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Meinung

#metwo-Debatte: Alltagsrassismus in Deutschland: Jetzt hört doch endlich mal zu!

Unter dem Hashtag #metwo erzählen Menschen mit Migrationshintergrund, wie sie Rassismus in Deutschland erleben. Es ist höchste Zeit, dass wir ihnen zuhören. Aber das fällt vielen immer noch schwer.

Drei junge Menschen aus unterschiedlichen Kulturen unterhalten sich

Gesellschaft funktioniert durch Dialog – eine einfache, für manche aber offenbar überraschende Erkenntnis

Unsplash

Vielleicht muss man Mesut Özil schon dankbar sein. Dankbar für dieses an sich inakzeptable Foto mit dem türkischen Präsidenten Erdogan. Dankbar sogar für das frühe WM-Ausscheiden, dankbar auch für seinen gepfefferten Rücktritt aus der Nationalmannschaft und die Rassismusvorwürfe an den DFB-Präsidenten. Denn die eigentlich sehr traurigen Entwicklungen der vergangenen Wochen haben zumindest einen guten Nebeneffekt: Endlich reden wir ehrlich über den Stand der Integration in . Und endlich reden die darüber, die wirklich etwas zu sagen haben.

In den sozialen Netzwerken im Internet erzählen viele Menschen mit Migrationshintergrund unter dem Hashtag #metwo, wie sie das Leben in Deutschland empfinden. Wie oft sie benachteiligt, verhöhnt oder nicht ernstgenommen werden. 

Ähnlich wie bei der #metoo-Kampagne hat es einen prominenten Fall gebraucht, um ein strukturelles Problem in unserer Gesellschaft aufzuzeigen – eines, über das dringend diskutiert werden muss. Längst ist diese Debatte größer als Özil selbst, es geht um Millionen von Menschen, die jeden Tag ähnliche Erfahrungen machen, ohne dass sie damit in der Öffentlichkeit stehen.

Wer muss was zur Integration beitragen?

Lange wirkte es, als stünden Menschen mit in der Bringschuld, wenn es um Integration geht. Sie sollten die Sprache lernen, sich gesellschaftlich engagieren und sich – wie es immer so schön heißt – "zu den Werten des Grundgesetzes bekennen". Hört man Özil und anderen Migrantenkindern zu, klingt immer wieder der Frust und die Enttäuschung darüber durch, dass das offenbar doch nicht reicht. Egal, wie sehr sie sich anstrengen, wie viel Geld sie verdienen, wie erfolgreich sie sind – im Zweifel bleiben sie immer "der Ausländer". Langsam aber dreht sich die Perspektive: Auch die deutschstämmigen Bürger müssen ihren Teil zur Integration beitragen.

Das Mindeste wäre da, die Probleme der Menschen mit ausländischen Wurzeln ernstzunehmen. Doch schon dort hakt es, wie sich exemplarisch wieder einmal an #metwo zeigt. 

Leider gelingt es zu wenigen Deutschen (im Sinne von Deutschen ohne Migrationshintergrund), das Erleben ihrer Mitbürger von Rassismus und Ausgrenzung einfach mal stehenzulassen. Stattdessen versuchen viele, den Betroffenen zu erklären, was denn nun rassistisch zu verstehen sei und was nicht. Zuhören scheint nicht die Stärke unserer Gesellschaft zu sein.

Bitte ein wenig mehr Demut!

Dabei würde uns hier – und nicht nur hier – ein wenig mehr Demut sehr gut zu Gesicht stehen. Ein  Müller, dessen Familie seit Jahrhunderten in Deutschland lebt, versteht wenig von der Lebenswelt eines Murat Yilmaz, dem man an Namen und Aussehen sofort seine Wurzeln anmerkt. Er weiß nicht, welche Probleme das bei Wohnungssuche, Behördengängen oder Bewerbungen mit sich bringt. Er kennt das Gefühl nicht, sich fremd in dem Land zu fühlen, in dem er aufgewachsen ist.

Die Anekdoten, die gerade unter #metwo auf Twitter zu finden sind, werfen lediglich ein Schlaglicht auf das Problem. Aber sie zeigen Situationen, in die ein sogenannter "Bio-Deutscher" wohl nie geraten wird. Die unvermeidbare "Und wo kommst du wirklich her?"-Frage ist da noch harmlos. 

Die Lücke zwischen den Lebenswelten

Ein Mann, dessen Familie aus Afghanistan stammt, erzählte, wie ihn – damals neun Jahre alt – nach den Anschlägen des 11. September ein Lehrer fragte: "Warum haben deine Leute das getan?" Anschließend sei er jahrelang in der Schule gemobbt worden. Die Mutter einer jungen Frau wurde in einem Hotel von anderen Gästen gebeten, ihr Zimmer zu putzen. Es passieren nicht alle diese Dinge aus böser Absicht. Aber wie sehr sie schmerzen, das kann ein Mensch aus der Kategorie "Michael Müller" wohl nur ansatzweise ermessen.

Das ist weder die Schuld des Michael Müller noch des Murat Yilmaz. Schwierig wird es allerdings, wenn Michael sich anmaßt, einzuordnen, welche Gefühle Murat wie haben darf. Die Debatte darüber wird anstrengend, weil sie alle Seiten dazu zwingen wird, viele Dinge noch einmal zu durchdenken, die man bisher lieber unter der Oberfläche ließ. Manche der #metwo-Erzählungen sind sogar schwer zu ertragen, weil sie so menschenverachtend sind. Aber sie bieten eine wunderbare Chance zum Dialog, zum Verstehen, zumindest im Ansatz –und letztendlich zu einer nachhaltigen Veränderungen im gesellschaftlichen Klima. Das funktioniert jedoch nur, wenn man sich darauf einlässt.

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