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Auto: „Eine Welt ohne Stau ist unmöglich“

Der Stau, das unbekannte Wesen: Ein Verkehrsforscher, der sich seit vielen Jahren mit den lästigen Schlangen beschäftigt, erklärt sie uns geradezu liebevoll.

Foto: Plainpicture

Herr Schreckenberg, fast jeder stand schon mal im Stau und hat sich gefragt, wer zum Teufel schuld an dieser nervigen Warterei ist. Können Sie die Frage beantworten?

In allererster Linie sind wir selbst schuld, weil wir zu viel Auto fahren. Zwei Drittel aller Staus sind auf die Überlastung der Straßen zurückzuführen – erst weit danach folgen Baustellen, Unfälle und das Wetter als Ursache. In Deutschland gibt es zu viele Autos für zu viele Menschen.

Wie viel Verkehr verträgt eine Straße denn?

Bei etwa 1500 Fahrzeugen pro Stunde pro Spur wird der Verkehr instabil. Gibt es dann etwas, das die Dichte noch weiter ansteigen lässt, zum Beispiel eine Auffahrt oder eine Steigung, dann entsteht automatisch zähfließender Verkehr. In so einer Kolonne muss nur einer mal kurz unaufmerksam sein und abbremsen und schon entsteht hinter ihm eine Stauwelle. Wir haben herausgefunden, dass sie sich im Durchschnitt mit 15 Kilometer pro Stunde rückwärts bewegt und sich sogar von einer Autobahn auf die andere verlagern kann.

Also gibt es einen Schuldigen?

Ja. So gesehen lässt sich tatsächlich jeder Stau auf einen einzigen Autofahrer zurückführen, nämlich auf den, der als Erster so stark gebremst hat, dass er zum Stillstand kam und dass der Fahrer dahinter auch bremsen musste. Es gibt sehr wenige Situationen, in denen ich als Einzelperson so massive Auswirkungen habe wie im Verkehr. Sowieso läuft auf der Straße alles ein bisschen anders als im normalen Leben.

Inwiefern?

Nirgends sonst sind die Menschen so emotionalisiert. Manche Menschen, die im persönlichen Leben eher ruhig sind, lassen da plötzlich die Sau raus. Das liegt daran, dass auf der Straße eine Art Sozialismus herrscht: Alle sind ein wenig gleicher als sonst. Klar, der eine fährt BMW, der andere Golf, aber wir müssen uns alle an dieselben, relativ eng gesteckten Regeln halten, und das verleitet anscheinend dazu, anderen eins auszuwischen, bei denen man es sonst nicht könnte. Im Auto werden wir alle zu Egoisten.

Haben wir deshalb auch das Gefühl, im Stau grundsätzlich die falsche Spur erwischt zu haben?

Genau. Das Gefühl stammt jedoch vor allem daher, dass man Fahrzeuge, von denen man überholt wird, stärker wahrnimmt als die, an denen man vorbeifährt. Autofahrer fühlen sich aber auch einfach immer benachteiligt. Sie haben ständig Angst, dass ihnen ihr Rang streitig gemacht wird. Wenn ich in einer Kolonne fahre und einer ist hinter mir, dann will ich, dass er dort auch bleibt. Deshalb funktioniert das Reißverschlussprinzip nicht. Auch im Stau sind viele emotionalisiert.

Warum werden wir dabei so aggressiv?

Weil es eine der wenigen Situationen ist, in der wir wirklich „gefangen“ sind. Wir können das Auto ja nicht einfach stehen lassen und weggehen. Und wenn es dann noch warm ist und hinten drin die Kinder unruhig werden, dann drehen manche fast durch.

Und zetteln Streit mit dem Partner auf dem Beifahrersitz an.

Das Verhältnis zwischen Fahrer und Beifahrer ist sowieso sehr schwierig. Der Grund ist, dass beim Fahrer das Großhirn nicht aktiv ist, beim Beifahrer hingegen schon. Das ist der Teil des Gehirns, der antizipiert, das heißt immer einen Schritt weiter denkt und überlegt: „Achtung, da vorne fährt ein Lkw rückwärts auf die Straße.“ Natürlich sieht das der Fahrer auch, nur denkt er nicht darüber nach, sondern reagiert automatisch. Anders als der Beifahrer hat er deshalb keine Angst. Die kommt erst, wenn der andere dann laut: „Achtung, Lkw!“ sagt – dementsprechend genervt reagieren wir auf solche Kommentare.

Sie sind eigentlich kein Neurologe, sondern theoretischer Physiker. Ist es tatsächlich möglich, Staus berechenbar zu machen? Schließlich reagiert doch jeder Fahrer ganz individuell?

Mithilfe der Statistik lassen sich die grundlegenden psychologischen Komponenten in mathematischen Regeln erfassen. Zum Beispiel, dass ein großer Teil der Menschen immer versucht, so schnell wie möglich zu fahren. Das kann man statistisch berücksichtigen und so erstaunlich präzise Prognosen herleiten.

Und wie ließe sich laut Ihren Berechnungen Stau verhindern?

Indem alle Fahrzeuge konstant den gleichen Abstand halten.

Klingt einfach.

Ist es aber nicht. Wir haben das hier an der Universität schon öfter ausprobiert. 24 Autos sollten im immer gleichen Abstand im Kreis hintereinander herfahren. Spätestens nach zehn Minuten gab es immer wieder Stauwellen. Irgendeiner wird plötzlich unkonzentriert und damit unwillkürlich etwas langsamer, dann muss der Hintermann bremsen und – bums – ist die Stauwelle da.


Unnützes Stau-Wissen: 535 000 Jahre stehen alle deutschen zusammen jedes Jahr im Stau. Jeder einzelne Bundesbürger kommt damit im Schnitt auf 2,4 Tage. Sonntag ist der Wochentag mit den wenigsten Staus. Jede dritte Verkehrsmeldung, die im Radio verlesen wird, ist schon veraltet. Die längste Warteschlange stand am 11. Juni 2009 in der brasilianischen Metropole São Paulo: insgesamt 293 Kilometer.


Das heißt, eine Welt ohne Staus ist also unmöglich?

Ja, und jeder Politiker, der etwas anderes verspricht, ist unseriös.
Staus hat es immer gegeben und wird es immer geben – sogar im Tierreich. Da stehen Elefanten in der Schlange, wenn sie zum Wasserloch wollen. Das ist etwas ganz Natürliches. Jedes Mal, wenn ich mit meiner Frau im Stau stehe, fragt sie mich: „Was machst du eigentlich den ganzen Tag?“ Ich kann den Stau aber nur berechenbar machen und nicht gänzlich abschaffen.

Wie reagieren die Menschen denn auf Stau?

44 Prozent gehören zu den „Sensiblen“: Wenn auf einer Autobahn Stau angesagt ist, fahren sie sofort ab oder versuchen ihn zu umgehen. 14 Prozent sind Taktierer, die wollen ganz schlau sein und fahren genau dahin, wo Stau gemeldet ist, weil sie denken, dass alle anderen das nicht tun werden und der Stau sich dementsprechend schnell auflöst. Und dann sind da noch die Konservativen, die ignorieren Stauwarnungen und fahren so weiter wie bisher.

Und wer fährt am besten?

Die Stoisch-Konservativen. Die fahren immer stur die gleiche Strecke – völlig egal, was gemeldet wird. Mit dieser Taktik sind sie erstaunlich schnell. Vor allem seit so viele Navigationsgeräte haben.

Wieso das denn?

Es gibt inzwischen fast 20 Millionen Navis in Deutschland, und bei einem Stau leiten die einen fast alle gleich. Das bedeutet, dass dann wiederum alle im Stau auf der Landstraße stehen, die eine noch viel geringere Kapazität hat als Autobahnen. Ich rate immer: Im Stau bleiben und nur bei einer Vollsperrung abfahren.

Haben Sie ein Navi im Auto?

Ich habe sogar fünf: Verschiedene Modelle, alte und neue. Dazu höre ich Radio und vergleiche, wer mich wohin leitet. Das ist sehr unterhaltsam! Neulich wollte mich eins der Navis in der Schweiz auf einen Berg lotsen, der nur mit der Seilbahn befahrbar war.

Wie könnte man die Navis denn besser machen?

Wir arbeiten daran, dass die Fahrzeuge lernen, untereinander zu kommunizieren: Ähnlich wie im Tierreich sollen sie kleine Schwärme bilden. Ameisen haben die tolle Eigenschaft, dass sie schneller werden, wenn es dichter wird. Und wenn eine Ameise nicht mehr mithalten kann, dann schert sie aus. So ähnlich würden wir uns das für den Verkehr wünschen. Dass quasi ein Auto dem anderen sagt: „Wenn du da lang fährst, fahr ich da lang.“ Aber bis genügend Autos mit dieser Technik ausgestattet sind, wird es noch etwas dauern.

Und was kann ich bis dahin tun?

Antizyklisch denken. Verkehr ist ein Minderheitenspiel, das heißt es gewinnt der, der am Ende alleine auf der Strecke ist. Sie sollten also überlegen, was die anderen machen werden, und genau das Gegenteil davon tun. Wenn der ADAC warnt, zu einem bestimmten Zeitpunkt nicht zu fahren, kann es Sinn machen, genau das zu tun.

Welche Strategie verfolgen Sie?

Generell ist es am schlausten, nachts zu fahren – gerade mit kleinen Kindern. Da ist es kühl, die Kinder schlafen, und es sind wenig Leute unterwegs. Man muss natürlich fit sein und darf kein Problem mit Dunkelheit haben. Wichtig ist auch, vor der Rushhour durch die Ballungsräume durch zu sein.

Mal ehrlich, fahren Sie selbst eigentlich gern in den Stau?

Ab und zu schon. Ich habe viel Spaß daran, dort zu beobachten, wie die Leute reagieren. Allerdings niemals mit der Familie. Das tue ich mir und denen nicht an.


Zur Person: Michael Schreckenberg. Anfang der 90er Jahre entwickelte der theoretische Physiker das Nagel-Schreckenberg-Modell zur Vorhersage von Staus. 1997 erhielt er die erste deutsche Professur für Physik von Transport und Verkehr an der Uni Duisburg-Essen. Auf www.autobahn.nrw.de erstellt er Stauprognosen für Nordrhein-Westfalen.