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Interview

Eva Wimmers: Frauen in der Tech-Branche: "Wir müssen in Deutschland aufpassen, dass wir nicht den Anschluss verlieren"

Nur jeder siebte Bewerber auf eine Stelle im IT-Bereich ist weiblich, sagt eine aktuelle Studie. Aber wie begeistert man Mädchen und auch Jungen für technische Berufe? Im NEON-Interview erzählt Eva Wimmers, President Europe bei der Huawei-Marke Honor, was sich in Deutschland ändern muss.

Frauen Technik Girls Day

Berufe in den Bereichen Technik und IT sind immer noch eine Männerdomäne. Eva Wimmers entdeckte nach ihrem Marketingstudium in der Telekommunikationsbranche ihre Begeisterung für Technik – heute leitet sie die Marke Honor im Huawei-Konzern für ganz Europa. Im NEON-Interview spricht sie darüber, was sich in Deutschland ändern muss.

Frauen und Technik oder gar Business? Das ist auch 2019 noch nicht selbstverständlich: Nur 14,6 Prozent der deutschen Start-Ups werden von Frauen gegründet und der Anteil von Patentanmeldungen von Frauen liegt bei knapp unter fünf Prozent. Oftmals gelten Berufe in der Pflege oder im kreativen Bereich immer noch als Frauen-Domäne, Männer hingegen werden Handwerker oder Ingenieure. Aber was tun gegen veraltete Rollenbilder und vermeintlich mangelnder Begeisterung für die Technikbranche von weiblicher Seite? Ein Schritt ist der 2001 eingeführte "Girls'Day" am 28. März und das Äquivalent für die Boys am gleichen Tag. Die Aktionstage sollen Klischees in der Arbeitswelt auflösen und Jugendliche einmal im Jahr an Jobs heranführen, die für ihr Geschlecht eher als unüblich gelten.

Eva Wimmers hat auch durch Interesse und Begeisterung zum Thema Technik gefunden. Die 48-Jährige leitet heute das Europageschäft der Huawei-Marke Honor. Die Marke konzentriert sich auf E-Commerce für Smartphones in Deutschland und will  jungen Menschen auf der ganzen Welt Technologien für ein intelligentes und personalisiertes Benutzererlebnis anbieten. Im NEON-Interview berichtet Wimmers von ihrem ersten Kontakt mit Computern und erzählt, was Politik und Gesellschaft tun müssen, damit Deutschland nicht den Anschluss verliert.

Eine aktuelle Studie des Bundesverbands Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien (Bitcom) hat herausgefunden, dass nur jeder siebte Bewerber in der Tech-Branche weiblich ist. Warum sind IT-Berufe im Jahr 2019 immer noch so uninteressant für Frauen?
Ich frage mich oft, warum dem Thema Frauen und Technik immer so ein Stigma anheftet. Ich denke, dass dort verschiedene Faktoren zusammenkommen. In Deutschland werden Jungen und Mädchen schon im Kindes- und Jugendalter zu wenig spielerisch an technische Themen herangeführt. Mein Vater hat mir zum Beispiel vermittelt, dass Computer zum Spielen da seien. Als ich dann mit 21 Jahren in den USA das erste Mal in der Uni vor einem PC stand, wusste ich nicht einmal, wo der Einschaltknopf ist. Das war peinlich, aber ich habe mir die Fähigkeiten dann aus meinem Interesse heraus angeeignet. Viele Kinder wachsen zudem mit sehr klassischen Rollenbildern von Männer- und Frauenberufen auf und es gibt im höheren Management einfach zu wenige Vorbilder, an denen man sich orientieren kann oder vielleicht auch nicht orientieren möchte.

Auch der Großteil der jungen Gründerinnen hat laut dem Female Founders Monitor 2018 eher einen kreativen/geisteswissenschaftlichen Hintergrund. Was müsste sich an Schulen und Universitäten verändern, damit Frauen mehr Interesse an MINT-Fächern und der Tech-Branche bekommen?
Die sogenannten DACH-Länder (Deutschland, Österreich und die Schweiz) haben zwar top Talente und Innovatoren, häufig echte Rohdiamanten, aber es fehlt den Gründern häufig an Mut, 'groß zu denken'. Teilweise gibt es in Deutschland zudem eine Art Technophobie – die Angst, dass Roboter irgendwann unsere Gesellschaft übernehmen werden, wenn wir Technik zu viel Raum lassen. Zudem spielen Technik und Digitales in der Schule einfach keine so große Rolle wie zum Beispiel in Amerika oder China. Dort ist es üblich, Aufgaben digital abzugeben, Research zu lernen oder auch Computerspiele wie Minecraft zu spielen, um sich mit der Materie vertraut zu machen. Nachmittagskurse in technischen Bereichen oder Coding-Camps im Sommer sind dort völlig normal. Wir müssen in Deutschland aufpassen, dass wir nicht schon in Basisfähigkeiten den Anschluss verlieren und bei Kindern und Jugendlichen auch den Einstieg in technische Berufe verhindern.

Ist der Zug für die Tech-Branche in Deutschland dann schon abgefahren?
Laut einer aktuellen Studie sind 80 000 Stellen in der IT nicht besetzt. Und auch in vielen Berufen, die nicht mal klassische IT-Berufe sind, zum Beispiel im Marketing, muss man sich mittlerweile mit digitalen Themen auskennen. Es fehlt also nicht nur in den klassischen Tech-Berufen, sondern auch im Bereich der Digital Natives. Eine akute Lösung für das Problem gibt es sicher nicht und es müsste breit angelegte Maßnahmen geben, um dagegen zu steuern. Man sollte neue Studiengänge entwickeln und Stipendien im Bereich Informatik ausrufen. Denn Deutschland hat Top-Universitäten im Bereich IT und Digitales, an denen Bildung im Gegensatz zu vielen anderen Ländern noch bezahlbar ist. Diese Chance sollte man nutzen, um Professoren und Fachkräfte anzuwerben und junge Leute auszubilden.

Warum haben Sie sich für eine Laufbahn in der Tech-Branche entschieden?
Ursprünglich bin ich im Marketing eingestiegen. Aber in der Telekommunikationsbranche, in der ich arbeite, bin ich dann mit technischen Geräten wie Handys und Co. in Berührung gekommen und habe mich auch inhaltlich dort immer weiter eingearbeitet. Ich bin ein Spielkind – ich möchte immer nicht nur das neueste Handy, sondern auch den neuesten Kühlschrank oder den neuesten Fernseher, weil mich die Technik einfach fasziniert. Und genau aufgrund dieser Begeisterung habe ich mich damals für diese Branche entschieden.

Haben Sie sich in Ihrer Karriere aufgrund Ihres Geschlechts eingeschränkt gefühlt oder sogar Diskriminierung erlebt, zum Beispiel bezüglich Kompetenz oder Gehalt?
Ich hatte mehrheitlich Menschen um mich herum, die Vertrauen in meine Fähigkeiten gesetzt haben und bei denen meine Leistung und nicht mein Geschlecht eine Rolle gespielt hat. Aber generell ist Deutschland immer noch extrem konservativ, wenn es um Nationalitäten oder Geschlecht und Erfolg geht und die Führungsriegen sind oftmals sehr alt und normkonform. Ältere Vorstände und Führungskräfte betrachten Frauen vielfach nicht auf Augenhöhe. Auf der anderen Seite fällt es vielen Frauen oftmals schwer, ihre Rechte einzufordern. Denn auch Männer müssen sich durchsetzen, tun dies aber mehr.

Welche Tipps haben Sie denn für Frauen, die eine Karriere in der Tech-Branche anstreben?
Man sollte deutlich seine Wünsche und Karrierepläne äußern, denn oftmals haben männliche Führungskräfte gar nicht auf dem Schirm, dass auch Frauen diese Jobs machen können. Wenn ein Kollege mal einen unangebrachten oder dummen Spruch reißt, sollte man versuchen, nicht zu verbissen zu sein und möglichst mit Humor zu kontern. Doch es ist immer wichtig, auf Diskriminierung aufmerksam zu machen und genau nachzufragen, warum jemand jetzt so reagiert hat. Und wenn es um wirkliche physische Belästigung geht, muss man sich ganz klar verwehren. Aber generell würde ich Frauen raten: Traut euch einfach. Der britische Unternehmer Richard Brandson hat mal gesagt: 'If somebody offers you an amazing opportunity, but you are not sure you can do it – take it and learn how to do it later'. Das gilt ganz besonders für viele junge Frauen, denn der Job sollte Spaß machen. Besonders weibliche Führungskräfte denken, sie müssen immer alles können, aber das meiste lernt man im Verlauf des Jobs selbst.

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