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Mohammed-Karikaturen: Frankreich schließt Botschaften


Aus Angst vor gewaltsamen Angriffen wegen der Veröffentlichung von Mohammed-Karikaturen in Frankreich werden heute die französischen Botschaften und Schulen in rund 20 Ländern geschlossen.

Aus Angst vor gewaltsamen Angriffen wegen der Veröffentlichung von Mohammed-Karikaturen in Frankreich werden heute die französischen Botschaften und Schulen in rund 20 Ländern geschlossen. Das teilte das Außenministerium in Paris mit. Befürchtet werden offenbar Ausschreitungen nach den Freitagsgebeten in muslimischen Ländern. Nach der Veröffentlichung von mehreren Mohammed-Karikaturen brach derweil die Internetseite der französischen Satire-Zeitung "Charlie Hebdo" zusammen.

Unklar ist noch, ob der Zugang zu der Internetausgabe wegen eines zu großen Ansturms von Lesern, wegen technischer Probleme oder wegen eines Hacker-Angriffs nicht mehr aufgerufen werden konnte. Im November 2011 waren nach der Veröffentlichung einer islamkritischen Ausgabe die Internetseite von "Charlie Hebdo" attackiert und die Büroräume der Redaktion angezündet worden. Frankreich stärkte unterdessen die Sicherheitsvorkehrung für seine Botschaften.

Im sozialen Internetnetzwerk Facebook und beim Internet-Kurzbotschaftendienst Twitter waren die Karikaturen von "Charlie Hebdo" ein großes Thema. Befürworter und Kritiker veröffentlichten hunderte Kommentare, teils mit sehr harschen Aussagen. Auf der Facebook-Seite von "Charlie Hebdo", das Dienstagabend die Titelseite der neuen Ausgabe ins Internet gestellt hatte, wurden bis zum Morgen um 08.30 Uhr fast 1400 Kommentare gezählt.

Manche Internet-Kommentatoren verteidigten die Presse- und Meinungsfreiheit, andere gingen aber auch hart mit der Satire-Zeitung ins Gericht. "Provozierend, zynisch und vor allem dumm. Die Salafisten und Charlie Hebdo sind dafür gemacht, sich gut zu verstehen", lautete ein Urteil. Andere reagierten ironisch und gingen von neuen Ausschreitungen gegen die Zeitung aus: "In Wirklichkeit gefällt den Leuten von Charlie Hebdo ihr Büro nicht mehr, sie wollen kostenlos umziehen. Das wird heute Nacht abgefackelt werden."

Die Zeitung hatte zuvor eine ganze Serie von Karikaturen veröffentlicht, die sich aber vor allem mit dem islamfeindlichen Film aus den USA befassen, der gewalttätige Proteste in muslimischen Ländern ausgelöst hatte. Auf der Titelseite von "Charlie Hebdo" sitzt ein Muslim in einem Rollstuhl, der von einem Juden geschoben wird. Die Karikatur ist überschrieben mit "Intouchable 2" in Anspielung auf den Kino-Kassenschlager "Ziemlich beste Freunde", der sich um die Freundschaft zwischen einem reichen querschnittsgelähmten Rollstuhlfahrer und seinem schwarzen Pfleger dreht.

Eine drastischere Karikatur zeigt den Propheten Mohammed, der nackt vor einer Kamera liegt. In Anspielung auf einen berühmten Film mit der französischen Schauspielerin Brigitte Bardot lässt der Karikaturist ihn sagen: "Und meinen Hintern? Magst du meinen Hintern?" Außerdem wird der Papst gezeigt, wie er eine Maske abnimmt, darüber der Schriftzug: "Der Schauspieler, der Mohammed spielte, ist ... endlich demaskiert."

Die Verschärfung der Sicherheitsvorkehrungen an Botschaften betreffe alle Länder, in denen die Veröffentlichung zu Problemen führen könne, sagte Frankreichs Außenminister Laurent Fabius dem Sender France Info. Er habe die Anweisung an die Auslandsvertretungen herausgegeben, "besondere Sicherheitsvorkehrungen" zu treffen. Es sei nicht "intelligent", zum jetzigen Zeitpunkt "Öl ins Feuer zu gießen", kritisierte Fabius das Blatt.

Angesichts der in "Charlie Hebdo" abgedruckten Mohammed-Karikaturen sagte Frankreichs Premierminister Jean-Marc Ayrault, dass diejenigen, die sich davon verletzt fühlten, die Möglichkeit hätten, gerichtlich dagegen vorzugehen. Frankreich sei ein Rechtsstaat, in dem die Meinungsfreiheit und die "Freiheit der Karikatur" garantiert würden, sagte Ayrault dem Rundfunksender RTL. "Es gibt keinen Grund, dass wir Konflikte in unser Land lassen, die Frankreich nicht betreffen", sagte der Premier.

Bundesaußenminister Guido Westerwelle (FDP) rief zur Besonnenheit bei der Veröffentlichung von Mohammed-Karikaturen auf. "Ich will dazu aufrufen, dass wir nicht auch noch Öl ins Feuer gießen", sagte Westerwelle im ZDF-"Morgenmagazin". Zwar gelte in Europa die Presse- und Meinungsfreiheit. Die Meinungsfreiheit sei aber "nicht grenzenlos".

Seit vergangener Woche sorgt ein in den USA produzierter islamfeindlicher Film unter Muslimen für Empörung. Bei teils gewaltsamen Protesten vor US-Einrichtungen in Libyen, Tunesien, Sudan und dem Jemen wurden mehrere Menschen getötet.

Der Leiter der Großen Moschee von Paris, Dalil Boubakeur, rief zur Ruhe auf und forderte, "kein Öl ins Feuer zu gießen". Er habe die Ankündigung "einer Veröffentlichung, die die allgemeine Empörung in der muslimischen Welt noch zu verstärken droht, mit Erstaunen, Trauer und Sorge" aufgenommen, sagte Boubakeur der Nachrichtenagentur AFP. Der Französische Rat der Muslime (CFCM) äußerte sich "bestürzt" über die angekündigte Veröffentlichung "beleidigender Zeichnungen".

"Ist die Pressefreiheit eine Provokation?", fragte Charb auf iTélé. "Ich rufe strenggläubige Muslime ebensowenig auf, Charlie Hebdo zu lesen, wie ich in eine Moschee gehe, um einen Diskurs anzuhören, der meinen Überzeugungen widerspricht."

Im November 2011 waren Redaktionsräume von "Charlie Hebdo" in Brand gesetzt worden, nachdem die Satire-Zeitschrift eine Karikatur des Propheten Mohammed auf ihrem Titelblatt gedruckt hatte. Diesmal sollten jedoch nur ein Muslim und ein Jude auf der ersten Seite erscheinen, sagte Charb.

AFP AFP

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