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Olympiasieger im Skispringen: Letzter Gruß aus der Hölle – zum Tod der tragischen Legende Matti Nykänen

Wir waren noch kleine Kinder, als seine Duelle mit Jens Weißflog die Sportwelt faszinierten. Damals hatten wir keine Ahnung von der dunklen Seite des begnadeten Skispringers. Jetzt ist Matti Nykänen mit nur 55 Jahren gestorben. Über den tiefen Fall eines Höhenfliegers.

Finnischer Olympiasieger: Skisprungstar Matti Nykänen ist tot

Skifahren macht Spaß, aber Skisport im Fernsehen? Fanden meine Kumpel und ich immer saulangweilig. Damals, als wir acht, neun, zehn Jahre alt waren, interessierten wir uns nur für Fußball und die dramatischen Tennisspiele von Boris Becker. Und je häufiger irgendein Wintersport-Event die Sendezeiten blockierte, desto genervter waren wir.

Bis auf eine Ausnahme.

Wenn Jens Weißflog und Matti Nykänen sich mal wieder eines ihrer atemberaubenden Duelle im Skispringen lieferten, waren wir dabei. Es war einfach nicht zu übersehen, dass der Zuschauer hier Zeuge eines ganz besonderen Duells wurde. Eines dieser Zweikämpfe, von denen es in der Geschichte des Sports vielleicht zwei Handvoll gibt: Ali gegen Frazier, Federer gegen Nadal – diese Kragenweite. In diese Galerie gehören auch Weißflog und Nykänen.

Matti Nykänen

Drei Goldmedaillen: Der siegreiche finnische Skispringer Matti Nykänen bei den Olympischen Winterspielen in Calgary 1988

Matti Nykänen: Stärken und Schwächen

Jetzt ist der finnische Ausnahmespringer im Alter von nur 55 Jahren gestorben. In seinem Nachruf in der "Bild"-Zeitung nennt ihn sein deutscher Rivale Weißflog einen "Mensch mit Stärken und Schwächen, wie wir sie alle haben", auch wenn "dunkle Stunden" zu seiner Biografie gehören würden. Angesichts von Nykänens wildem Leben ist das allerdings ein wenig untertrieben ausgedrückt.

Zwar war Nykänens sportliche Karriere von einzigartigem Erfolg geprägt: Mit vier olympischen Goldmedaillen, fünf Weltmeistertiteln und vier Gesamtweltcup-Siegen ist er einer der erfolgreichsten Skispringer überhaupt und nur einer von fünf Athleten, die jeden der vier wichtigsten Wettkämpfe – Olympia, WM, Gesamtweltcup und Vierschanzentournee – gewinnen konnten.

Aber Nykänen hatte schon zu seiner aktiven Zeit ein großes Problem: "Er war zu einfach zu begeistern für Alkohol, für Frauen, für das ganze Thema und hat dann das schöne Leben genossen", erinnert sich Dieter Thoma, seinerseits früherer Weltklasse-Skispringer. "Aber leider hat er die Kurve nicht gekriegt, weil die Bodenständigkeit gefehlt hat und die richtigen Menschen um ihn herum." Nykänen sei ein guter Mensch gewesen, so Thoma im DPA-Interview: "Wenn er nüchtern war."

Aber nüchtern war Nykänen schon in guten sportlichen Zeiten zu selten. Er trank, seit er 14 war, und ging im Suff auch schon mal auf Teamkollegen los. Sein Weggefährte Jari Puikkonen sagte 1987: "Wenn er betrunken ist und man ein falsches Wort sagt, geht er schon mal mit den Fäusten auf einen los."

Nach Ende der Karriere häuften sich solche Eskapaden, Nykänen verdingte sich als Kellner und Stripper in einer Bar und schrieb eine Autobiografie mit dem Titel "Grüße aus der Hölle". Überhaupt: die Hölle. Die hat er immer wieder gerne als Metapher auf sein Leben, das sich wie der lange Absturz eines Höhenfliegers liest, verwendet. Schlimmer noch: "Die Hölle ist nicht so schlimm, wie mein Leben jahrelang war", sagte er 2012 in einem Interview mit der "Welt".

Gefängnis, Herzinfarkt, Diabetes

Nykänen spielte damals wohl auch auf jenen berüchtigten Vorfall von 2004 an, als er zu einer Gefängnisstrafe verurteilt wurde, als er einen Freund im Alkoholrausch nach einem Streit ums Fingerhakeln in einer Hütte in Nokia niedergestochen hatte. Im selben Jahr erlitt er einen Herzinfarkt, nach 13 Monaten wurde er schließlich aus der Haft entlassen.

Jahre später folgte eine weitere Messerattacke gegen seine damalige Ehefrau und eine abermalige Verurteilung, diesmal zu 16 Monaten Haft. Erst in den vergangenen Jahren wurde es ruhiger um Nykänen, der insgesamt fünf Mal verheiratet war und Medienberichten zufolge seit wenigen Monaten an Diabetes litt. Nicht bekannt ist, ob die Krankheit in Verbindung mit seinem Tod steht.

Jens Weißflog wünscht sich von Herzen, dass "in den vielen Schlagzeilen der nächsten Tage der für mich herausragende Skispringer, ein Idol unserer Sportart, der Sieger und Champion und die Ikone Finnlands im Mittelpunkt stehen". Das werden sie kaum, denn Nykänens Dämonen sind ein zu dominanter Teil seiner außergewöhnlichen Geschichte.

Ein Teil, von dem wir damals, mit acht, neun, zehn Jahren nichts ahnten und auch nichts hätten wissen wollen. Kindern ist sowas egal. In unserer Erinnerung ist der Finne deshalb für immer einer der beiden Typen, die das Skispringen in jener Zeit so unglaublich spannend und spektakulär gemacht haben. Und trotzdem müssen wir feststellen, dass Nykänens viel zu früher Tod auch als mahnendes Beispiel dafür funktioniert, dass selbst die größten Sporthelden am Ende des Tages, und erst recht am Ende ihrer Karriere nur Menschen sind. Mit Stärken und Schwächen, wie wir sie alle haben.