HOME

Schmalbart statt Breitbart: #EsGehtUmUns: Mit "Schmalbart" gegen rechten Hass.

Mit Faktenbanken, Apps und Trainings will das Netzwerk Schmalbart gegen rechte Parolen kämpfen.

Ein Januarsamstag in Berlin. Hinter dem Fenster des Betahauses treiben Schneeflocken vorbei, drinnen erklärt Christoph Kappes, was es mit seiner Initiative Schmalbart auf sich hat, im Netz braut sich ein Shitstorm zusammen. Kappes hat seinen Auftaktvortrag noch nicht beendet, da trendet #schmalbart schon auf Platz zwei bei Twitter direkt hinter #dschungelcamp. Es ist ironisch und logisch zugleich: Schmalbart ist nach seiner Definition ein „junges Netzwerk für eine faire und sachliche Debattenkultur und gegen Populismus in einer freien und offenen Gesellschaft“ . Bei Twitter antworten User wie „Der Knebel“ da rauf so: „#Schmalbart möchte definieren, ‚was wahr ist‘ . Offener kann man Manipulation der Medien nicht eingestehen.“ Andere rufen zur Gründung von #dummbart auf und posten Hitler-Memes.

Die Initiative gegen "Breitbart"

Kappes ist selbstständiger Digitalmanager und Berater. Seine Initiative gegen Fake News und Hetze im Netz startete er, als er las, dass „Breitbart“ nach Deutschland kommen wolle. „Breitbart News Network“ ist ein kommerziell starkes Meinungsblog mit Verbindungen zur rechtsextremen Alt-Right-Bewegung und zum Ku-Klux-Klan, der in den USA Donald Trump unterstützt hat.

Mindestens 31 Millionen User klicken die Seite in den USA im Monat, in Deutschland könnten es Kappes zufolge sechs Millionen werden. Eine kritische Masse, die zu einem Erdrutschsieg der AfD bei der kommenden Bundestagswahl beitragen könnte, ein Szenario, das Kappes nicht so einfach hinnehmen will.

Im Sinne des Wahnsinns

„Wir brauchen ein Hybrid aus Online und Offline“ , sagt er und macht damit klar, was Schmalbart nicht ist: ein reines Medien-Watchblog. Schon vor dem Camp in Berlin haben Leute begonnen, in der Schmalbart-Slackgruppe und auf Wiki Pages diverse Projekte anzustoßen. Auf einer von Kappes’ Folien wachsen sie als Zweige mit Hashtags wie #faktenbank, #googlebomb, #koppschmerzen oder #flauschkommando aus einem Baum. Ein ganzes Ökosystem, das auf unterschiedlichen Ebenen dem Rechtspopulismus den Nährboden entziehen will. Und wie er da von einer Truppe spricht, hält er kurz inne. „Ich finde es faszinierend, wie sich die Sprache militarisiert. Es ist Wahnsinn, was da im Kopf passiert. “

Diesen Wahnsinn greift kurz darauf Kommunikationsberater Christof Fischoeder in seinem Strategievortrag auf. Wenn es das höhere Ziel ist, einen demokratiestützenden Diskurs zu ermöglichen, sollen Schmalbartprojekte sich Regeln unterwerfen, darunter: mit sauberen Methoden arbeiten, nicht diffamieren, ausgrenzen oder persönlich beleidigen.

Mit Faktenbanken und Argumentationspools zum Erfolg?

Es ist ein Dilemma, das sich durch all die Sessions zieht, auf die sich die rund 200 Teilnehmer den Tag über verteilen. Wie kämpft man einerseits um die Mitte der Gesellschaft und verhindert andererseits ein Feind-Denken, das die Gräben vergrößern könnte?

Die Taktiken variieren: Die einen wollen Faktenbanken und Argumentationspools aufbauen, die Menschen in politischen Diskussionen beim sachlichen Streiten helfen. Vielleicht als App, vielleicht mit Diskurstrainings in Online-Communities. Der eine überlegt, bizarre Posts noch mit Parodien zu überbieten. Der nächste will daran arbeiten, dass Medienkompetenz in die Lehrpläne von Schulen kommt und Lehrer entsprechend fortgebildet werden.

In einer Kaffeepause guckt Kappes neugierig auf die Wand, an die Kurzbeschreibungen der einzelnen Projekte und Sessions gepinnt sind. Und entdeckt gleich die Lücke: „Nur die Frage, was genau wir jetzt eigentlich mit ‚Breitbart‘ machen, stellt da niemand. “ Wie immer in solchen Fällen gilt: „Notfalls mach ich das selbst. “


CHRISTOPH K., 54, ist selbstständiger Digitalberater. Er hat Jura studiert und zusammen mit Sascha Lobo mehrere Start-ups gegründet. Mehr über Schmalbart auf schmalbart.de.