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Cash oder Karte?: Die Deutschen zahlen am liebsten bar - aber warum bloß?

In Großbritannien haben Straßenkünstler und Obdachlose Kartenlesegeräte für bargeldlose Spenden. Eine Chance, auch für den sozialen Fortschritt in Deutschland, findet unsere Autorin.

Frau spendet Geld an Obdachlosen

Die Deutschen zahlen am liebsten bar – auch wenn sie Spenden. Andere Länder sind da schon weiter.

Getty Images

Jeder kennt sie: die Suche nach dem Geldautomaten. Man ist zum Frühstück verabredet oder abends unterwegs – und hat keine Bargeld dabei. Hätte man den letzten Einkauf mal nicht mit dem 20-Euro-Schein bezahlt! Denn in vielen Cafés und Bars in Deutschland heißt es immer noch: "Sorry, wir nehmen keine (Kredit)-Karte." Und dann geht sie los, die Suche nach dem ATM. Glücklich kann sich schätzen, wer über seine Bank kostenlos bei mehr als einem Anbieter Geld abheben kann.

Denn wenn es um bargeldloses Zahlen geht, sind deutsche Städte immer noch meilenweit hinterher. Selbst in Berlin und München sollte man Kleingeld zur Hand haben; komplett bargeldlos lässt sich hier nicht über die Runden kommen. Ob im Späti oder beim Café nebenan – viele Händler scheuen die Gebühren und den Aufwand rund um das Bezahlen mit Debit- und Kreditkarten. Und das, obwohl der Anteil der Kartenzahlungen in den letzten Jahren kontinuierlich gestiegen ist, während immer weniger Menschen bar zahlen.

Finanzen kontrollieren

Auch ich gehöre dazu. Dabei schätze ich den Wert von Bargeld: Einen 50-Euro-Schein gibt man eben doch nicht so schnell aus, wie die Karte gezückt ist. Aber bargeldlos zu zahlen ist schlichtweg einfacher und entspannter. Wenn man nicht kostenlos aus jedem beliebigen Automaten abheben kann, ist man (erstaunlicherweise) besonders in Großstädten ständig auf der Suche nach einem passenden Geldautomaten. Auch größere Geldsummen mitzunehmen finde ich nicht besonders beruhigend, vor allem, wenn man nachts unterwegs ist. Und entgegen meiner persönlichen Einschätzung, kann ich meine Finanzen bei Kartenzahlungen wesentlich besser kontrollieren. Im Onlinebanking erscheint jede Abbuchung, die sich dann bequem in mein Haushaltsbuch nachtragen und überblicken lässt.

Jeder, der schon in Nordamerika, Schweden oder Großbritannien unterwegs war, kennt das Dilemma. Dort kann man selbst an jedem Kiosk ein Kaugummi mit Karte bezahlen. Eine Entwicklung, die auf beiden Seiten zu Überraschungen führt: Bei meinem ersten Besuch in Nordamerika war ich total überfordert, dass dort eigentlich niemand Bargeld zur Hand hat. Viele Geschäfte nehmen keine Münzen und Scheine und Tickets bekommt man nur gegen abgezähltes Wechselgeld. Wohingegen Reisende hier ihre drei Kreditkarten zücken, mit denen sie oftmals jedoch nicht zahlen können, da sie nicht akzeptiert werden oder gar keine Möglichkeit besteht, bargeldlos zu bezahlen.

Die Deutschen zahlen bar

In Großbritannien gib es nun die Obdachlosenzeitung "The Big Issue" bei vielen Verkäufern gegen Kartenzahlung; Schweden hat diese Möglichkeit sogar schon vor fast fünf Jahren eingeführt. Auch Straßenmusiker haben teilweise Kartenlesegeräte, um Spenden bargeldlos entgegenzunehmen. Diese Entwicklung ist sicherlich eine Reaktion auf eine allgemeine Veränderung hin zum bargeldlosen Bezahlen. Die Regierung in Großbritannien hat erst im Januar Prozesse vorangetrieben, die Zuschläge für die Verwendung von Debit und Kreditzahlen reduzieren sollen. Eine Entwicklung, die ich mir auch für Deutschland wünschen würde.

Denn die meisten Deutschen bezahlen immer noch am liebsten bar. Den Grund liefert eine Umfrage der Bundesbank: Die Wahl des Zahlungsmittels hängt immer noch stark von Aspekten wie Sicherheit vor Verlust, einfacher Nutzung und Wahrung der Privatsphäre ab. Und das kann aus Sicht der Kunden keine Karte besser, als es Bargeld könnte. Und es stimmt ja: Unternehmen sammeln mit den Karten persönliche Daten und Informationen über mein Konsumverhalten und sollte das digitale Zahlungssystem mal nicht funktionieren, steht man vor einem Problem.

Doch laut der Bundesbankstudie besitzen mittlerweile 36 Prozent der Deutschen eine Kreditkarte, fast zehn Prozent mehr als noch vor zehn Jahren; dies jedoch vor allem, weil man sie im Ausland braucht. Beliebter ist hierzulande vor allem die Giro- oder EC-Karte, wie sie früher hieß.

Die Wahl haben

Ich bin kein notorischer Verfechter des bargeldlosen Zahlens. Und natürlich gilt es als Kunde auch, kritisch zu hinterfragen, inwieweit wir für diese Einfachheit mit unseren Daten bezahlen und uns von Konzernen und Banken fremdbestimmen lassen. Aber es wäre für den Anfang einfach schön, schon einmal die Wahl zu haben, ob man mit (EC-)Karte zahlen kann oder nicht. Nachts nicht mehr zum nächsten Automaten rennen oder sich Geld borgen zu müssen. Außerdem könnte bargeldloses Bezahlen bei Obdachlosen und Straßenkünstlern nicht nur ein technischer, sondern vor allem ein sozialer Fortschritt sein: Schließlich kann sich niemand mehr damit herausreden, kein Kleingeld dabei zu haben.