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Kinder und Beziehung: "Mama, wird das jetzt unser neuer Papa?" - über das leidvolle Flirten als Alleinerziehende

Unsere Autorin ist alleinerziehende Mutter von zwei Söhnen und manchmal beneidet sie kinderlose Single-Freundinnen. Immer dann nämlich, wenn sie versucht, einem Mann näherzukommen. "Aber der hat ja eine Riesennase" gehört noch zu den harmloseren Kommentaren ihrer Kinder. 

Von Andrea Müller

Mutter mit Sohn

Einen Mann kennenlernen? Gar nicht so einfach, wenn man alleinerziehende Mutter ist. (Symbolbild)

Wir drei im vor der Haustür, die Kinder hinten, ich vorne. Ich kritzle meine Telefonnummer auf ein zerknülltes Duplopapier, das sich zwischen anderen zerknüllten Schokopapierchen unter dem Beifahrersitz anfindet. Für den türkisäugigen Gärtner von der Baustelle gegenüber. Er hängt dort manchmal im Baum und sägt Äste ab. Dabei schaut er direkt in meine Küche. So haben wir uns kennengelernt. Ich mit Kaffee, er mit Motorsäge in der Hand. Auf der Auto-Rückbank verschlingt indes mein elfjähriger Sohn Caspar schlagartig Arme über Kopf und Augen, duckt sich, als würde im näheren Umfeld demnächst eine Handgranate explodieren.

Warum er in Deckung geht, frage ich.

"Also Mama, ich will jetzt echt nicht miterleben, wie der nicht deine Nummer will!" Einatmen. Ausatmen. Was denkt mein Sohn eigentlich von mir: Who the fuck is Mama? Ein teilweise mit Gammelfleisch versetztes Küchengerät, das ungefragt ihre Mobilfunknummer an Typen verteilt, die in Bäumen hängen? In Caspars Augen ist das so weit oben, wie ein Mann eben oben sein kann. 15 Meter Höhe, für ihn ist das gleich Chefetage und eh weit über Mama, die lieber auf einer Fisch-sucht-Fahrrad-Party mit Resthaar-Material ihres Alters Foxtrott tanzen sollte, vorausgesetzt er wüsste, was das ist.

In solchen Momenten beneide ich kinderlose Single-Freundinnen

Andererseits. Spricht es nicht auch für tief empfundene Loyalität, dass mein Sohn meine Blamage - "Falls der nicht meine Nummer will!" - stellvertretend für mich mitempfindet?

In solchen Momenten beneide ich kinderlose Single-Freundinnen. Sie müssen anders als wir Mütter nur ein einzelnes, erwachsenes Herz verwalten. Neulich, Sonntag Nachmittag am Ausschank einer Kneipe, links unten neben mir Ben (damals 5), traf ich zufällig einen sympathischen Ex-Kollegen. Auch getrennt. Wir sprachen angeregt über das fragile Konstrukt Familie in Zeiten des moralischen Verfalls. Plötzlich, wie ein zu laut gedrehtes Tonband, von links unten: "Aber der hat ja eine Riesen-Nase!" (Wir ignorieren das Kind, reden einfach weiter.) Tonband, links unten, fährt fort: "Wie redet der denn! Ist das etwa Schweizerisch? Ist der Ausländer?" (Ex-Kollege hat leicht bayrischen Akzent. Wir ignorieren das Kind immer noch.) Hilfeee, ich finde die Stopptaste nicht.

Tonband, weiter: "Mama, wird das jetzt etwa unser neuer Papa?"

Den muss ich wohl nicht anrufen

Ich sag mal so. Einen Einwurf dieser Art kann ein Erwachsener souverän ignorieren. "Haha, witzig dein Sohn", sagte der Ex-Kollege und winkte urplötzlich einer Begleitung, die nirgends zu sehen war. Den muss ich wohl nicht anrufen. Ben bekommt zur Strafe kein zweites Eis und die Anweisung, nächstens verdammt nochmal die Klappe zu halten, wenn Mama flirtet. Versteht er null. "Aber wieso Mama, der hatte doch echt eine Riesen-Nase!"

Manchmal denke ich, dass nicht aus purer Naivität ihren Müttern ab und an die Tour vermasseln. (Ändert sich erst jetzt, seit Caspar 14 ist!) Sondern weil es cooler ist, wenn Mama abends Chicken Nuggets mit Pommes macht - anstatt eines richtigen Essens. Oder wenn sie mit ihnen "The Voice Kids" glotzt - anstatt eines richtigen Films. Wenn sie mit ihnen kichert – anstatt mit einem männlichen Outsider, der noch nicht einmal Papa ist.

Apropos. Mein Back-Office auf dem Autorücksitz berät sich, als wäre ich gar nicht da, über die Konsequenzen: Was, wenn der Mann im Baum doch Mamas Nummer will?

"Der ist viel zu cool für Mama!" sagt Caspi.

"Wieso, aber falls er besser Fußball spielt...", meint Ben.

"Besser als WER, Ben? Hast du je einen Freund von Mama gesehen, der Fußball spielt?", fragt Caspi.

"Aber vielleicht hat er wenigstens ein iPad?" ergänzt Ben.

Ist er vielleicht echt zu cool für mich?

Leicht genervt steige ich aus dem Auto, überreiche dem Mann vom Baum das Duplopapier mit meiner Nummer drauf. Ich müsse sofort los (gelogen), weil mein Metzger schließt (gelogen) und ich noch Gäste bekomme (auch gelogen). Mist, ich wollte echt nicht lügen. Doch die Diskussion im Back-Office hat mich leicht aus dem Konzept gekippt.

Ist er vielleicht echt zu cool für mich? "Ich melde mich", sagt der Gärtner und zieht grinsend ab.

Als ich zurück im Auto bin, fragt Ben: "Wofür braucht der Gärtner denn jetzt eigentlich genau deine Nummer, Mama?"

"Hecke schneiden!" sage ich. Und lüge schon wieder. "Aber wir haben doch gar keine Hecke, Mama!" Bevor ich auch noch laut losfluche, atme ich ein. Und wieder aus. Sage Caspar, dass er beruhigt vom Rücksitz wieder auftauchen kann. Der Mann aus dem Baum steht nicht mehr dort.  

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