HOME

App-Wahnsinn: Warum junge Menschen gerne jodeln

Es ist eine Mischung aus einem sozialen Netzwerk und einem Forum: Jodel. Es ist anonym und lokal – und genau das macht die App so beliebt bei jungen Menschen. Aber warum eigentlich?

Ein Screenshot eines veröffentlichten Jodels

Das war am 12. Oktober einer der Top-Jodel in Hamburg. Der ehemalige Fußball-Kommentator Fritz von Thurn und Taxis würde sagen: "Hui, was für ein Schmankerl!"  

Was haben eigentlich Menschen früher in der Bahn auf dem Weg zur Arbeit oder Uni gemacht? Zeitung gelesen? Die verhedderte Kassette mit einem Bleistift für den Walkman aufgewickelt? Sich unterhalten? Geschwiegen? Seitdem ich Jodel entdeckt habe, stelle ich mir diese Frage täglich.

Ich sitze morgens in der Bahn, hole mein Smartphone heraus, gehe auf Jodel und schon vergeht mein Weg zur Arbeit wie im Fluge. Kurz einen Post über zwei Mädchen, die sich über ihre lustigsten Tinder-Konversationen unterhalten, raushauen. Und sofort sehen alle User im Umkreis von zehn Kilometern meinen anonymen Beitrag und können den Jodel mit einem Up- oder Downklick bewerten. Fünf Upvotes bekomme ich dafür. Das ist okay. Ein Top-Jodel ist das allerdings noch lange nicht. Die bekommen in der Regel an die 1000 positive Bewertungen. Das sind dann Sprüche wie: "Kassiererin: 'Verzeihung, ich musste hinten noch eine Flasche Rotwein wegmachen!' Ich: 'Respekt, dafür sehen Ihre Bewegungen noch sehr koordiniert aus." Oder: "Wenn deine Freundin ein neues Parfüm hat und dich fragt, wie sie riecht, ist 'Wie meine Ex-Freundin' anscheinend die falsche Antwort!" Genau mein Humor.

Doch was will diese App überhaupt? "Wir sind im Grunde genommen eine homogene lokale Community", sagt Lenny, der bei Jodel für das Wachstum verantwortlich ist, NEON. Es sei ein lokaler Gedankenaustausch von lustigen Alltagsgeschichten, Witzen, philosophischen Fragen bis hin zu Meldungen, an welchem Bahnhof gerade der Prüfdienst steht.

Jodel – von Aachen bis Saudi-Arabien

Angefangen hat alles vor gut drei Jahren in Aachen. Der damalige Student Alessio Avellan Borgmeyer gründete die "Community"-App. Bereits nach einem Jahr seien bei Jodel über eine Millionen Nutzer aktiv gewesen. Wie viele es heute sind, möchte Lenny nicht verraten. Allerdings werden laut dem Unternehmen fünf Millionen Jodel am Tag veröffentlicht – und das nicht nur in Deutschland. Auch in Frankreich, Norwegen, Dänemark, Schweden, Finnland, Österreich, Schweiz und Saudi-Arabien werden fleißig Gedanken und Alltagsanekdoten ausgetauscht. Alles anonym. Daher rührt auch der Name. Wie der Gesang, den jemand in den Bergen jodelt und von dem Fremde im Tal nicht wissen, von wem er kommt. Eine anonyme Nachricht.

Trotzdem sei die App persönlicher als andere soziale Netzwerke, sagt Lenny: "Dadurch, dass wir hauptsächlich User haben, die Berufsanfänger und Studenten sind, kann man sich trotz der Anonymität mit den Jodel-Beiträgen besser identifizieren als mittlerweile bei Facebook – wo viele irgendwelche Freunde haben, die sie kaum kennen."

Manni, der Busfahrer – und das Münchner Restaurant Leierkasten

Dass Lenny mit dieser Einschätzung recht hat, musste der Münchner Kult-Puff Leierkasten im April dieses Jahres erfahren. Einige Jodler aus der bayrischen Landeshauptstadt hatten sich den Spaß erlaubt, das Etablissement als Geheimtipp für ein gutes Restaurant anzupreisen. Der Gag fand seinen Weg ins echte Leben, sodass am Ende unwissende Gäste statt am gedeckten Tisch vor der Tür eines Bordells landeten. "Das ist natürlich immer so eine Sache. Die Community findet das größtenteils lustig – und in gewisser Weise war's das vielleicht auch. Allerdings war es für den Besitzer und die Leute, die dort extra hingefahren sind, sicher nicht so lustig", gesteht Lenny. Da werde man in Zukunft drauf achten, dass solche Scherze der Community im Rahmen bleiben. Das heiße aber auch nicht, dass man jetzt alles stärker überwache und zensiere.

Auf der anderen Seite zeige es aber auch, was Jodel für ein großes Potenzial habe. Als Beispiel nannte er den Running-Gag "Manni": "In vielen Städten hat es sich etabliert, dass Busfahrer und Piloten Manni genannt werden – vor allem wegen Jodel." Den Witz verstehen nur Jodel-User ... Genau das macht die App so beliebt: Sie ist einerseits lustiger Zeitvertreib, andererseits trotz der Anonymität persönlich und lokal – und trifft den Zahn der Zeit. 


Themen in diesem Artikel