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Trennungsschmerz: Wie ich in der Wildnis Norwegens lernte, meine Ex-Freundin zu vergessen

Bei Trennungsschmerz bekommt man etliche Ratschläge. Viele sagen, man solle sich bloß nicht zurückziehen. Unser Autor hingegen bekämpfte seinen Trennungsschmerz mit wunderschöner Natur, Musik und einer Menge Whisky in der unberührten Wildnis Skandinaviens. 

NEON Trennungsschmerz

Sternenklare Himmel, Eiskalte Fjorde und unberührte Wildnis: Das hat unserem Autor geholfen, seinen Trennungsschmerz zu verarbeiten. 

Trennungsschmerz ist zum Glück in den allermeisten Fällen kein lebenslanger Zustand. Und eins vorweg: Momentan bin ich sehr glücklich vergeben. Aber gerade, wenn man glücklich ist, blickt man oft zurück auf all die gescheiterten oder fast vergessenen Beziehungen, die man hinter sich hat und fragt sich: "Warum hat es eigentlich damals nicht geklappt?" Und dann stellt man irgendwann fest, dass es hundert plausible Gründe gab, warum die Beziehungen (glücklicherweise) in die Brüche gegangen sind. 

Doch kurz nach der Trennung und auch Wochen danach sieht man das noch nicht so. Für die einen bricht eine Welt zusammen, und eine dunkle Welt tut sich auf. Andere haben Angst vorm Alleinsein und füllen die entstandene Lücke mit Ersatzbefriedigung aller Art. Ich gehöre eindeutig zur ersten Sorte: In meinem Fall hat mich die Trennung dazu getrieben, mit eher unkonventionellen Methoden damit fertig zu werden: "Into the Wild" lautete mein Motto und Erfolgsrezept. Aber ich beginne besser ganz von vorne.

 

Prolog

April 2017 in Hamburg. Sie war 26, ich 22. Sie Kunststudentin, ich Geisteswissenschaftler mit Jobperspektive Taxifahrer. Als wir uns an einem Donnerstagabend auf der Schanze in einer verrauchten Bar kennenlernten, war sie nur das Mädchen, das von einem meiner Kumpel mitgebracht wurde. An dieser Stelle folgt keine romantisierte Geschichte, sondern einfach der typische Anfang einer Beziehung, von der ich dachte, dass sie besonders werden würde. 

Sie war rein optisch betrachtet eigentlich nicht mein Typ. Doch sie beeindruckte  mich mit vorlauten Sprüchen und der Begabung, von wenigen, aber ausgefallenen Dingen unglaublich viel zu wissen. Das imponierte mir, denn oftmals ist es andersrum. Wir unterhielten uns viel und dabei blieb es. Wochenlang trafen wir uns und schnackten über das Leben. Zwar platonisch, dafür mit Tiefgang. Als der Sommer in Hamburg Einzug erhielt, wurde es mit steigenden Glücksgefühlen auch körperlich. Und somit waren wir angekommen in dem Dilemma, das wohl jeder in unserer Generation kennt: zu spät um Freunde zu bleiben - zu früh, um es als Beziehung zu bezeichnen. Was also waren wir? Da drifteten unsere Meinungen auseinander. Und damit war es eigentlich schon zu spät.

Die Chronik des Scheiterns

Ab diesem Punkt machte sich auch der Altersunterscheid bemerkbar. Sie hatte sowas schon häufiger erlebt, für mich war es Neuland. Die Zeit, in der nicht klar war, was wir sind, war für sie die Phase, in der sie abschätzte, ob ich Beziehungsmaterial bin oder eben nicht. Für mich war klar: Ich will eine Beziehung. Für sie war der Altersunterscheid ein Problem. Sie wollte früher oder später Kinder haben. Eher früher. Sie stand kurz vor dem Abschluss ihres Masters, ich redete lieber über die Uni als tatsächlich auch mal hinzugehen. Sie überlegte, nach dem Master wieder nach Frankfurt zu ziehen. Für mich war klar, dass ich Hamburg nie verlassen würde. Alleine diese Unterscheide hätten uns Warnung sein müssen, dass es längerfristig nicht klappen würde. 

Waren sie aber nicht.

Also gingen wir das Risiko ein und kamen ein paar Wochen später zusammen. Mit freundlichen Grüßen: Die Logik der Mittzwanziger. Die nächste Zeit verlief sehr gut, aber hin und wieder eckten wir mit unseren Ansichten an. Wenn wir Hunger hatten, schlug ich Pizza und Netflix vor. Sie wollte schick ausgehen. Das Dosenbier tauschte sie gegen Bio-Wein aus Südafrika ein und aus der ausgewaschenen Jeans wurde immer öfter ein teures Kleid. Unsere Welten passten nicht mehr zusammen. Sie, mittlerweile 27, ging immer öfter auf Modeausstellungen und Vernissagen. Ich hingegen befand mich in der Blüte meines Studentenlebens. Einige Wochen ging es so weiter, bis wir irgendwann den Schlussstrich zogen. So schnell, wie sie in mein Leben getreten war, verschwand sie auch wieder. Und was blieb, waren hunderte Fragen. 

Als ich realisierte, dass es vorbei war, begann der Trennungsschmerz einzusetzen. Anders als das Ende vorheriger Beziehungen riss mich diese Trennung aus dem Alltag. Ich befolgte die Ratschläge, die ich von Freunden erhielt und ging unter Leute, kapselte mich nicht ab. Ich ging auf Partys, hing mit den Jungs ab, doch es wurde nicht besser. Ich konnte es nicht verdrängen. Die Fröhlichkeit anderer Menschen machte mich aggressiv. Ich wollte pathetisch sein, die höheren Mächte hinterfragen, den Sinn hinter dieser Beziehung suchen. In der gut gelaunten Stadt und unter Freunden, die mich ablenken wollten, konnte ich das nicht. Das führte eher zu besoffenen Anrufen und dummen Liebeserklärungen um drei Uhr morgens. Wie eine kurze Vollnarkose aus der man früher oder später doch aufwachen muss. Also musste Ich raus, in Bewegung bleiben und eine Route zurück zu mir selbst finden. Denn so, wie es jetzt war, konnte es nicht weitergehen. Weil es mit der herkömmlichen Methode nicht klappte, entschloss ich radikal, das genaue Gegenteil auszuprobieren. Einen Tag später buchte ich einen Flug nach Norwegen. Ich musste raus. Zurück zum Ursprung, zurück zur Natur. Zurück zu mir.

Into the Wild – Trennungsscherz adè

Als ich in Oslo ankam, kaufte ich mir ein Zelt, Geschirr, eine Packung sündhaft teure Zigaretten und Lebensmittel. Den Rest hatte ich dabei. Ich buchte mir einen Nachtbus in den Norden und wurde bei Tageslicht mitten im Nirgendwo abgesetzt. Derselbe Bus sollte mich in zehn Tagen dort wieder abholen. Kilometerlang kein Mensch. Nur ich und die Natur. Ich steckte mir die Kopfhörer ins Ohr, startete meine Playlist und wanderte los.

Ich hielt nur an, um Fotos von atemberaubenden Aussichten zu machen, oder um meine Musik gegen die Klänge der Natur zu tauschen. Abends machte ich mir was zu essen, schenkte mir einen Drink ein und dachte nach. Die Natur tat ihr übriges. Kein Whatsapp oder Instagram, keine Menschen, die mir Ratschläge geben wollen, keine Reizüberflutung aus der Stadt. Ich dachte viele Stunden nach über die Trennung, über die Ex, über die Sinnhaftigkeit der Beziehung. Ich saß am Lagerfeuer, las Philosophie, hörte Musik und konnte mich meinem eigenen Pathos gnadenlos unterwerfen. "Warum ist das passiert?" "War ich Schuld?" "Was wäre, wenn ich dies und das nicht gemacht hätte?" Diese für mich gesunde und nachvollziehbare Reflexion einer Beziehung tat mir gut.

Wir haben verlernt, alleine klar zu kommen

In Hamburg hätten meine Kumpels die üblichen Phrasen à la "Andere Mütter haben auch schöne Töchter" gedroschen, mich in etliche Clubs mitgeschleppt und erzählt, dass alles nicht meine Schuld sei. Und irgendwann hätte ich ihnen geglaubt und womöglich schnell einen Ersatz gefunden, um dann ein paar Monate später genau dasselbe zu erleben. Vermutlich mit demselben Ergebnis. In Norwegen hatte ich Zeit, in Ruhe alles zu analysieren. Ich ging in eiskalten Fjorden schwimmen, angelte in Seen und wanderte. Ließ mir von der Natur zeigen, wie man psychisch entschleunigt und entgiftet. 

Als ich nach zehn Tagen wieder in Hamburg landete, ging es mir viel besser als zuvor. Ich erzählte von meinen Erfahrungen, meiner Zeit in der Natur. Als ich mich auf ein Bierchen mit einem Kumpel traf, fragte er mich, ob ich noch an sie denken würde. Ich merkte, wie viel ich mich auf meiner Reise mit mir selbst beschäftigte und dass der Trennungsschmerz dadurch in den Hintergrund gerückt war. Ich hatte endlich Zeit gehabt, frei von sämtlichen Einflüssen nachzudenken, mich mit mir selbst zu beschäftigen und alleine mit einer Trennung klarzukommen. Weit weg von allem. In Norwegen habe ich mir das Recht erteilt, traurig sein zu dürfen. Ich konnte alleine sein und meine Wunden lecken, ich durfte mein Selbstmitleid in vollen Zügen auskosten. Eine Taktik, mit dem Trennungsschmerz umzugehen, die wir in dieser Form verlernt haben.

fk