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Nicht aufgeben!: Studium, Job, Diät: Wie wir es schaffen, Dinge durchzuziehen

Ob beim neuen Job oder einem persönlichen Ziel: Am Anfang stehen Euphorie und Tatendrang. Dann tauchen erste Hindernisse auf. Jetzt nur nicht verzagen! Um jedes Motivationsloch gibt es auch einen Schleichweg.

Von Nora Reinhardt

Mann sitzt auf Sofa und ist verzweifelt

Am Anfang sind wir noch motiviert, dann kommen die ersten Zweifel – wir erklären, wie ihr euer Ziel trotzdem erreicht (Symbolbild)

Unsplash

"Ich breche mein Studium ab" , sagte mein Bekannter. "Was, jetzt, im letzten Semester? Vor den Abschlussprüfungen?", fragten wir. Ja, sagte mein Bekannter. Alles, nur nicht Lehrer werden. Wir fragten uns, ob einem so eine Erkenntnis nicht in einem der Dutzend Semester zuvor hätte kommen können, aber gut. Es war das, was in unserem Freundeskreis mittlerweile "das Lehrer-Phänomen" heißt. Direkt nach dem Abi scheint Lehrer ein absolut plausibler Beruf zu sein; sicher, mit Ferien, guter Bezahlung, Ansehen. Dann, kurz vor Ende des Studiums bekommen viele einen Rappel: Oh, Kinder! Unterrichten! Ähm!

Wenn dir Euphorie verfliegt, ist das Ziel meist noch weit entfernt 

So ähnlich geht es den Jurastudenten, die davon träumen, als Menschenrechtsanwälte die Welt gerechter zu machen – und dann merken, dass ihr Alltag wohl nicht so glamourös wird wie der von Amal Clooney. Und denen, die so hart dafür gekämpft haben, Pilot zu werden und die jetzt ahnen, dass Fliegen ein bisschen so ist wie Busfahren.

Egal ob im Job, in der Liebe oder beim neuentdeckten Hobby, irgendwann verfliegt die Euphorie. Man hat erfolgreich etwas angefangen und spürt plötzlich: Uh, ich habe aber noch eine ganz schön lange Strecke vor mir. Paare in einer Fernbeziehung geben sich oft richtig Mühe, um die Liebe am Leben zu halten, und wenn sie zusammengezogen sind, halten sie es kaum mehr miteinander aus. Nachdem man die ersten vier Wochen mit neuen Turnschuhen und beseelt ins Fitnessstudio ging, steht man irgendwann auf dem Stepper und fragt sich: Und die nächsten Jahre steige ich jetzt jeden Dienstag und Donnerstag virtuelle Treppen hinauf, ohne jemals oben anzukommen?

Auf dem Weg zum Ziel verlieren wir uns selbst

Wir sind eine der ehrgeizigsten und zielstrebigsten Generationen seit Langem. Wollen was erreichen, am Ziel ankommen – und unterwegs verlieren wir uns manchmal. Die großen Fragen lassen viele erst spät zu. Wenn sie es dann tun, kommt die Panik: und jetzt? Raus hier oder weitermachen?

Grundsätzlich spricht nichts dagegen, sich selbst zu vertrauen. Innerhalb der Monate, die zwischen der Entscheidung für den Studiengang und dem großen Zweifel liegen, hat sich die eigene Persönlichkeit wohl kaum grundlegend verändert. Viele haben nur kalte Füße, sind überfordert oder einfach mit der Realität in Berührung gekommen. Dann ist es wichtig, die Nerven zu behalten, kurz mal die Scheuklappen aufzusetzen und zu sagen: Zweifel sind normal, aber ich zieh das jetzt durch.

Wie schaffen wir es, uns durchzubeißen?

Ploppt natürlich gleich das nächste Problem auf – wie schafft man das, sich durchzubeißen, wenn jede Hausarbeit nervt und der Stepper erst recht?

Ein ziemlich guter Trick ist wissenschaftlich bestätigt: Kinder sollten in einem Experiment bei einer langweiligen Aufgabe durchhalten. Sehr viel leichter gelang ihnen das, wenn sie dabei ein Batman-Kostüm trugen. Das nur als erste Anregung.

Selbstdisziplin lernen

Um eine Sache zu Ende zu bringen, muss man jedenfalls nicht mit eiserner Willenskraft geboren sein. "Selbstdisziplin ist wie ein Muskel, den man trainieren kann", sagt der Psychologe Leon Wind scheid, 29. Er selbst gehört, das hat er schon bewiesen, zu denen, die Sachen durchziehen: In der Sendung "Wer wird Millionär?" gewann er die Million. Dabei half sicher, dass er drei Monate lang jeden Tag zehn Stunden dafür gelernt und vor der WG seines Bruders Fragen beantwortet hatte – in Unterhose, um die Scham und Nervosität im Studio als Faktor mit einzukalkulieren.

Er ist Psychologe, promoviert gerade und hat sich für sein Buch "Das Geheimnis der Psyche" mit Selbstdisziplin beschäftigt. Er sagt: "Wer vom Charakter her eher faul ist, der hat es schwerer. Aber das ist keine Ausrede. Man kann Selbstdisziplin tatsächlich üben."

Konkrete Ziele führen eher zum Erfolg 

Was hilft: Das Ziel gut zu wählen. "Wischiwaschi-Ziele" bringen laut Wind scheid nichts. Man sollte sich also nicht vornehmen: "Ich möchte 2018 sportlicher werden." Sondern: "Ich möchte im März einen Zehn-Kilometer-Lauf schaffen." Diese konkrete Aufgabe zerteilt man in kleine Schritte. Zum Beispiel erst einmal einen Kilometer schaffen, diesen Kilometer dann schneller laufen, dann die zwei Kilometer angehen. Im Grunde gibt es ja nur drei Arten von Zielen.

"Ich möchte innerhalb von einer Woche fit für einen Marathon werden" unrealistisch. "Ich möchte innerhalb von einem Monat 500 Meter am Stück laufen können" vermutlich zu einfach. "Ich möchte innerhalb von drei Monaten zehn Kilometer laufen können" geht. Ein gutes Ziel ist schaffbar, aber herausfordernd. Letzteres ist wichtig. Wer etwas schafft, was gar nicht so einfach ist, hat ein Erfolgserlebnis und mehr Spaß.

Bloß keine falschen Hoffnungen machen!

Wichtig ist außerdem, sich keine falschen Hoffnungen zu machen ("Wenn ich erst mal supersportlich bin, komme ich mit Hope Solo zusammen, die ist ja auch so sportlich!") "False Hope" nennen Psychologen dieses Phänomen, bei dem man etwas macht, weil man sich eigentlich etwas anderes erträumt. Ein Klassiker des False-Hope-Syndroms: "Ich nehme jetzt 30 Kilo ab, dann stehen die Frauen/Männer bei mir Schlange!"

Besser, man macht die Sache "für sich selbst wichtig", so Leon Wind scheid. Wer nur einen Doktortitel haben möchte, weil man dann beim Flugbuchen das Häkchen "Dr." anklicken kann oder die Eltern stolz sind, wird womöglich bei der ersten Krise hinwerfen. Warum möchte man selbst einen Doktortitel haben? Wer es schafft, seinem Ziel einen subjektiven Wert zu geben, hat gute Chancen, die Sache durchzuziehen, auch wenn er gerade mitten durchs Motivationstal schreitet.

Hilfsmittel zum Durchhalten

Zwei entscheidende Hilfsmittel zum Durchhalten, die Leon Windscheid nennt, sind die "Stimuluskontrolle" und die "Automatisierung". Der Stimulus kann alles Mögliche sein: Wer Lernen möchte, aber sich ständig von Whatsapp-Nachrichten ablenken lässt, legt das Handy besser in einen anderen Raum (das Telefon umgedreht hinlegen bringt nichts, das hat eine Studie der Universität von Texas gezeigt). Wer keine Schokolade mehr essen will, hat keine Schokolade im Haus. Und wer weniger Taxifahren möchte, löscht die App vom Handy.

Man muss sein Verhalten zudem automatisieren. Wer den Zehn-Kilometer-Lauf schaffen will, schließt einen Deal mit sich selbst. "Ich laufe jeden Morgen vor der Arbeit eine halbe Stunde." Und dann macht man sich klar: Es gibt keine Entscheidungsmöglichkeiten mehr. Das wird nun jeden Morgen automatisch so gemacht. Es nicht zu tun ist keine Option. Auch nicht ausnahmsweise. "Es ist wesentlich schwieriger, eine Regel zu 99 Prozent einzuhalten als zu 100 Prozent", sagt Leon Windscheid.

Macht das Durchziehen wirklich glücklich?

Aber: Macht es denn nun wirklich glücklich, die Dinge durchzuziehen? Mein Bekannter brach das Lehramtsstudium tatsächlich kurz vor Schluss ab. Für ihn war es das Richtige. Er arbeitet jetzt als Grafiker und hat einen festen Job gefunden, der ihm Spaß macht. Klar, wenn man in sich hineinhorcht und dort so richtig lauten Protest hört gegen das Studium, den Job, die Beziehung, dann kann Abbrechen das bessere Durchziehen sein. Grundsätzlich gilt das aber nicht.

Roy Baumeister ist Professor an der Florida State University und einer der bekanntesten Psychologen überhaupt. In seinem Standardwerk "Die Macht der Disziplin“ schreibt er, Willenskraft sei entscheidend für ein erfolgreiches Leben: Menschen, die willensstark sind, sind seltener übergewichtig, seltener drogenabhängig und lebten mit größerer Wahrscheinlichkeit in stabilen Ehen.

Klare Entscheidungen helfen beim Durchhalten  

Baumeister erzählt von der New Yorker Sängerin Amanda Palmer, in der er ein Vorbild für Selbstbeherrschung sieht. Als sie noch erfolg los war, stellte sie sich als menschliche Statue auf den Harvard Square in Boston, um ein bisschen Geld zu verdienen. Sechs Jahre lang stand sie pro Tag drei Stunden einfach da und harrte aus: Sie durfte nicht lachen, nicht auf die Toilette gehen, nicht sprechen, den Blick nicht schweifen lassen, nicht die Nase putzen, nicht mal reagieren, als Passanten sich an ihr rieben oder Dinge nach ihr warfen. Gefragt, wie sie das ausgehalten habe, sagte sie, sie habe es schlicht über sich ergehen lassen, ganz einfach. So habe sie es geschafft, in all den Jahren nur zweimal aus der Rolle zu fallen.

Sobald man wie Amanda Palmer ganz klar die Entscheidung getroffen hat, etwas durchzuziehen, geht es schon leichter. Man stellt auf Autopilot und macht es einfach, schreibt die nächste Hausarbeit, lernt für die nächste Prüfung. Statt wochenlang auf einem "Jein" rumzukauen, kann man sich freuen, dass man einen Plan hat. So wird der Nervkram dann auch nicht jedes Mal zur Existenzfrage. Und wer schon mal durch den Regen gejoggt ist, weiß: Das kann ziemlich glücklich machen.

Belohnungen helfen

Tiefs wird es zwar immer wieder geben, aber nicht die grundlegenden Zweifel. Gemein ist zum Beispiel der Vergleich mit anderen. In den Sozialen Netzwerken sieht man überall ordentliche Wohnungen, durchgestylt bis ins Letzte – wer will sich da schon eingestehen, dass er es diese Woche nicht mal geschafft hat, den Müll runterzutragen? Wer die InstaStory des Lieblingsinfluencers sieht – San Diego, 6:00, Going for a morning run – und dann selbst durch die hiesigen grauen Häuserlandschaften bei Nieselregen joggen muss – wenig instagramable –, der merkt schnell, wie Anspruch und Wirklichkeit auseinanderdriften. Und das frustriert.

Da hilft es, sich zu belohnen. Man muss nur wissen wie. Sich eine neue Smartwatch am Wochenende als kleine Aufmerksamkeit fürs disziplinierte Joggen zu kaufen klingt nach einer guten Idee, ist aber eine schlechte. Zum einen funktioniert die Konditionierung nicht so gut, wenn das Joggen (Montag bis Freitag) und die Belohnung (Samstag) weit auseinanderliegen. Die Psyche, vereinfacht ausgedrückt, begreift nicht, dass die Uhr die Belohnung für das Laufen ist.

Der "Huckepack-Trick" kann beim Durchziehen helfen

Zum anderen sind Erlebnisse wertvoller für uns als materielle Dinge. Besser ist es also, wenn die Belohnung ein Ereignis ist und zeitlich direkt an die Überwindung gekoppelt ist. Leon Wind scheid empfiehlt den "Huckepack-Trick": Eine schöne Sache nimmt die blöde Sache huckepack. Wer zum Beispiel für die schwere Segelprüfung lernen muss und null Lust hat, es aber liebt, mit Freunden Kaffee zu trinken, fragt einfach seine Freunde, ob sie einen im Café abfragen. Entscheidend ist, dass man sich seine Qualen direkt versüßt, damit sie ihren Schrecken verlieren.

Wenn nichts hilft: einfach Snooze drücken

Alles plausibel. Aber was, wenn man trotzdem nicht aus dem Bett kommt (drinnen Daune, draußen Regen), um eine Runde zu joggen? Dann gibt es immer noch die "Snooze"-App, die bei jedem Snoozen Geld an eine vorher eingegebene Institution spendet. Am besten spendet man einer verhassten Partei oder gleich dem Fußball-Erzrivalen. Dann tut das Liegen bleiben richtig weh.

Dieser Artikel ist erstmals in der NEON-Ausgabe 02/2018 erschienen.