HOME

Buch "Ein deutsches Mädchen": Bis sie 20 war, kannte sie nur Nazis. Jetzt kämpft sie gegen Rechts.

Heidi Benneckenstein wuchs unter Neonazis auf: Holocaustleugnung, SS-Lieder und Prügeleien mit Punks gehörten zu ihrer Jugend. Dann wagte sie den Ausstieg aus der Szene. Ihre Geschichte hat sie in dem Buch "Ein deutsches Mädchen" aufgeschrieben – es ist auch ein Zeichen gegen den Rechtsruck in Deutschland.

Heidi Benneckenstein

Heidi Benneckenstein wuchs in einer Neonazi-Familie auf und schaffte den Ausstieg. Ihre Geschichte hat sie in einem Buch aufgeschrieben.

In der achten Klasse besucht Heidi Benneckenstein mit ihrer Schulklasse das ehemalige KZ in Dachau. Ihre Mitschüler sind schwer betroffen von diesem Ort des Grauens, sie selbst berührt das Konzentrationslager gar nicht. Vor dem Besuch hatte ihr Vater ihr noch eingeschärft: "Du musst nicht alles glauben, was die Lehrerin euch erzählt." Für ihn, den überzeugten Nazi, ist der Holocaust eine Lüge. Und damit ist er es für Heidi auch.

Heidi Benneckenstein ist als Heidrun Redeker geboren, Jahrgang 1992, und verbringt ihre Kindheit und Jugend inmitten von Nazis. Ihre Familie, ihre Freunde, ihre Verwandten vertreten allesamt mehr oder weniger deutlich rechtsradikale Ansichten – und leben sie offen aus. Bis zu ihrem 20. Lebensjahr kennt Heidi quasi nur Nazis, dann gelingt ihr nach und nach der Ausstieg. 

Ihre Geschichte hat die heute 25-Jährige nun in dem Buch "Ein deutsches Mädchen" aufgeschrieben. Es ist ein fesselnder, erschütternder Bericht aus dem Inneren der Neonazi-Szene – einer Parallelgesellschaft, die in Deutschland auch mehr als 70 Jahre nach dem Ende des Dritten Reiches immer noch existiert und junge Menschen anzieht.

Eine Jugend unter Nazis

Nazi zu sein, das war für Heidi Benneckenstein lange das Selbstverständlichste auf der Welt. Sie und ihre drei Schwestern werden völkisch erzogen, von klein auf werden ihnen nationalistische Ideen eingeimpft. Sie sei "in die rechte Ecke hineingeboren, hineingezwängt, hineingeschoben" worden. Die Mädchen leiden unter dem tyrannischen, herrschsüchtigen, disziplinbesessenen und gewalttätigen Vater, können sich seiner Ideologie aber nicht entziehen. Die Mutter schaut weg.

Dabei gehört ihre Familie keineswegs zu den sozial Benachteiligten: Der Vater ist in dem Dorf nahe München als Betriebsinspektor eine angesehene Person. Zu Hause aber lebt er sein nationalsozialistisches Ideal. Im Keller stehen Nazi-Bücher, die Kinder bekommen nur Spielsachen aus den Fünfziger Jahren, statt "Handy" heißt es "Handtelefon" und in den Urlaub fährt die Familie nach Ungarn, das seien "immer ordentliche Nationalsozialisten" gewesen. Produkte aus dem Land der "alliierten Besatzungsmacht" USA sind tabu. Auch Kleidung kauft die Familie nicht bei ausländischen Ketten, nur bei Aldi.

Am Lagerfeuer mit einem NSU-Angeklagten

Schon früh schicken die Eltern sie in Ferienlager der "Heimattreuen Deutschen Jugend" (HDJ) – der Name erinnert nicht umsonst an die Hitlerjugend. Dort gibt es Vorträge über Rassekunde, SS-Lieder werden gesungen, Schlachten nachgespielt, man spricht sich mit "Heil" an. Es ist eine nachhaltige Gehirnwäsche für den rechten Nachwuchs: "Wir sollten systematisch zu einer braunen Elite herangezüchtet werden, die am Tag der Machtübernahme das Führungspersonal des Vierten Reiches stellen sollte." Wenn Heidi in der Schule von ihren Ferien erzählt, sagt sie, sie war in einem Pfadfinderlager.

Heidi Benneckenstein gerät immer tiefer in die Neonazi-Szene: rechte Demos, Prügeleien mit Punks und Nazi-Konzerte mit Songs wie "Bomben auf Israel" zählen in ihrer Pubertät zum Alltag. Aus dem völkischen Mädchen wird ein schwieriger Teenager. Manchmal, wenn sie Bilder von Nazi- oder Pegida-Aufmärschen sieht, erkennt sie Gesichter aus jener Zeit wieder. Einen Mann, mit dem sie einmal am Lagerfeuer rechte Lieder sang, sieht sie seit Jahren immer wieder in den Nachrichten. Sein Name ist Ralf Wohlleben und er ist Angeklagter im NSU-Prozess. Ihm wird Beihilfe zum Mord an neun Migranten vorgeworfen.

In Benneckensteins Biografie fehlen die blutigen Auseinandersetzungen, sie war nie im Gefängnis, noch nicht einmal eine Anzeige gab es. Anschläge auf Asylbewerberheime schockieren sie: "Rechte Gesinnung hin oder her, das ging zu weit." Nur einmal wird auch sie gewalttätig. Nach dem Begräbnis eines Altnazis (der Tote wird mit Hakenkreuzfahne beerdigt) geht sie mit Kameraden auf einen Pressefotografen los, der bei der Trauerfeier Fotos gemacht hatte. Der Mann wird schwer verletzt.

Abnabelung vom Rechtsextremismus

Doch langsam beginnt ihre Überzeugung zu bröckeln. Schon während ihrer Hotel-Ausbildung in Passau entfernt sie sich von der rechten Szene, dann lernt sie den rechten Liedermacher Felix, "Flex" genannt, kennen. Die beiden werden ein Paar, gemeinsam zweifeln sie immer mehr an allem, was sie bisher gekannt haben. Doch der Ausstieg vollzieht sich nicht von einem Moment auf den anderen. 

Entscheidend sind viele Erlebnisse, die sich summieren. Heidi begegnet im Zug einem Kosovo-Albaner, der sie gegen eine Gruppe übergriffiger Männer verteidigt. Felix lernt während einer Gefängnisstrafe abgelehnte Asylbewerber kennen. Mit 17 wird Heidi schwanger,  für sie ist klar: "In dem Moment, in dem ich von einer Tochter zur Mutter wurde, hatte die rechte Ideologie ihre Anziehungskraft völlig eingebüßt." Mit 20 Jahren nabelt sie sich endgültig vom Rechtsextremismus ab.

Ihre Vergangenheit ist für sie ein dunkler Fleck, dem sie sich aber stellen möchte: "Wenn ich daran denke, was ich früher gesagt, gedacht und getan habe, woran ich geglaubt und gezweifelt habe, schäme ich mich, aber vor allem bin ich wütend." Sie und Felix haben eine Organisation gegründet, die Neonazis beim Ausstieg hilft. Für ihre ehemaligen Kameraden sind sie damit natürlich zum Feindbild geworden.

Ein Buch gegen rechtspopulistische Tendenzen

Doch das Buch ist für Heidi Benneckenstein nicht nur eine Auseinandersetzung mit den Verirrungen ihrer Jugendzeit. Mit ihrer Geschichte liefert sie einen Einblick in ein Milieu, das sich weitestgehend unerkannt in der Mitte der Gesellschaft bewegt. Wie ihre eigene Familie stammen die meisten Rechtsextremen, denen sie in all den Jahren begegnet ist, nicht aus den unteren sozialen Schichten. Vielmehr tummeln sich in der rechten Szene Zahnärzte, Anwälte und andere Akademiker – eine Elite, die sich zurück in alte Zeiten wünscht.

In seinen extremen Ausprägungen mag der Nationalismus, wie ihn Heidi Benneckenstein erlebt hat, nur ein relativ kleines Phänomen sein. Doch Benneckenstein will mit ihrem Buch auch ein Zeichen gegen rechtspopulistische Tendenzen setzen, die in Deutschland spätestens seit dem Aufkommen der AfD wieder en vogue sind. "Ich verfolge doch auch den Diskurs zum Thema Rechtspopulismus und kriege mit, wie sich unsere Gesellschaft ganz allmählich spaltet, ganze Nationen nach rechts driften und das Gespenst der Angst und der Abschottung durch die Straßen und die Köpfe der Menschen geistert", sagt sie. Ihre gnadenlos ehrliche Erzählung will aufrütteln und warnen.

Heute ist Heidi Benneckenstein mit Felix verheiratet, Mutter eines Kindes und arbeitet in einer Kita. Sie sei "vor ein paar Jahren zum zweiten Mal auf die Welt gekommen". Von ihrem Vater hat sie seit ihrem 18. Geburtstag nichts mehr gehört.

Ruth Meros mit Tochter Gabrielle