HOME
Meinung

Debakel einer Demokratie: Die USA in Zeiten des Impeachments: Ende eines Landes, das wir früher so geliebt haben

Die öffentlichen Impeachment-Anhörungen führen es uns auf schmerzhafte Weise vor Augen: Von den USA, wie wir sie kannten, ist nichts mehr übrig. Eine Demokratie zerlegt sich selbst – und stellt damit unser altes, verklärtes Weltbild auf den Kopf.

USA

Nur noch ein Grund zur (Fremd-)Scham: die einst so stolze Flagge der USA

Unwürdiger kann ein Schauspiel nicht sein. Gestern hat ein hochdekorierter Offizier der US-Armee im Rahmen der Impeachment-Anhörungen Donald Trump schwer belastet – und durfte sich dafür vom US-Präsidenten höchstpersönlich verunglimpfen lassen.

"Von dem habe ich noch nie was gehört", ließ Trump über Oberstleutnant Alexander Vindman verlauten. "Wie ich höre, trägt er neuerdings überall seine Uniform." Es ist einerseits Trumps gewohnte Taktik: (verbal) um sich schlagen wie ein Schulhof-Bully.

USA: Nur ein Tabubruch von vielen

Andererseits ist seine Herablassung in diesem Fall unerhört, weil sie vor der Ära dieses Präsidenten nicht denkbar gewesen wäre: Der oberste Befehlshaber der stolzen Nation würdigt einen Mann des Militärs öffentlich herab. Angesichts des unverwüstlichen Respekts, den die Amerikaner ihrer Armee traditionell entgegenbringen, ist das ein Tabubruch.

Aber eben nur einer von vielen Tabubrüchen in diesen Tagen. Die öffentlichen Anhörungen hinsichtlich eines möglichen Impeachment-Verfahrens gegen Trump machen es auf schmerzhafte Weise deutlich: Von den USA, wie wir sie kannten, ist nichts mehr übrig. Die große Demokratie des 20. Jahrhunderts zerlegt sich vor unseren Augen selbst – und stellt damit auch unser altes, verklärtes Weltbild auf den Kopf.

Was wir gerade erleben müssen, vermittelt den Generationen X und Y, vor allem den in den 1980er-Jahren Geborenen, das Gefühl der Aufkündigung einer großen Liebe. Denn die Jugend der 90er war noch mit der Gewissheit aufgewachsen, dass alles, was aus den USA kommt, stärker, spektakulärer, geiler, visionärer und weiter entwickelt ist als die provinziellen Pendants aus Deutschland.

Gebannt haben wir damals die Berichterstattung aus den Sportligen verfolgt, wir sind für die DSF-Übertragung der NBA-Finals mit den Chicago Bulls nachts aufgestanden, trugen Jordan-Nikes, Baseballkappen der Yankees oder viel zu große Football-Trikots der Dallas Cowboys (vorzugsweise jenes von Running Back Emmitt Smith). Statt Panini-Bildchen tauschten wir Trading Cards von Upper Deck.

Wir schauten Baywatch im Fernsehen und Forrest Gump im Kino, hörten Rap von Biggie und Tupac und klauten den Playboy mit Pamela Anderson. Und wir glaubten damals wirklich noch, dass die USA das "Land of the free" und "Home of the brave" sei, wo jeder alles werden kann und multikulturelles Leben miteinander wie selbstverständlich funktioniert.

Manche von uns gingen in der 11. Klasse für ein Jahr "rüber", lebten bei einer Austauschfamilie in Alabama mit Gastgeschwistern, die Craig oder Jenny hießen, und kamen zwölf Monate später nicht nur mit einem prallgefüllten Rucksack an Highschool-Erfahrungen zurück, sondern strahlten auch eine geradezu unverschämte Coolness aus über die Tatsache, in "Amiland" gewesen zu sein.

Nie hätten wir die USA kritisch hinterfragt

Später bereisten wir die USA ein bisschen bewusster, die politischen Folgen des 11. September und die Amtszeit von Präsident George W. Bush hatten unsere Wahrnehmung ohnehin ein wenig verändert. Das Gras auf der anderen Seite des Atlantiks schien längst nicht mehr so viel grüner, aber immerhin blieb uns noch die nostalgische Verklärung, die sich durch die Wahl von Barack Obama als letztes Aufbäumen noch einmal verstärkte, bevor sie spätestens ab 2016 komplett in sich zusammenfiel.

Sie mögen schon damals nur eine hohle Hülle gewesen sein, ein schöner Schein, den sie behutsam wahrten, aber wir haben die Vereinigten Staaten geliebt, oder besser noch: verehrt. Zumindest wäre uns niemals ernsthaft in den Sinn gekommen, sie kritisch zu hinterfragen.

Und heute? Stehen die USA unter Donald Trump für alles Schlechte, was wir uns vorstellen können: für Hass und Hetze, für Wut und Wahnsinn, für Rassismus und soziale Ungerechtigkeit.

Ungeachtet dessen, wieviel davon früher bereits unter der Oberfläche schwelte, wieviel davon wir nicht wussten oder nicht wahrhaben wollten: Was sagt dieser Zustand einer Nation, die für die westliche Welt früher wie keine andere die Vorbildfunktion übernahm, aus über die Zeit, in der wir leben? Nun, der US-Präsident galt und gilt immer noch als "mächtigster Mann der Welt". Und manchmal reicht es schon, einmal kurz innezuhalten und sich vor Augen zu führen, was das wirklich bedeutet: Donald Trump ist der mächtigste Mann der Welt. Noch Fragen?