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Fair-Fashion: In Südostasien Mode produzieren, ohne die Einheimischen auszubeuten - geht das?

Sechs deutsche Designer arbeiten für mehrere Wochen am Stück in Produktionsstätten in Südostasien. Das Ziel: Zusammen mit den Einheimischen neue Mode unter fairen Bedingungen zu entwickeln - ohne sie auszunutzen.

Von Lesley Sevriens

Weberinnen auf Borneo produzieren faire Mode

Faire Mode: Während Textilarbeiter in Asien oft ausgenutzt werden, haben diese Weberinnen auf Borneo viele Rechte und offenbar Spaß an der Arbeit

Was für eine Ruhe. An der Decke drehen Ventilatoren ihre Runden, auf dem Boden liegen jede Menge durcheinander. Für die Arbeit haben die Frauen sie ausgezogen, die meisten sitzen barfuß an ihren Webstühlen. Einige tragen Kopfhörer und summen leise. Sie scheinen denselben Radiosender zu hören, denn ihre Lippen bewegen sich synchron. Die Frauen wirken konzentriert, während sie einzelne Fäden zu Gewebe flechten, tief versunken in ihre Arbeit.

Die Produktionsstätte des Unternehmens Tanoti Crafts liegt in der 600.000-Einwohner-Stadt Kuching, auf der malaysischen Insel Borneo. Dort weben Frauen zwischen 18 und 25 Jahren traditionelle Stoffe, die dann zu Tüchern, Kissenbezügen oder Kleidern weiterverarbeitet werden. Sie lernen in dem Betrieb verschiedene Techniken, in Europa würde man von Weiterbildung und Aufstiegsmöglichkeiten sprechen. Die Weberinnen sind fest angestellt, haben geregelten Urlaub und bekommen weiter Geld, wenn sie krank sind.

Faire Mode - aber wie?

Denkt man an die Bedingungen, unter denen asiatische Textilarbeiter in großen Fabriken oft arbeiten müssen, wirkt diese kleine Werkstatt in dem unscheinbaren weißen Haus mit Flachdach noch idyllischer. In den Fabriken, in denen die Modeketten aus dem Westen produzieren lassen, werden die Arbeiter oft in stickigen Hallen zusammengepfercht, müssen stundenlang ohne Pause nähen. Viele kommen permanent mit Giften in Kontakt. Als vor vier Jahren in Bangladesch die Textilfabrik Rana Plaza einstürzte, in der neben anderen Mango, C&A und Kik produzieren ließen, starben über 1000 Menschen.

Seitdem hat die Fair-Fashion-Bewegung an Fahrt aufgenommen. Westliche Designer experimentieren seit einigen Jahren mit Modellen, die Zulieferer nicht ausbeuten, sondern zu gleichberechtigten Partnern machen. Sie wollen weg von maschineller Wegwerfmode, handgefertigte Stücke sind hip und in ärmeren Ländern beherrschen viele Menschen noch Kunsthandwerk. Müsste doch eigentlich gut zusammenpassen. Nur wie funktionieren solche Kooperationen in der Praxis? Wie finden westliche Designer und einheimische Handwerker überhaupt zusammen? Genau das versucht das Projekt Ikat/eCut herauszufinden (Ikat ist ein traditionelles Gewebe, das durch Färben sein typisches Muster bekommt).

Kein Kulturraub sondern gemeinsam etwas erschaffen

Der Versuchsaufbau: Sechs deutsche Designer arbeiten für mehrere Wochen am Stück in Produktionsstätten in Südostasien. Sie verteilen sich auf Betriebe in Thailand, Indonesien, Malaysia und auf den Philippinen, um mit dortigen Kunsthandwerkern Mode zu entwickeln. Entwickeln, das heißt eben: nicht wie die großen Konzerne fertige Entwürfe schicken und diese nur noch produzieren lassen. Oder sich als Designer "inspirieren lassen" , was in der Regel nichts anderes bedeutet, als Trends und handwerkliche Techniken zu kopieren und zu Hause als eigenes Design teuer zu verkaufen eine Art Kulturraub. Hier soll etwas Gemeinsames aus westlichen und asiatischen Ideen entstehen.

Eine gemeinsam Ästhetik finden

Zu romantisch gedacht? Vor Ort clasht die Idee erst mal ziemlich mit der Realität. Die Berliner Designerinnen Anna Teuber, 27, und Franzi Kohlhoff, 32, hatten sich darauf gefreut, mit den Weberinnen und der Textildesignerin von Tanoti Crafts zu entwerfen. "Wir hatten viele Ideen dabei und waren auf die Reaktionen gespannt." Nach einer Weile begreifen sie: Den Weberinnen ist ihre Ästhetik völlig fremd. Als die Berlinerinnen ihre ersten Entwürfe für Taschen zeigen, klar, reduziert, gerade Linien, spüren sie: Die Frauen sind beinahe enttäuscht, dass sie so etwas Einfaches herstellen sollen. "Ich glaube, für die meisten war es am Anfang ziemlich irritierend, dass wir uns bei unseren Mustern für das Einfachste vom Einfachen entschieden hatten und bloß simple Linien umsetzen wollten statt hochkomplexe ornamentale Muster", erzählt Anna Teuber. In Malaysia gelte nun einmal: Je aufwendiger und teurer das Material, desto besser. Und Tanoti Crafts ist genau für solche aufwendigen Fertigungen bekannt. Aus den Stoffen, die dort gewebt werden, entstehen auch Roben für das malaysische Königshaus und Wandvorhänge für teure Hotels.

Doch es passiert viel in den drei gemeinsamen Wochen. In der gesamten Zeit steht den beiden Designerinnen Min zur Seite, eine der Weberinnen. Wie die anderen Mädchen lächelt sie viel, aber spricht wenig, auch wenn eine Kollegin da ist, die übersetzen kann. Um ihre Meinung zu den Designs zu sagen, ist Min zu schüchtern, aber die Entwürfe umzusetzen scheint ihr Spaß zu machen. "Mit der Textildesignerin, die bei Tanoti die Stoffe entwirft, ist die Zusammenarbeit unkompliziert", sagt Anna Teuber. Sie spricht Englisch und erkennt schnell, was sich umsetzen lässt und was nicht. Und sie ist schon mit der westlichen Ästhetik vertraut, die für die Weberinnen so ungewohnt ist.

Zur Inspiration: Glitzer, Gold und Opulenz

Anna Teuber und Franzi Kohlhoff wollen zeigen, dass sie nicht die Art von Designern sind, die nur hin und wieder reinschauen, ob alles läuft. Sie verbringen so viel Zeit wie möglich in der , kochen mittags mit den Weberinnen, bringen mal Eis, mal Törtchen mit. So finden sie nach und nach eine gemeinsame Sprache mit den Frauen, nähern sich in ihren optischen Ideen an. "Indem ich das, was für uns gestalterische Allgemeinplätze sind, permanent erklären muss, lerne ich auch viel über meine eigene Haltung", sagt Franzi Kohlhoff. "Umgeben von Glitzer, Gold und Opulenz haben wir unsere Neigung zur Reduktion auf einmal infrage gestellt." Irgendwann funktioniert dann die Verständigung und bringt gleich mehrere Ergebnisse hervor: Prototypen für Handtaschen, Beutel und Laptoptaschen. Ein Teil davon soll diesen Sommer über den Fair-Trade-Webshop Folkdays vertrieben werden, voraussichtlich werden die Taschen zwischen 60 und 200 Euro kosten. Der Webshop kauft sie Tanoti Crafts direkt ab. Damit sind der Lohn der Weberinnen und die Marge abgedeckt, die der Betrieb draufschlägt. Wenn der Shop Folkdays also ein Produkt für 20 Euro plus Mehrwertsteuer verkauft, gehen zehn Euro an den Betrieb vor Ort, zehn Euro bleiben bei Designern und Shop. Zum Vergleich: Konzerne beanspruchen für sich selbst oft eine Marge von mehreren Hundert Prozent, wenn sie ein T-Shirt für wenige Cent einkaufen und für zehn Euro verkaufen.

Das Copyright bleibt bei den Produzenten

Wenn große Modeketten im Ausland produzieren lassen, sichern sie sich gewöhnlich auch das Copyright für die Produkte. In diesem Projekt ist das anders: Die Rechte an den gemeinsam entwickelten Designs bleiben bei den Produzenten vor Ort. Wenn sie wollen, können sie selbst Taschen nachproduzieren und in Kuching verkaufen wenn das Co-Design denn Anklang bei der malaysischen Kundschaft findet. Im Juli zeigen die Produzenten die gemeinsamen Designs auch bei der Ethical Fashion Show in Berlin, um weitere Abnehmer zu finden.

In den fertigen Taschen erkennt man nun tatsächlich zwei Kulturen: die Geradlinigkeit von Teuber Kohlhoff und das Filigrane, Verspielte von Tanoti Crafts. Das Goethe-Institut fördert das Projekt Ikat/eCut und hat NEON eingeladen, bei der Begegnung in Asien dabei zu sein. Projektpartner sind der Webshop "Folkdays" und Be Able, eine Non-Profit-Organisation für Design Education.

Dieser Text ist in der Ausgabe 10/17 von NEON und auch digital für das Tablet auf iOS und Android erschienen. Hier können Einzelhefte des Magazins nachbestellt werden.