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Kommentar

Aus dem Leben einer Mutter: Schikane und Demütigung an Schulen - warum Lernentwicklungsgespräche abgeschafft gehören

In Lernentwicklungsgesprächen werden Eltern gedemütigt und Schüler unter Druck gesetzt, findet unsere Autorin. Hier schreibt sie, warum die Unsitte namens "LEG" dringend ein Ende haben muss. 

Von Andrea Müller

Kind mit Vater an der Hand

Lernentwicklungsgespräche an Schulen sind reine Schikane - für Kinder und Eltern, findet unsere Autorin

Getty Images

Viermal im Jahr sitze ich als Mutter auf der Anklagebank: Bei der 2009 unter Schwarz-Grün in Hamburg eingeführten Neuerung, den so genannten Lernentwicklungsgesprächen, kurz "LEGs". Schüler, Klassenlehrer und Eltern drücken dabei gemeinsam die Schulbank, um den aktuellen Lernstand und die soziale (In-)Kompetenz des Kindes zu erörtern. Ziel ist die Leistungs- und Verhaltens-Optimierung des Schülers. Nur der Anfang einer Grausamkeit, die sich durch das ganze Leben ziehen kann. Das Ergebnis wird von allen Beteiligten per Unterschrift besiegelt.

"Zeit"-Autor Maximilian Probst verglich die LEGs mit den Moskauer Prozessen, mit denen Stalin den sowjetischen Machtapparat säuberte, die für ihre abgekartete Dramaturgie berühmt waren. Das Urteil stand bereits vor dem Ausgang des Prozesses fest, die Angeklagten verzichteten aufgrund unmenschlicher Repressalien im Vorfeld auf eine Verteidigung der eigenen Person, bekannten sich zu ihrer Schuld, priesen das System, ehe sie von demselben in den Tod geschickt wurden. Das Theaterstück wird nun an Schulen wieder aufgeführt: Schüler und Eltern in der Rolle der Selbstankläger.

Da sitzen wir also, zwei Eltern, zwei Lehrerinnen, und Ben (8).

Ben soll sagen, wo seine Schwächen liegen. Seine Stärken interessieren erstmal nicht. Offenbar ist leistungstechnisch bis dato alles im grünen Bereich, die soziale Kompetenz lässt manchmal Luft nach oben. Flankiert von acht Erwachsenen-Augen beginnt Ben zu stammeln, sucht mit zittrig feuchten Händen nach Worten.

Die größte Plage: Bens häufiges Zuspätkommen

Also der Radiergummi, der fehle manchmal in seinem Federmäppchen. Und die Buntstifte seien jetzt nicht alle voll angespitzt. (Scharfe Seitenblicke auf Versager-Mutter. Muss daran denken, wie ich früher Lügen für den Beichtstuhl extra erfinden musste). Apropos: Lehrerin zwei will wissen, warum Ben die letzte Religionsarbeit nicht zurückgegeben hat. Darin hatte Ben die zehn Plagen mit den zehn Geboten verwechselt. Da stand: Du sollst eine Woche kein Wasser trinken und ganz Ägypten mit Fröschen bedecken. Und es gab auch ein Gebot, was besagte, reib dich mit Staub ein, sonst kommen die Stechmücken und bringen uns alle um. Wirklich schade, dass ich diese Interpretation der Gebote versehentlich im Altpapier-Stapel versenkt habe. Hätte sie gerne für die Enkel aufbewahrt.

Nach den zehn Plagen kommen die Lehrerinnen endlich auf die eigentliche Plage zu sprechen: Bens häufiges Zuspätkommen. Obwohl wir direkt neben der Schule wohnen. Peinlich, klar. Ich gelobe, ihn in Zukunft um 7.50 Uhr aus der Haustür zu schieben. Und erspare allen Beteiligten folgende Ausreden: etwa Socke, den Bobtailmischling, den Ben immer morgens auf dem Schulweg ausgiebig knuddelt. (Socke-Besitzer: "Junge, musst du nicht zur Schule?" Ben: "Schon, aber wer weiß, wann ich Socke je wiedersehe!") Oder wie ihm auf halbem Weg plötzlich einfällt, dass er seine Fußballkarten vergessen hat. Dann kommt er zurück, zwei Treppen hoch, zwei Treppen runter, denn in der Pause müssen die Karten für das Fifa-Heft geditscht werden, das bis zur WM voll werden muss!

Frontalblick auf Versager-Mutter. Lehrerin eins, schnaubt: "Wie bitte? Um 7.50 Uhr? Ihr Ernst? Punkt zehn vor acht müssen alle Schüler auf ihren Plätzen sitzen!"  Ich, kleinlaut: "Oh, das tut mir leid, aber diese Zeitansage höre ich echt zum ersten Mal." Lehrerin eins zischt: "Nein, das hören Sie nicht zum ersten Mal!" Davon mal abgesehen, dass ich selbst weiß, was ich gehört habe und was nicht, bewegt Lehrerin eins sich jenseits zivilisierter Diktion. Hat wohl vergessen, dass sie nicht auf dem Schulhof ist, sondern an einem Tisch mit Erwachsenen, die vor dem Kind in Vorbildfunktion auf Augenhöhe diskutieren sollen.

"Mama, mach dir nichts draus, Frau X. redet immer so laut" 

Lehrerin eins in einer Lautstärke, die ich bis zu meinem Küchentisch hören würde: "10 vor 8 da sein, nicht losgehen! Punkt!". Sie ist rot im Gesicht. Ich dann auch. Unausgesprochene Message between the lines: "Schicke Deine Brut verdammt nochmal morgens pünktlich los, du verpeilte Version einer Mutter, halte dich an Regeln und blockiere deinen Sohn nicht, der alles schafft, außer Dingen, die du ihm verbockst." 

Lehrerin zwei, sanft: "Wissen Sie, er braucht dringend Ihre Unterstützung!" Wahrscheinlich haben sie sich gewundert, dass er überhaupt eine Mutter hat.

Den "Vertrag" unterzeichne ich, leicht aus der Spur, am Schluss an falscher Stelle. Ben rezitiert pflichtschuldig seine Defizite. Und sagt später: "Mama, mach dir nichts draus, Frau X. redet immer so laut." 

Am nächsten Tag treffe ich Sandra, Mutter von Julius aus der Parallelklasse. Will wissen, wie ihr LEG war. Sandra geht hoch wie eine Kugelrakete aus der Special-Blackbox: "Schlimmer als an der Ostfront nach der Erzählung meines Großvaters!", der wie viele nach dem Russlandfeldzug gegen die Alliierten den Verstand verlor.

Wie auf der Anklagebank

Julius habe nur stumm da gesessen und kein einziges Wort herausgebracht. Was soll er auch sagen, auf die Frage, warum es in Mathe nicht so läuft? Dann wurden sie, die Eltern, gefragt, warum sie Julius nicht engmaschiger begleiten, bei den Matheaufgaben? Und warum er sich so schlecht konzentrieren könne? Ob er zuhause vielleicht zu viel TV schaue? Sandra, erfolgreiche Wirtschaftsanwältin, Kämpferin harter Gefechte, habe sich gefühlt wie auf der Anklagebank. Immer nach dem Motto: Na Frau W., was ist denn bei Ihnen da zuhause los? Brennen bei Ihnen unten die Tonnen? Oder liegen Sie jeden Abend betrunken vor dem Kühlschrank, dass Sie sich nicht vernünftig um Ihren Sohn kümmern?

Nach dem nächsten Elternabend erörtern ein paar Mütter aus Bens Klasse bei einem Glas Wein die Lernentwicklungsgespräche. Keine von ihnen hat übrigens je von der Zehn-vor-Acht-Regel gehört. Da sei das Schultor noch verschlossen. Kein Schwein komme um diese Uhrzeit, nichtmal die Lehrerinnen. Um acht fange die Schule an.

Fast alle fühlten sich in den LEGs übergriffig angegangen und /oder bevormundet. Beklagten, dass ihre Kinder aufgeregt herumgestottert hätten. Erzählten, wie ihnen jedes zerknitterte Arbeitsblatt, jede fehlende Unterschrift, ja einer von uns sogar das Toastbrot in der Lunchbox ihres Sohnes um die Ohren bzw. dann in den Müll geflogen war. Begründung: "Also wissen Sie, Frau A., so ungesundes Frühstück mit Weißmehl, das tolerieren wir hier nicht." Dabei ist Cesare dünn wie ein Mikado, er mag als Italiener halt kein Schwarzbrot, und seine Mutter als Ärztin lässt den Kleinen kaum an vitaminfreier Ernährung verenden.

Lehrer haben's auch nicht immer leicht

Die andere Seite der Medaille wird mir am gleichen Abend klar: Lehrer(innen) haben's auch nicht immer leicht!
Eine Mädchenmutter in unserer Runde, deren Tochter niemals Hausaufgaben macht, weil sie Hausaufgaben einfach ablehnt, erzählte wohl beim LEG von ihrer Nahtod-Erfahrung nach schwerer Krankheit, die sie Gott sei Dank überwunden hat. Dabei waren ihr Engel erschienen. Die Engel sagten: Das Einzige, was im Leben zähle, sei die Liebe. Da könne sich der gesellschaftliche Zwangsapparat namens Schule mit all den psychoterrormäßigen Repressalien wie zum Beispiel Hausaufgaben einfach mal gehackt legen.

Es gibt also auch Mütter, die im LEG von Engeln sprechen.
Zu dieser Erörterung war dann selbst Lehrerin eins nichts mehr eingefallen. Da blieb sie stumm.  

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