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Meinung

Ein Sinnbild für Deutschland: Der irre Radweg in Berlin zeigt mir, warum ich Radfahren in deutschen Städten hasse

In Berlin-Zehlendorf sorgt ein Radweg, dessen Markierungen im Zick-Zack verlaufen, für Aufsehen. Keine Absicht, beteuert die zuständige Bezirksstadträtin. Und trotzdem: Dieser Radweg ist sinnbildlich für Deutschland, findet unsere Autorin.

Fahrradfahren war nie wirklich meine Passion, ich bin eigentlich immer lieber gelaufen. Aber wenn man jung ist, auf dem Dorf wohnt und zur Party in die nächste Bauernschaft kommen muss, ist man auf das Rad einfach angewiesen. Tagsüber gestaltet sich das Fahren selbst in einem Ort mit weniger als 10.000 Einwohnern schwierig: Die verlaufen meist auf dem Gehsteig und sind so schmal, dass man beim Überholen entweder an Passanten oder Autos gerät, an der Ampel weiß man nicht genau, ob man fahren darf oder schieben muss, und manchmal hört der Radweg auch einfach auf. Ein Glück, dass auf dem Land ab 20 Uhr die Bordsteine hochgeklappt werden und kein Auto mehr auf der Straße fährt. So kann die Heimfahrt angetrunken um halb drei nachts mitunter auch richtig Spaß machen. 

Radweg für Fortgeschrittene 

Angetrunken scheinen auch die Mitarbeiter der Baufirma gewesen zu sein, die mit der Radweg-Markierung im Berliner Stadtteil Zehlendorf beauftragt waren. Im Zick-Zack führt der "Weg" auf dem Bürgerstein an den angrenzenden Bäumen vorbei. Wer hier entlang fahren will, sollte besser nüchtern sein. Mittlerweile ernten die eigenwilligen Markierungen in ganz für Häme – und das zurecht. "Das war so nicht geplant", beteuert die zuständige Bezirksstadträtin. Die Markierungen sollen übermalt und korrigiert werden. Und trotzdem: Dieser Radweg ist sinnbildlich für all die halbherzigen "Fahrbahnen" für Radfahrer, die einem in diesem Land begegnen. Wenn es überhaupt eine Extra-Spur gibt ...

Nach meinem Abitur bin ich zum Studieren in die gezogen, genauer gesagt nach Enschede. Die Stadt mit ca. 150.000 Einwohnern befindet sich direkt an der Grenze zu Deutschland, also dachte ich: sehr viel anders als in Deutschland wird es dort wohl nicht sein. Doch ich hatte mich getäuscht, sehr sogar: Die Niederlande sind ein Paradies für Fahrradfahrer! Dass man so entspannt fahren kann, hätte ich vorher nie für möglich gehalten – und das in einer Stadt. 

Hier hat jeder eine eigene Spur, so dass sich Autofahrer, Fußgänger und Radfahrer nicht in die Quere kommen. Und zwar eine Spur, die eindeutig von den anderen abgegrenzt ist, zum Beispiel durch niedrige Bordsteine und unterschiedliche Fahrbahn-Beschichtungen. Ein besonderes Highlight: die Extra-Ampeln für Radfahrer. Nie wieder Verwirrung, weil man nicht so recht weiß, ob man jetzt zu den oder Fußgängern gehört. 

Nach drei Jahren in den Niederlanden war ich sehr verwöhnt. 

"Fahrradhauptstadt" Deutschlands? Okay, ciao

Und dann bin ich zurück nach Deutschland gezogen. In die "Fahrradhauptstadt" Deutschlands: Münster. Wie sich Münster diesen Titel verdient hat, kann ich mir bis heute nicht erklären. Ja, in Münster wird viel Fahrrad gefahren, sehr viel sogar. Aber fahrradfreundlich?! Abgesehen von der Promenade, die einmal um die Stadt herumführt und im Grunde ein riesiger Radweg ist (was viele Touris allerdings nicht verstehen und deswegen auch gerne mal vors Rad rennen), ist das Radfahren in Münsters Innenstadt eine Zumutung.

Vom Kopfsteinpflaster, bei dem man ein Schleudertrauma bekommen könnte, will ich jetzt gar nicht erst anfangen. Wer in Münster schon mal zur Rush Hour mit dem Rad zur Uni oder FH gefahren ist, weiß: ist Krieg. Die Wege sind so schmal, dass sich an den Ampelkreuzungen vor den Hochschulgebäuden gerne mal Schlangen bilden, die bis zur Straße reichen und allen anderen Passanten den Durchgang versperren. Da viele Radwege auf dem Bürgersteig verlaufen, kommt es nicht selten vor, dass man mit Fußgängern zusammenstößt, die an der Ampel warten. 

Doch der Endgegner heißt Ludgeri-Kreisel. Eigentlich ist die Durchfahrt durch den zweispurigen Kreisverkehr mit dem Rad ganz einfach, wenn man sich wie ein Auto verhält und hinter den anderen Fahrzeugen fährt, statt sich daran vorbeizuschlängeln. Checkt aber scheinbar keiner. Und so sind die Autofahrer genervt, weil ihnen beim Verlassen des Kreisverkehrs ständig ein Radler den Weg schneidet, und die Radfahrer sind oft vollkommen überfordert, wie und wo sie herfahren sollen. 

Wenn das die "Fahrradhauptstadt" in unserem Land sein soll: okay, ciao. 

Es muss sich was ändern

Als ich vor zwei Jahren nach Hamburg gezogen bin, habe ich mein Fahrrad erst gar nicht mitgenommen. Egal in welcher deutschen Stadt ich auch gefahren bin, Radfahren war nicht gerade spaßig. In Sachen sinnvoller Radweg können sich die Deutschen einiges bei den niederländischen Nachbarn abgucken. Ein Anfang wären schon mal Radspuren, die nicht mehr auf die sowieso schon schmalen Bürgersteige gequetscht werden. Dann kann man auch mal überholen, ohne einen Verkehrsunfall zu riskieren. 

Selbst wenn der Berliner Radweg nun begradigt wird, ist der Gehweg, auf dem die Markierungen angebracht sind, lächerlich schmal.