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Meinung

Drei Jahre nach Protest: NFL macht Colin Kaepernick Hoffnung – aber die Sache hat einen bitteren Beigeschmack

Football-Star Colin Kaepernick ging aus Protest gegen Rassismus und Polizeigewalt bei der Nationalhymne auf die Knie. Die Aktion machte ihn zum Gesicht des Widerstands, er verlor allerdings auch seinen Job. Doch jetzt scheint ein neues Kapitel der unsäglichen Geschichte zu beginnen.

Colin Kaepernick

Steht Colin Kaepernick vor der Rückkehr in die NFL?

Es ist eine dieser Meldungen, die sofort misstrauisch machen: Der derzeit arbeitslose Footballprofi Colin Kaepernick wird fast drei Jahre nach seinem letzten NFL-Spiel ein privates Training für interessierte Teams abhalten. Dies bestätigte Kaepernick auf Twitter.

Laut des früheren Quarterbacks der San Francisco 49ers soll die Einheit am kommenden Samstag in Atlanta im US-Bundesstaat Georgia stattfinden. "Ich bin in Form und seit drei Jahren dazu bereit", schrieb der frühere Quarterback der San Francisco 49ers. "Ich kann es nicht abwarten, die Trainer und Manager am Samstag zu sehen."

Colin Kaepernick: Gesicht des Protests

Das klingt verdammt nach Happy End, aber unabhängig davon, wie berechtigt die Hoffnungen sind, die Kaepernick sich jetzt macht: Auch die neuerliche Wendung des unsäglichen Falls hat einen Beigeschmack – und zwar einen bitteren.

Wir erinnern uns: Kaepernick gehörte zu den besseren Quarterbacks der Liga und führte die 49ers im Jahr 2013 in den Super Bowl, der nur denkbar knapp gegen die Baltimore Ravens verloren ging. Während eines Vorbereitungsspiels auf die Saison 2016 blieb er während der Nationalhymne sitzen und begründete die Aktion so: "Ich werde nicht für die Flagge eines Landes aufstehen, in dem Schwarze und andere Minderheiten unterdrückt werden."

Vor dem nächsten Spiel ging er dann auf die Knie und fand mit diesem stillen Protest viele Nachahmer in der Liga. Es kam zu heftigen Debatten, ob die Hymne denn der geeignete Rahmen für derartigen Widerstand wäre. Im September 2017 sagte US-Präsident Donald Trump zum Thema: "Wäre das nicht großartig, wenn einer der Vereinsbesitzer, sollte jemand unsere Flagge nicht respektieren, sagen würde: Schafft den Hurensohn vom Feld! Raus! Er ist gefeuert!"

Zu diesem Zeitpunkt befand sich Kaepernick auf erfolgloser Vereinssuche. Er hatte ein Vertragsangebot der 49ers ausgeschlagen und anschließend keinen neuen Arbeitgeber gefunden. Verschwörungstherorien machten die Runde: Hatten sich die Besitzer der NFL-Franchises abgesprochen, dem Quertreiber keine Chance mehr zu geben?

Auf Grundlage dieser Vermutung verklagte Kaepernick die Liga. Im Februar 2019 einigten sich die beiden Parteien außergerichtlich. Eine Summe zwischen 60 und 80 Millionen Dollar soll die NFL seinerzeit an Kaepernick gezahlt haben, wie Insider vermuteten. Schon damals wurde über ein baldiges Comeback Kaepernicks in der US-Profiliga spekuliert.

Jetzt also das plötzliche Angebot zum Workout: Wie das Sportportal "ESPN" berichtet, hat die Liga alle 32 Teams über Kaepernicks bevorstehendes öffentliches Training und die Möglichkeit zum anschließenden Interview informiert. 

Er will einfach nur, endlich wieder, spielen

Aber ist dieses Angebot zur Annäherung nach so langer Zeit wirklich so versöhnlich, wie es scheint? Wohl kaum: So soll das Kapernick-Lager ebenso kurzfristig, weil zeitgleich, wie die Öffentlichkeit informiert worden sein. Der ungewöhnliche Samstagstermin ist zudem problematisch, befinden sich alle Teams zu diesem Zeitpunkt in der unmittelbaren Vorbereitung auf den Spieltag am Sonntag.

Kapernick soll deshalb nach Informationen von "ESPN" die Liga-Verantwortlichen darum gebeten haben, Training und Interviews auf den für diese Termine üblichen Dienstag zu verlegen – oder auf den darauffolgenden Samstag, um wenigstens mehr Vorbereitungszeit zu haben. Beides sei jedoch ohne Angabe von Gründen abgelehnt worden.

Trotzdem macht Kaepernick gute Miene zum fragwürdigen Vorgehen der Liga, deren Absichten sich dem neutralen Beobachter nicht recht erschließen wollen. Dem 32-jährigen Quarterback a. D. ist das natürlich nicht zu verübeln: Er will einfach nur, endlich wieder, spielen.

Bleibt nur zu hoffen, dass die NFL hier nicht bloß mit ihm spielt.