"Icke muss vor Jericht" Liebe hinter Gittern


Eine Justizvollzugsbeamtin verliebt sich in einen Häftling und führt mit ihm eine Beziehung. Als ihre Gefühle für ihn schwinden, verschweigt sie dies dem Eingesperrten und vernichtet wohl das einzige offizielle Dokument dieser Liebe. Nun muss die JVA-Beamtin deswegen selbst vor Gericht.
Von Uta Eisenhardt

"Beziehung - das wäre zuviel gesagt." So beschreibt Justizvollzugsbeamtin Manuela Zehntel* das, was sie einst mit einem Häftling verband. Zehn Tage hätte sie mit Klaus Hermann* verbracht, später habe er sie nur noch sporadisch besucht. "Ich würde es als kurze Affäre bezeichnen", sagt die zierliche Frau dem Richter und schaut ihm dabei fest in die Augen. Knallrote Strähnen durchziehen ihr dunkles, zum Zopf gebundenes Wuschelhaar. Sie sind so knallrot wie der Rollkragenpullover, den sie zum schwarzen Blazer trägt. Trotz einiger Knitterfalten wirkt die 52-Jährige immer noch attraktiv.

Ihr ehemaliger Freund - ein 41jähriger Mann mit großen, silbernen Ohrringen, dessen Gesichtszüge von Drogensucht und jahrelangem Gefängnisaufenthalt hart geworden sind - spricht von einer zweieinhalbjährigen Beziehung zu der Beamtin. Diese habe vor vier Jahren im Tegeler Gefängnis begonnen. Ein Jahr später wurde Klaus Hermann zur Bewährung entlassen. Doch weil er wieder seiner Drogensucht verfiel, währte die Freiheit nur ein Jahr. Dann wurde er auf Manuela Zehntels Grundstück verhaftet. Diesmal kam er ins Moabiter Gefängnis. Zwei Mal besuchte ihn seine Freundin dort. Beide Besuche wurden auf einer Karte vermerkt, die sich in der Personalakte eines jeden Häftlings befindet.

Die Liebe hatte sich abgekühlt

Doch nicht die Liebe zu dem Gefangenen bringt die inzwischen suspendierte Justizbeamtin vor den Richter. Auch mit den Besuchen in Moabit verstieß die Beamtin nicht gegen das Dienstrecht, da der Häftling zu diesem Zeitpunkt eben nicht an ihrem Tegeler Arbeitsplatz einsaß. Es ist jene Besucherkarte - das einzige offizielle Dokument der verbotenen Liebe - oder vielmehr deren spurloses Verschwinden. Seine damalige Freundin habe die Karte zusammen mit einigen Fotos aus seiner Personalakte entwendet, bekundete Klaus Hermann gegenüber Gefängnisleitung und Polizei. Sie habe ihm die Fotos und das Dokument gezeigt und angekündigt, diese vernichten zu wollen.

Im Januar 2007 hatte sich die Liebe bei der Beamtin abgekühlt. Damals signalisierte sie ihrem nun wieder in Tegel einsitzenden Freund, sie wolle die Sache erst einmal ruhen lassen. Seine Drogensucht war schuld, sagt Manuela Zehntel dem Richter. Doch sie muss Klaus Hermann über ihre schwindendenden Gefühle im Unklaren gelassen haben. Statt eines klärenden Gespräches flüchtete sie sich in eine monatelange Krankheit. Sie schaute auch nicht bei ihm vorbei, als sie ein halbes Jahr später zu einem Personalgespräch in die Justizvollzugsanstalt kam.

Über den Flurfunk erfuhr der Häftling dennoch von ihrer Stippvisite. Gekränkt rief er bei Zehntel zu Hause an. Doch am anderen Ende der Leitung meldete sich ein Mann. Das war zu viel für den Liebeskranken. Er zog sich von den anderen Gefangenen zurück und litt still vor sich hin. Sogar der burschikosen Gruppenleiterin blieb der seelische Ausnahmezustand des Mannes nicht verborgen. In einem Gespräch mit dieser klagte er über Liebeskummer, mehr könne er nicht sagen. Vier Mal rief Hermann bei seiner Ex-Freundin an und drohte, wenn sie kein klärendes Gespräch mit ihm führen würde, wolle er "die Sache aufmachen". Er würde dafür sorgen, dass sie ihren Job verliere und ihrem neuen Freund wolle er, sobald er raus sei, die Kniescheiben zertrümmern.

Sie nahm die Drohungen ernst

Manuela Zehntel nahm die Drohungen ernst und wandte sich an einen Anwalt. Der riet ihr, ihre Vorgesetzten sofort über die Beziehung zu dem Häftling zu unterrichten. Nach dem Eintreffen ihrer Selbstanzeige suchte die Tegeler Gefängnisleitung nach Hermanns Besucherkarte, um darin Hinweise auf die verbotene Beziehung zu finden. Doch die Karte war weg. Als nächstes durchsuchte Zehntels Chef persönlich die Zelle des Häftlings und konfiszierte Liebesbriefe sowie Adressbücher. Zwei Stunden später bat Klaus Hermann um ein Gespräch bei der Gefängnisleitung.

Dort packte er aus: Über die Beziehung, die verschwundene Karte und die vielen unerlaubten Dinge, mit denen ihn seine Freundin im Gefängnis versorgt hatte: Geld, Alkohol, Handy, CDs, Tabak, Kaffee. Während sich Zehntels Vorgesetzte von diesen Offenbarungen schockiert zeigten, wirkte der Häftling nach dem Gespräch erleichtert: "Es sprudelte nur so aus ihm heraus", erinnert sich der Vollzugsdienstleiter an das Gespräch. Vor Gericht dagegen gibt sich der vor zwei Wochen aus der Haft entlassene Mann alles andere als redselig. Es werde in dieser Sache gegen ihn wegen Erpressung, Nötigung und Beleidigung ermittelt, sagt der Zeuge. "Ohne Anwalt will ich dazu nichts sagen." Ungern, aber sich dem geltenden Recht beugend, lässt das Gericht ihn ziehen.

Sie kämpft um Job und Pension

Manuela Zehntel kann nun ohne seine belastenden Angaben weiter für ihren Job und ihre Pension kämpfen. Es sei ein Fehler gewesen, die Beziehung nicht angezeigt zu haben. "Aber ich habe nicht gewusst, wem ich das sagen sollte", so die langjährige Justizbeamtin. Sie beteuert, "da sind keine Papiere oder Bilder weggekommen. Ich habe nie was mit den Akten zu tun gehabt." Das bestätigen auch ihre Vorgesetzten - mit einer Einschränkung: "Wenn man an die Akten ran möchte, dann schafft man das schon", sagt ihr Chef. Im Spätdienst hätten Bedienstete durchaus die Möglichkeit, sich allein im Büro aufzuhalten.

Genauso illegal könne auch der Häftling an die Karte gekommen sein, argumentieren Manuela Zehntel und ihr Verteidiger. "Der ist ein Meisterdieb, der klaut Ihnen die Brille von der Nase", sagt die Beamtin. Ihr Verteidiger mutmaßt, Klaus Hermann könnte den Mithäftling, der das Büro säubern würde, zum Entfernen der Karte angestiftet haben, er könnte bei einem Gespräch mit seiner Betreuerin lange Finger gemacht haben oder sich der Hilfe seines Anwalts bedient haben. Beide haben ein Motiv - die Angeklagte, weil sie unangenehme Nachfragen ihrer Vorgesetzten befürchtete und der Häftling, weil er seiner Ex-Freundin Scherereien bereiten und sich an ihr rächen wollte. Das ist allen Beteiligten klar. Doch wem soll man Glauben schenken?

Anklage sieht "erhebliche Indizien"

"Sehr erhebliche Indizien sprechen dafür, dass die Angeklagte die Karte entfernt hat", sagt die Staatsanwältin und fordert eine Geldstrafe von 90 Tagessätzen. "Sehr erhebliche Indizien sprechen dafür, dass die Angeklagte die Karte entfernt haben könnte", hält Zehntels Verteidiger dagegen und streut den Zweifel. Warum sollte die Angeklagte Angst vor Aufdeckung eines Verhaltens haben, das nicht gegen die Dienstvorschriften verstieß? Hermann dagegen wollte ihr etwas anhängen. "Außerdem appelliere ich an Ihre Lebenserfahrung, was heißt, ein Gefangener hat keinen Zutritt zum Büro? Ist das nicht alles Theorie", fragt der rhetorisch versierte Verteidiger und verlangt einen Freispruch.

Doch wer Manuela Zehntels so genannte "Letzte Worte" hört, mag nur noch schwer an ihre Unschuld glauben: "Mir tut das Ganze im Nachhinein sehr leid. Ich habe daraus sehr viel gelernt. Es kommt bestimmt nie wieder vor", stammelt sie, um nach "Aber mit der Karte...", mitten im Satz abzubrechen.

"Tegel hat mal wieder eine Kuh"

Fünf Minuten später verurteilt sie der Richter wegen Urkundenunterdrückung und Verwahrungsbruchs zu einer Geldstrafe von 2100 Euro (70 Tagessätze). Möglicherweise hätte Hermann ins Büro gelangen können, doch der Zutritt war für die Angeklagte wesentlich leichter als für den Häftling, sagt der Richter. Außerdem war ihre Motivation größer als seine: Sie musste unangenehme Fragen ihrer Vorgesetzten befürchten, während er sein Rachebedürfnis bereits durch das Offenbaren der verbotenen Beziehung und der verbotenen Pakete stillen konnte. Das Urteil wird die Angeklagte Job und Pension kosten. Sie selbst formuliert es so: "Tegel hat mal wieder eine Kuh, die sie entlassen kann."

* Namen von der Redaktion geändert


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