruhe unterhalten. Mir gefällt das. Ich bestelle mir einen Wein, der leider äußerst bescheiden schmeckt. Meine Begleitung (34 Jahre alt, sieht ein bisschen aus wie eine Mischung aus Javier Bardem und Mr. Big) fragt die Kellnerin kurzerhand, ob ich einen anderen Wein bekommen könnte. Auch das gefällt mir.

Zwei Stunden später sitzen wir zwischen alten griechischen Männern im Raucherbereich und unterhalten uns über Gott und die Welt. Als der Laden gegen Mitternacht schließt, fragt er mich, ob ich Lust habe noch weiterzuziehen. Seine Kumpels seien um die Ecke in einer Bar. Ich gehe mit und lerne unter anderem seinen besten Freund Daniel* kennen. "Du bist Journalistin? Das wollte Niko auch immer studieren", sagt Daniel auf dem Weg in die nächste Bar zu mir. Eine Information, die später noch an Bedeutung gewinnen wird. Ich verstehe mich bestens mit seinen Jungs. Am Ende des Abends küsst mich der Mann mit der schönen Stimme und den netten Kumpels. Als ich nach Hause fahre, habe ich ein beschwingtes Gefühl in mir.

Am nächsten Tag bekomme ich folgende Nachricht: "Ich denke, dass wir nicht zueinander passen. Ich denke, du brauchst einen gebildeteren, moderneren/hipperen Mann an deiner Seite." Und dann am Ende der Nachricht: "Oder irre ich mich? Rede ich Unsinn?" Wow. Ich lasse die Worte einen Tag sacken und antworte ihm schließlich, dass ich auch der Meinung bin, dass wir nicht zusammenpassen.

Allerdings nicht, weil er zu "ungebildet oder unmodern/unhip" für mich sei, sondern, weil ich einen Mann will, der selbstbewusst ist und sich nicht so viele unnötige Gedanken macht. Unweigerlich frage ich mich, was an mir diesen doch eigentlich so vielversprechenden Mann so eingeschüchtert haben könnte und vermute leise, dass er mit seinem Job nicht zufrieden ist und sich deshalb irgendwie selbst runtermacht. Aber darauf, jemandem ständig erzählen zu müssen, wie toll er ist, damit er sich gleichwertig mit mir fühlt, kann ich gut verzichten. Vielmehr schnürt sich mir bei dem Gedanken die Kehle zu. Diese anstrengende – ich nenne es mal – Beziehungs-Cheerleaderei habe ich hinter mir gelassen. Lektion Nummer 3 lautet daher: Ich will einen Mann, der mit sich selbst im Reinen ist.

Ob ich das bei Tinder finde? I doubt it. Aber da ich ja nun gerade wirklich nicht auf der Suche bin, kann ich eventuell noch die ein oder andere wichtige Single-Lektion lernen. Wenn noch etwas Spannendes dabei ist, sage ich Bescheid. Denn auch, wenn das alles manchmal wirklich zum Kopfschütteln und Verzweifeln ist, ist es doch auch irgendwie ziemlich aufregend.

*alle Namen von der Redaktion geändert

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