HOME

Unterhaltung: „Vielleicht sollte man es mit LSD probieren“

In seinen Kinderbüchern erweckt der schwedische Autor und Zeichner Sven Nordqvist („Pettersson und Findus“) ein Idyll zum Leben. In seiner abenteuerlichen Stockholmer Wohnung erklärte er uns, warum Kinder keine ernsten Themen brauchen – und er sie oft beneidet.

Stockholm, das gediegen-gemütliche Viertel Södermalm. In einem braunen Altbau wohnt er also, der Erfinder von „Pettersson und Findus“. Klingelt man an der Tür, dauert es sehr lange, bis Sven Nordqvist kommt (später werde ich herausfinden, wieso: Seine Wohnung ist so groß, dass ich mich darin allen Ernstes verlaufen werde). Ein älterer Herr öffnet die Tür. Er mustert mich mit wachsamen Augen. Ich habe ihn mir etwas herzlicher vorgestellt, merke aber bald, dass das nordische Zurückhaltung ist. Er führt mich in die Bibliothek, serviert Zimtkekse, und vor lauter Schauen vergesse ich fast, Fragen zu stellen.

Hier schaut es ja aus wie bei Pettersson. Die ganze Wohnung ist vollgestopft mit interessanten Dingen! Sind Sie Sammler?

Ja, seit ich erwachsen bin. Ich erbte eine Menge Dinge von meinen Großeltern. Vieles hier ist von ihnen. Abgesehen davon bin ich begeisterter Flohmarktgänger. Die alten Sachen scheinen oft ein eigenes Leben zu haben. Schauen Sie zum Beispiel diese alte Kamera da am Fenster an. Man kann sich vorstellen, welche Bilder mit ihr gemacht wurden.

Wieso mögen Kinder dieses Museale eigentlich so gern?

Wahrscheinlich, weil es ihre Fantasie anregt. Man kann sich vorstellen, was die Sachen machen, wenn man nicht hinschaut. Auch ich liebte die dunkle Wohnung meiner Großeltern. Dinge stapelten sich bis unter die Decke, auf den Böden lagen dicke Teppiche. Es roch wie in einer alten Bibliothek. Mir kam es immer so vor, als ob das mein Zuhause wäre. Und auch heute noch fühlt es sich so an.

Geschichte spielt auch in Ihren Büchern eine ganz große Rolle. „Pettersson und Findus“ spielt in den 50er oder 60er Jahren, Sie illustrierten ein tolles Wikingerbuch und Ihr großes Werk „Wo ist meine Schwester?“ spielt in einer altertümlichen Fantasiewelt. Was macht die Vergangenheit für Kinder so anziehend?

Ich glaube, es liegt daran: Wenn sie sich vergangene Zeiten vorstellen, können sie sich das Interessante herauspicken, die unschönen Aspekte aber ausklammern, zum Beispiel, dass das Leben für Kinder früher alles andere als leicht war, dass sie arbeiten mussten …

Die berühmte ästhetische Distanz …

Ein anderer Punkt kommt noch hinzu: Kinder mögen die Vergangenheit, weil das Leben damals noch viel verständlicher war. Eben kein Internet, keine Globalisierung. Sogar Kinder verstehen das. Man hatte nur mit seiner engsten Umgebung zu tun. Aber trotzdem konnte man in jeder Ecke eine Welt entdecken. Ich denke, das ist ein guter Start für ein kleines Kind.

Wo sind Sie aufgewachsen?

In Halmstad in Südschweden. Eine kleine Stadt. Ich war zehn Jahre alt, als ich zum ersten Mal länger auf dem Land war. Das prägte mich. Alles war so still und friedlich. Da wollte ich Bauer werden.

Mit zehn?

Ja, aber das dauerte nicht allzu lange. Mit dreizehn hatte ich dann meine Stadtjugend, ich zog sogar mit einer Gang herum. Klingt jetzt wilder, als es war. Die Liebe zum altmodischen Leben blieb aber.

Sie haben ja auch immer noch so ein Häuschen auf dem Land.

Ja, auf einer Insel. Jeden Sommer bin ich dort ein paar Monate.

Darf man sich das Haus so vorstellen wie die Pettersson-Hütte?

Ja. Das liegt daran, dass alle schwedischen Holzhäuser gleich aussehen: klein und rot.

Was machen Sie die ganze Zeit – mehrere Monate! – in Ihrer Hütte?

Die meiste Zeit bin ich im Tischlerschuppen. Ich baue Dinge. Schon als kleines Kind baute ich Häuser und Möbel aus Holz.

Was haben Sie dieses Jahr in Ihrer Hütte gebaut?

Ich musste das Haus selbst etwas umbauen. Es ist schon ziemlich alt.

Denken Sie, dass Kinder auf dem Land besser aufwachsen?

Auf jeden Fall dachten wir das, als unser zweiter Sohn geboren wurde. Also zogen wir von Stockholm in ein kleines Dorf. Der Wald war sehr nah, die Kinder saßen aber die meiste Zeit vor ihren Computerspielen. Als der Kleine acht Jahre alt war, zogen wir wieder nach Stockholm, wir dachten, sie bräuchten etwas mehr Input.

Wie teilten Sie und Ihre Frau die Kindererziehung auf?

Als wir noch in Stockholm lebten, ging der Große in den Kindergarten. Als der Kleine dann kam und wir umzogen, kümmerten wir uns beide um die Kinder. Meine Frau ist Übersetzerin, auch sie arbeitet von zu Hause, wie ich.

Die Kinder ließen Sie in Ruhe arbeiten?

Naja, wir wechselten uns eben ab. Oft waren die Kinder auch dabei, wenn wir arbeiteten. Die meiste Zeit war ich im Tischlerschuppen und meine Söhne waren irgendwo in der Nähe. Fürs Tischlern interessierten sie sich eigentlich nie. Sie waren aber auch dabei, wenn ich zeichnete. Oft malten sie dann auch. Wir arbeiteten zusammen.

Sind Ihre Söhne stolz auf Sie?

Vielleicht. Manchmal erzählen sie mir, dass Freunde sehr aufgeregt reagieren, wenn sie erfahren, dass ich ihr Vater bin. Ich glaube, sie mögen mich.

Was machen sie?

Der Jüngere hat sich immer schon für Biologie interessiert. Das studiert er jetzt auch. Der Ältere ist Comiczeichner. Er lebt gerade in Tokio. Er ist sehr talentiert. Ich habe ihn ermutigt, Zeichner zu werden. Was ich ihm vielleicht noch hätte sagen sollen: Um Erfolg zu haben, braucht man nicht nur Talent. Es ist eine Menge Glück dabei. Auf der anderen Seite muss er sich um seine Zukunft keine Sorgen machen, er hat reiche Eltern … (lacht)

Sie scheinen ein genauso netter Vater zu sein wie Pettersson. Sind Sie vielleicht überhaupt so wie er?

Als ich die Figur plante, wusste ich nur, dass es ein alter Mann werden soll. Die Katze sollte nur manchmal sprechen. Aber dann, als mein Großer so um die vier war, wurde Findus mehr und mehr zum Kind. Gleichzeitig aber wurde Pettersson zum Vater. Und natürlich reagiert er so wie ich.

Pettersson ist nie böse. Manchmal ist er wütend und schreit – aber er bevormundet Findus nie.

Ich musste mit meinen Kindern nie schimpfen. Sie waren sehr einfach.

Sind Sie, ist Pettersson der typisch schwedische Vater?

Vielleicht. Hier bei uns herrscht eine ziemlich liberale Tradition. Wir diskutieren viel und stellen nicht so viele Forderungen an unsere Kinder. Sie dürfen ihre eigenen Entscheidungen treffen und Fehler machen. Ich nahm einmal in Frankreich einen Anhalter im Auto mit. Mein Sohn schnallte sich während der Fahrt ab und kasperte im Auto herum, also musste ich stoppen und ihm erklären, dass das gefährlich ist. Der Anhalter lachte die ganze Zeit und sagte: „Wir in Frankreich reden nicht so mit unseren Kindern. Wir schlagen sie.“ So etwas wäre hier verpönt. Auf der Straße sehe ich ganz selten Eltern ihre Kinder anschreien. Und soweit ich weiß, sind schwedische Kinder gut erzogen, zumindest meine.

Auch das Geschlechterverhältnis ist in Schweden entspannter als anderswo. Frauen arbeiten und verdienen mehr als im europäischen Durchschnitt, in Restaurants gibt es Unisex-Toiletten, Sexismus wird öffentlich verurteilt. Wieso ist Schweden so weit vorn?

Nun ja, Schweden ist eine sehr reiche und sichere Gesellschaft. Wir waren im 20. Jahrhundert nicht an Kriegen beteiligt und hatten viel Zeit, unseren Wohlstand aufzubauen. Auch gibt es in Schweden keine MachoKultur. Wieder eine Geschichte aus Frankreich: Ich lief mit dem Kinderwagen durch das Dorf, in dem wir unser Ferienhaus hatten, und die alten Männer vor dem Bistro sahen mich sehr feindselig an. Sie mochten mich nicht. Vor allem mochten sie nicht, dass ich den Kinderwagen schiebe. In vielen Gesellschaften wird die Versorgung der Kinder als natürlich mütterliche Aufgabe betrachtet. Auch in Schweden war es in den 80er Jahren noch nicht normal, dass ein Vater bei seinen Kindern blieb. Aber da das auch all meine Freunde machten, war es mir egal. Heute sind wir mit dem Thema durch. Babywagen schiebende Väter sind völlig normal. Gut, sie schauen dabei auf ihr Mobiltelefon, aber sie schieben trotzdem den Wagen. Wir Männer können der Frauenbewegung dankbar sein, dass sie uns in eine aktive Väterrolle gezwungen hat. Sonst hätten wir nicht entdeckt, wie schön es ist, Kinder zu haben.

Sie scheinen aber auch eine besondere Freude an der Kinderwelt zu haben. Am interessantesten an Ihren Büchern finde ich die vielen kleinen Details, die auf jeder Seite zu finden sind: die Mucklas, die kleinen Wesen, die in den Ecken und unter Sofas ihr Unwesen treiben. Wie kamen Sie auf die Idee?

Ich halte es für möglich, dass diese Wesen existieren. Vor allem, wenn ich auf dem Land bin, den ganzen Tag keinen Menschen höre, dafür aber das alte Holz, wie es arbeitet, die Mäuse, die über den Dachboden huschen. Und wenn dann auch noch ständig das Werkzeug im Schuppen verschwindet, dann ist es vollkommen klar, dass Mucklas am Werk waren. Ich hätte gern, dass es sie gibt.

In Ihrem Buch „Wo ist meine Schwester?“ treiben Sie die Detailarbeit auf die Spitze. Jede Seite ist ein Feuerwerk seltsamer, kleiner, lustiger Szenen. Ist das Ihre Interpretation davon, wie Kinder die Welt sehen?

Vielleicht, ja. Ein Kind kann vor den unbedeutendsten Dingen stehen bleiben, sich wundern und die Sache zum Leben erwecken. Kinder bewegen sich durch eine magische, belebte Welt. Alles kann für sie zum Abenteuer werden.

Das hört sich an, als wären sie neidisch. Haben Sie eine Idee, wie die Welt auch für Erwachsene so aufregend sein könnte?

Ich versuchte es mit Reisen. Vielleicht kann auch Kunst oder Literatur dabei helfen. Vielleicht sollte man es auch mit LSD probieren, ich weiß es nicht. Es geht darum, etwas zu tun, was man noch nie getan hat. Aber ich fürchte, das sind alles nur Annäherungen an die Mysterien der Kindheit. So fasziniert wie sie können wir nicht mehr sein.

Man könnte Ihnen vorwerfen, dass Ihre idyllischen Landschaften und fantastischen Szenarien nichts mit dem echten Leben zu tun haben. In Deutschland gibt es im Augenblick eine Menge sehr sachlich-ernster Kinderbücher mit Titeln wie „Wenn Mama und Papa sich trennen“ …

(lacht) Ja, die hatten wir auch. In den 70er Jahren. Aber das ging vorbei …

Wieso haben Sie kein Interesse an ernsten Themen?

Ach, diese Kritik kenne ich. Ich habe sie so oft gehört. Aber ich denke, Kinder können warten, bis sie die dunklen Seiten des Lebens kennenlernen. Meine Bücher sind für Kinder zwischen vier und sieben Jahren. Da brauchen sie noch keine ernsten Themen. Am Anfang brauchen Kinder Sicherheit, um die Welt Schritt für Schritt zu erkunden. Früh genug werden sie erkennen, dass die Welt grausam und ungerecht ist.



Zur Person:

Geboren am 30.04.1946 in Helsingborg


„Nappmaskin“: Für das Freilichtmuseum Skansen baute Nordqvist eine Maschine, mit der Kinder ihre Schnuller an „Katzen spenden“ können.


Lange erwartet: Vor kurzem erschien mit „Findus zieht um“ ein neues Abenteuer – das erste seit über zehn Jahren.


Weitere Figuren:

Mama Muh

Die Abenteuer einer kindischen, sehr gelenkigen Kuh

Björn Bär

Nordqvists absurdeste Figur. Der anarchische Björn Bär tappt durch eine verrückte Fantasiewelt.


Ab 13. März im Kino:

„Pettersson und Findus – Kleiner Quälgeist, große Freundschaft“ – der erste Spielfilm zu Nordqvists erfolgreicher Reihe