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Fire-Bewegung: Ruhestand mit Ende 30 - so funktioniert es

Junge Gutverdiener wollen dem Job möglichst schnell den Rücken kehren. Hart arbeiten, Geld machen und früh aufhören – das ist das Credo der Fire-Bewegung. Und: Es klappt - aber nicht bei jedem.

Es geht nicht um Faulenzen, es geht um ein sinnvolles Leben.

Es geht nicht um Faulenzen, es geht um ein sinnvolles Leben.

Getty Images

Fire – das klingt nach Vollgas und Aktion, meint aber was anderes: Fire steht für Financial Independence, Retire Early - finanzielle Unabhängigkeit und früher Ruhestand zu Deutsch.

Irgendwann aus der Mühle des Jobs herauszukommen, und das möglichst vor Erreichen des Rentenalters - diesen Wunsch hegen viele.

Die "New York Times" hat einige realistische Ausstiegsmodelle vorgestellt. Etwa die von Carl Jensen. Der verdiente als Softwareentwickler ein gutes Gehalt von etwa 110.000 Dollar, aber der Stress war es ihm nicht wert. Im Jahr 2012 beschloss er, beizeiten aufzuhören. Gemeinsam mit seiner Frau entwarf er einen finanziellen Rückzugsplan. Das bedeutete: Zunächst arbeiteten die beiden voll weiter, reduzierten dabei ihre Ausgaben aber radikal. Mit einem minimalistischen Lebensstil konnten sie den Großteil ihres guten Mittelschichtseinkommens bei Seite legen. Fünf Jahre später, 2017, betrug der Wert ihres Vermögens 1,2 Millionen Dollar. Für sie war das genug – Jensen kündigte.

Jensen ist Teil der Fire-Bewegung. Die meisten Anhänger sind männlich und kommen aus der Technologiebranche. Diese potenziellen Aussteiger beschäftigen sich nicht mit spirituellen Weisheiten. Ganz wie im Job bevorzugen sie einen technologisch-finanziell angetrieben Ausstiegsplan.

Mehr Sparen oder mehr Rendite

Grundsätzlich gibt es mehrere Pfade zum frühen Ruhestand. "Lean Fire" – heißt, die Ausgaben "schlank" zu machen. Dann lebt der Manager privat wieder so wie zu Zeiten des Studiums. Wem das zu spartanisch ist, der kommt um "Fat Fire" nicht herum. Dann muss die Rendite "fett" gemacht werden. Das Angesparte muss also aggressiver mit mehr Risiko angelegt werden.

Elizabeth Willard Thames ihr Mann Nate wählten "Lean Fire". Sie haben ihre Karriere in der Stadt aufgegeben. Beide sind nicht reich geboren oder so vermögend, dass sie einfach von den Erträgen leben können. Sie haben sich der Genügsamkeit verschrieben. Anstatt sich mit unnützen Dingen zu umgeben, führen sie ein sinnvolles Leben auf ihrer Farm in Vermont. 

+++ Lesen Sie hierzu: "Diese Frau muss mit 32 nie wieder arbeiten - so hat sie das geschafft" +++

Die "NYT" sprach mit einer der Gründerfiguren der Bewegung. Vicki Robin gehört zu den Autoren der Fire-Bibel "Dein Geld oder Dein Leben" von 1992. "Unser Ziel war es nicht, dass viele Menschen ihren Job aufgeben", sagte Robin der Zeitung. "Unser Ziel war es, den Verbrauch zu senken, den Planeten zu schonen. Wir haben einfach lebende Menschen, religiöse Menschen und Umweltschützer angeleitet." Heute sind die Aussteiger ganz andere Typen, hat Robin erkannt. Sie seien "sehr zahlenorientiert, fasziniert von Details der Steuer und der Buchhaltung."

Den Millennials gehe es nicht um den Planeten, sondern darum die Kontrolle über ihre Leben zurückzuerhalten.

"Heute, in dieser Wirtschaft hat kaum jemand das Gefühl der Kontrolle über die eigene Existenz. Die Menschen sind entbehrlich. Junge Menschen blicken in die Zukunft und fragen sich: "Was ist da für mich drin?"

Harte Arbeit an der Karriere

Auch Chris Reining hat mit Ende 20 "Dein Geld oder Dein Leben" von Vicki Robin gelesen. Mit 37 hat er aufgehört. In "CNN Money" hat er seine Ruhestandstipps veröffentlicht. "Das ist nicht für jeden möglich", sagt er. "Wenn jemand von seinen Ausgaben aufgefressen wird, ist das nicht realistisch." Das Programm sei nichts für Weicheier, es verlange Hingabe und Konsequenz. Man müsse nicht sinnlos geizen, man müsse früh einen Lebensstil finden, mit dem man sich wohlfühle. Entscheidend sei, dass man danach mehr verdiene, die Ausgaben aber nicht mit dem Einkommen wachsen lasse.

Ein weiterer Tipp: Auch wenn man plane, den Job beizeiten aufzugeben, müsse man nonstop an der Karriere und damit am Einkommen arbeiten.

Wer früh aufhören wolle, könne nicht mit Selbstverwirklichungsjobs anfangen. "Was ist besser: Seine Zeit mit dem Unterrichten von Yoga oder mit Hundetraining für 25 Dollar pro Stunde zu verbringen, oder hart zu studieren, sodass man eine Gehaltserhöhung von 10.000 Dollar oder 20.000 Dollar durchsetzen kann."

Wichtiger Punkt für den frühen Ruhestand: Verlasse die teuren Orten. Die Immobilienpreise und Mieten in Boom-Orten führen dazu, dass auch Gut-Verdiener keine weiteren Rücklagen bilden können, wenn sie Wert auf ein standesgemäßes Heim legen. Wer mit der Tretmühle aufhört, muss auch eine Stadt wie New York verlassen können.

Fire ist kein Modell für jedermann

Nicht jeder kann mit Fire glücklich werden. Allen Ruheständlern ist gemein, dass sie ein überdurchschnittliches Einkommen haben oder hatten. Sie sind keine Multimillionäre oder Erben, die die Erwerbsarbeit einfach sein lassen konnten, sie mussten sich vorbereiten. Aber der Weg, den sie gehen, ist für einen Mindestlöhner oder eine Krankenschwester unmöglich. Und sie profitierten davon, dass Einkünfte aus Kapital in den letzten zehn Jahren weit stärker gestiegen sind als Einkommen aus Erwerbsarbeit und diese Einkünfte weit geringer besteuert werden.

Man kann zumindest vermuten, dass sie allesamt aus gut situierten Familien stammen. Denn keiner von ihnen musste die Zeit bis 40 vorrangig damit verbringen, teure Studienkredite abzubezahlen. Auch Chris Reining hatte nach seinem Studium nur ein Minus von 7500 Dollar auf dem Konto.

Selbstbestimmung ist das Ziel

Auch Jason Long wählte den Fire-Weg. Der Apotheker verdiente 150.000 Dollar, im ländlichen Amerika ist das eine stolze Summe. Aber seine Arbeit machte ihn unter anderem wegen der grassierenden Opiat-Verschreibungen unglücklich, die Belastung fraß ihn auf. "Es macht keinen Sinn zu arbeiten und sich jeden Tag unglücklich zu fühlen, nur um das Bankkonto aufzufüllen."

Mit 38 verfügte das Paar Long über ein abbezahltes Haus und über ein Anlagevermögen von etwa einer Million. Für die Longs war das genug. Kristy Shen und Bryce Leung flüchteten quasi aus Notwehr. Sie arbeiteten in der Technologiebranche und hatten doch keine Aussicht auf eine Altersrente, oder auch nur die Gewissheit, dass ihre Arbeitgeber in fünf Jahren noch existieren würden. Also hörten sie auf, ihre Hypothek zu bedienen, und steckten das Kapital, das bisher im Haus gebunden war, in Aktien. Bryce Leung: "Wir haben keine Firmen mehr, die sich um uns kümmern. Also müssen wir auf uns selbst aufpassen."

Scott und Taylor Rieckens sehnten sich nicht nach dem Nichtstun. Ihr Job in Kalifornien ließ ihnen nur keine Zeit zum Leben. Taylor Rieckens kalkulierte mit einem Ruhestandsrechner, wann sie in Rente gehen könne. Das Ergebnis schockierte sie: Mit 90 Jahren hätte sie aufhören können, wenn sie so weitermachen würde wie bisher. Die Alternative: Mit Fire waren es nur noch zehn Jahre. "Die ganze Vorruhestandssache ist für mich unwichtig. Es geht mehr darum, die Kontrolle über meine Zeit zu gewinnen", sagte Scott Rieckens der "NYT". "Es ist diese Zwangsarbeit, womit man aufhört. Es geht nicht unbedingt um Piña coladas am Strand."

Kra
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