HOME
Interview

Gutes Streiten, schlechtes Streiten: "Verliert man den Respekt, verliert man die Liebe"

Nicht die Liebe entscheidet, ob die Beziehung hält - sondern wie man sich streitet. Vier Paare und ein Kind erzählen, wie sie mit Zoff klarkommen. Oder auch nicht. Den Anfang machen Andrea, 39, und Andreas, 37 - deren Rettung ein Paar-Coach war. 

Von Lisa Frieda Cossham

Über die Kunst des Streitens: "Erwartungen korrigieren und kommunizieren" (Symbolbild)

Über die Kunst des Streitens: "Erwartungen korrigieren und kommunizieren" (Symbolbild)

Nach dem ersten Kind gerieten Andrea, 39, und Andreas, 47, in den bekannten Stellungskrieg: Die Beraterin für Digitalkampagnen kümmerte sich ums Baby, der Finanzchef eines Start-ups ums Geldverdienen. Ein Paar-Coach war die . Heute leben sie in Gilching mit inzwischen drei Kindern zwischen fünf und sieben Jahren – und so viel Streit, wie nötig ist

Erinnern Sie beide sich noch an Ihren ersten Streit?

Andreas: Erste Probleme hatten wir, als wir zusammengezogen sind. Ich bin ein strukturierter Mensch, und du, Andrea, hast vieles liegen lassen. Also habe ich dich gebeten, dein Zeug wegzuräumen. Manchmal hast du heulend vor mir gesessen und gesagt: "Wo ist hier noch etwas von mir? Ich habe mich dir völlig angepasst." Und ich meinte, du hättest dich nicht angepasst, sondern nur deine Klamotten in den Schrank gehängt.

Andrea: Ich habe mich schon sehr zurückgenommen. Du bist extrem ordnungsliebend, ich bin eher der Chaot. Als die geboren waren, hatte ich das Gefühl, ich muss schnell abends aufräumen, weil der Papa nach Hause kommt. Das hat mich unter Druck gesetzt.

Wie verhalten Sie sich beide im Streit?

Andreas: Ich will Probleme lieber ausdiskutieren. Aber Andrea blockiert, je mehr ich auf sie einrede. Und je mehr sie blockiert, desto ärgerlicher werde ich.

Andrea: Heftigen Streit kannte ich gar nicht. Ich habe den Raum verlassen, wenn ich meinte, wir kommen nicht weiter ...

Andreas: ... wir wären schon weitergekommen, aber du wolltest nur einfach nicht mehr reden. Das waren Machtspiele.

Andrea: Nein, ich wollte einfach nicht mehr weiterdiskutieren. Manchmal habe ich dich beschimpft, weil ich wusste, dass du das nicht magst.

Andreas: Provokationen und vor allem Schimpfworte haben für mich in einer Beziehung nichts zu suchen, das ist respektlos. Verliert man den Respekt, verliert man die Liebe. Nach heftigen Streits haben wir getrennt geschlafen, weil wir erst mal runterkommen mussten. Erst nach ein, zwei Tagen haben wir uns wieder in den Arm genommen. Wir wussten schon, dass unser Verhalten keinen Sinn macht.

Rettung: Paar-Coaching

Haben sich Ihre Auseinandersetzungen verändert, als Sie Eltern wurden?

Andreas: Ja, wir mussten mehr Rücksicht nehmen. Als Paar haben wir uns viel Freiraum gelassen. Nach der Geburt unseres ersten Sohnes haben wir öfter gestritten. Zu der Zeit musste ich in der Firma 400 Leute entlassen und war extrem gefordert. Abends wollte ich meinen Anzug ausziehen und durchatmen. Andrea stand hinter der Tür, hat auf mich gewartet und wollte endlich kinderfreie Zeit. Unser selbstbestimmtes Leben war plötzlich vorbei, deshalb haben wir dann ein Paar-Coaching gemacht.

Andrea: Hat sich komisch angefühlt, nach sechs Jahren Beziehung zu einem Paartherapeuten zu gehen.

Andreas: Der Paar-Coach meinte, wir sollen uns daran erinnern, wie wir uns kennengelernt haben, und uns fragen, ob das ein positives oder negatives Gefühl auslöst. Das hat geholfen.

Wie waren Sie beide denn, als Sie sich kennengelernt haben?

Andrea: Bei unserem ersten Date ist Andreas in einem blauen BMW 3er vorgefahren, der hatte beige Ledersitze. Mir war das peinlich.

Andreas: Wir haben überhaupt nicht zusammengepasst. Du hattest kurze Haare, ein Zungenpiercing und hast eine Lederhose getragen mit Flammen drauf. Es war keine Liebe auf den ersten Blick, aber du hast mich herausgefordert.

Andrea: Du mich auch. Ich glaube, es hat dir gefallen, dass ich nicht an deinem Lifestyle interessiert war. Ich habe immer viel gearbeitet und wollte unabhängig bleiben. Ich muss das Gefühl haben, jederzeit gehen zu können, bis heute.

Andreas: Daran habe ich mich erinnert. Dass ich mich verliebt habe, gerade weil Andrea so unabhängig ist. Zu wissen, dass wir gerne zusammen sind und nicht aus finanziellen Gründen, macht uns stark.

"Reden heißt nicht, den anderen überzeugen zu wollen"

Wie oft waren Sie beim Paar-Coach?

Andrea: Fünf Doppelstunden. Ich dachte, er würde Andreas erklären, was er alles falsch macht, und war dann enttäuscht, dass es viel komplizierter ist. Dass ich mitschuldig bin an unserer Situation.

Andreas: Ja, er hat uns erst mal beigebracht, dass reden nicht heißt, den anderen überzeugen zu wollen, sondern zuzuhören. Ich musste lernen, dich ausreden zu lassen und anzunehmen, was du sagst. Ich habe als Führungskraft gearbeitet und 15 Stunden am Tag darauf geachtet, dass alles läuft und ich die Kontrolle behalte. Und mit derselben Erwartungshaltung bin ich nach Hause gekommen.

Andrea: Es ging vor allem darum, dass wir Erwartungen korrigieren und kommunizieren. Dass wir sagen, was wir uns wünschen, und nicht voraussetzen, dass der andere das sieht.

Andreas: Ohne dieses Coaching wären wir heute nicht mehr zusammen.

Andrea: Das glaube ich auch.

Was hat sich verändert?

Andreas: Ich habe den Eindruck, wir unterstützen uns mehr. Wir formulieren unsere Bedürfnisse anders.

Andrea: Oft sind es Kleinigkeiten, Formulierungen. Früher hätte ich zum Beispiel kinderfreie Zeit für mich gefordert. Heute sage ich: Ich möchte laufen gehen, wann könntest du die Kinder nehmen? Und dann planen wir zusammen den Tag.

Andreas: Was uns auch geholfen hat, war mein neunmonatiges Sabbatical. Ich habe erlebt, es ist zwar schön zu Hause mit drei Kindern, aber man kommt zu nichts. Danach hatten wir mehr Verständnis füreinander.

Obwohl Ihnen das selbstbestimmte Leben gefehlt hat, haben Sie zwei weitere Kinder bekommen. Was hat Sie mutig gemacht?

Andrea: Dass wir reden. Und uns aneinander reiben.

Andreas: Nein, der Respekt und das Miteinander sind entscheidend.

Andrea: Wir haben viel gemeinsam, trotzdem spielt die Reibung für mich eine wichtige Rolle. Kann ja für dich anders sein.


Themen in diesem Artikel