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Daniil Medwedew: Sie hassen ihn, sie lieben ihn: Auf diesen Typen hat das Tennis lange gewartet

Die US Open 2019 gehen in ihre heiße Phase und ein Russe macht die New Yorker ganz verrückt: Daniil Medwedew meldet in diesem Spätsommer endgültig seinen Anspruch auf das Erbe von Federer, Nadal und Djokovic an – und er hat einen langen, skandalträchtigen Weg hinter sich.

Daniil Medwedew

Frech und furchtlos: Daniil Medwedew, hier nach seinem Achtelfinalsieg bei den US Open gegen Dominik Koepfer

Kurzes Quiz für alle Tennisfans: Wer hat im Jahr 2019 bisher die meisten Matches auf der Tour gewonnen, nämlich 49? Eigentlich eine rhetorische Frage, auf die es seit anderthalb Jahrzehnten nur drei mögliche Antworten gibt: Roger Federer, Rafael Nadal oder Novak Djokovic.

Aber in diesem Spätsommer auf den amerikanischen Hartplätzen riecht es nicht nur, wie gewohnt, nach Fast Food und von der Sonne erhitztem Gummi, sondern auch nach Veränderung, denn die Rede ist von Daniil Medwedew. Der Russe, der vor wenigen Wochen bereits das Masters in Cincinnati gewonnen hatte, steht nach seinem Vier-Satz-Sieg gegen den wieder erstarkten Schweizer Stan Wawrinka im Halbfinale der US Open.

Daniil Medwedew und sein undorthodoxer Stil

Beim letzten Grand-Slam-Turnier des Jahres meldet der 23-Jährige erstmals ernsthafte Ansprüche auf das Erbe der großen Drei an – und es ist keineswegs eine boulevardeske Übertreibung, dass er bis hierher einen langen und skandalträchtigen Weg hinter sich hat.

Medwedew ist ein Ausnahmetalent, dessen Defensivspiel an Djokovic erinnert und der gerne flach und ohne Spin auf den Ball drischt. Dieser unorthodoxe Stil spiegelt sein polarisierendes Wesen. Medwedew gilt seit Jahren als Versprechen, aber irgendwas kam ihm bislang immer dazwischen.

Zum ersten Mal machte er Schlagzeilen, als er 2016 einer schwarzen Schiedsrichterin unterstellte, seinen Gegner zu bevorzugen, weil dieser die gleiche Hautfarbe wie sie habe. Ähnlich unrühmlich geriet ihm eine Szene, die ein Jahr später um die Sportwelt ging: Medwedew wirft, enttäuscht über eine Fünf-Satz-Niederlage, der Schiedsrichterin Geld vor den Stuhl.

Und auch 2019 gehen manchmal noch die Gäule mit ihm durch, nicht zuletzt bei den aktuellen US Open: In der dritten Runde gegen den Spanier Feliciano Lopez leistete er sich gleich mehrere Ausraster, schlug einem Balljungen das Handtuch aus der Hand und zeigte dem buhenden Publikum später wie ein bockiger Junge den Mittelfinger.

Im On-Court-Interview bedankte Medwedew sich hinterher für den Hass des, zugegebenermaßen oft überheblichen, New Yorker Publikums: Es habe ihm so viel Energie gegeben, dass er gewonnen habe. Als ihn die Fans in der nächsten Runde gegen den Deutschen Dominik Koepfer nur umso stärker auspfiffen und sogar seine Doppelfehler beklatschten, spielte er erneut mit jedem Satz stärker und sagte anschließend: "Je mehr ihr das macht, desto mehr werde ich gewinnen."

Boris Becker hat sich bereits als Fan geoutet

Es werde immer nach Typen verlangt, hat sich Boris Becker in seiner Funktion als Eurosport-Experte bereits als Medwedew-Fan geoutet, nachdem dieser für seinen Geschmack etwas zu viel Gegenwind für sein Verhalten bekam: Der Russe habe "Eier", sich mit dem gesamten Publikum anzulegen.

Und tatsächlich geht in der Diskussion über seine kleineren und größeren Fehltritte fast in Vergessenheit, was für eine großartige Show er bei diesem Turnier bisher auch sportlich abzieht. Wie er gegen Wawrinka trotz lädiertem Oberschenkel das Match diktierte, war eine taktische Meisterleistung, die eines Champions würdig ist. Kein Wunder, dass Medwedew in der Tenniswelt längst mindestens so sehr geliebt wird wie gehasst.

Am Ende ist es also diese seltene Mischung, die ihn zum Star der Zukunft machen könnte: "Der hat Charisma, der hat ein Spiel, das anders ist, der hat einen Plan B, einen Plan C", sagt Eurosport-Moderator Matthias Stach: "Das macht ihn doch so besonders."

Und vielleicht wird es ja auch noch was mit Medwedew und den New Yorker Fans. Nach dem Match gegen Wawrinka entschuldigte er sich jedenfalls plötzlich für seine provokante Art der letzten Tage. Boris Becker fand das ein bisschen "komisch und offensichtlich". Fan des Russen bleibt er trotzdem. Es ist schließlich auch diese Unberechenbarkeit, die Daniil Medwedew so unwiderstehlich macht.