HOME
Meinung

Protest gegen Rechts: Sind wir wirklich mehr? Dann müssen wir es jetzt der ganzen Welt zeigen!

Unter dem Motto #wirsindmehr formiert sich im Netz der Protest gegen Rechtsradikalismus und Fremdenfeindlichkeit. Leider ist die Lage aber längst zu ernst, um sie routiniert mit einem Hashtag abzuhandeln. Wir müssen auf die Straße!

#wirsindmehr: Demonstration gegen Rechts

#wirsindmehr – Demonstranten in Chemnitz wollen die Straße nicht dem rassistischen Mob überlassen

Es ist inzwischen gut 25 Jahre her, da waren wir wirklich mehr. Seinerzeit sorgte eine Reihe von Anschlägen auf Ausländer für Entsetzen in Deutschland: Der brennende Plattenbau von Rostock-Lichtenhagen gehört bis heute zum kollektiven Gedächtnis; der Name des schleswig-holsteinischen Örtchens ist immer noch unheilvoll mit dem Neonazi-Mord an drei türkischen Mitbürgern verbunden; und auch der Brandanschlag von Solingen, der fünf Todesopfer forderte, hatte einen rechtsextremen Hintergrund und steht exemplarisch für jene dunkle Zeit.

Auf die grausamen Vorfälle folgte eine beispiellose Solidarität: Monatelang protestierten die Menschen im ganzen Land mit Lichterketten gegen rechte Gewalt. Allein in zündeten am Nikolaustag 1992 über 400.000 Menschen eine Kerze an, insgesamt gingen binnen drei Monaten mehr als drei Millionen Menschen gegen Ausländerhass auf die Straße.

Die Situation ist gefährlicher als 1992/93

Die Eskalationsstufe von 1992/93 ist auch mit den widerlichen Vorfällen von noch nicht erreicht. Und doch stellt sich die Situation in Deutschland 2018 noch deutlich schwieriger und damit auch gefährlicher dar als damals, weil die Fronten unklarer verlaufen: In Zeiten der AfD und der "besorgten Bürger" haben auch Biedermänner und Mitläufer, die sich selbst nicht als Nazis bezeichnen würden, kein Problem damit, ohne schlechtes Gewissen mit ihren offen fremdenfeindlichen Tendenzen hausieren zu gehen. Wachsende Empathielosigkeit paart sich mit einer seltsamen Toleranz für rechtsextreme Standpunkte zu einem höchst bedenklichen Bastard.

Und doch formiert sich der Protest gegen Rechts im Vergleich noch allzu zaghaft. Knapp 5000 Demonstranten wie gestern in Berlin-Neukölln sind leider noch viel zu wenig. Es kann nicht sein, dass erst Flüchtlingsheime brennen müssen, bevor wir geschockt genug sind, um zu handeln. Die Lage ist schon längst viel zu ernst, um sie routiniert mit einem wie #wirsindmehr abzuhandeln.

Protest gegen Rechts: Wir müssen uns zeigen!

Es ist allerhöchste Zeit, sich gerade zu machen und sich zu zeigen. Dem rassistischen Mob eben "nicht unwidersprochen die Straße zu überlassen", wie es Kraftklub & Co. in ihrer Ankündigung zum Solidaritätskonzert in Chemnitz am kommenden Montag treffend formulieren. Denn jede rechtsradikale Neigung bedeutet einen Angriff auf die Demokratie und unser eigentlich tolerantes Land. 

Für die Weltoffenheit, die viele von uns so selbstverständlich leben, lohnt es sich dieser Tage mehr denn je, auf die Straße zu gehen und Stellung zu beziehen. Die internationale Gemeinschaft wirft bereits einen skeptischen Blick auf die Situation in . Wir müssen ihr dringend zeigen, dass wir wirklich mehr sind.

"Hintern hoch, raus auf die Straße": Frau aus Sachsen platzt der Kragen auf Facebook – Hunderte teilen ihr Video