"Icke muss vor Jericht" Vom Finden der Truppe


Ein junger Naumburger verstieß gegen das Wehrstrafgesetz, weil er am Tag seiner Einberufung nicht den Weg zu seiner Einheit fand. Den Weg zum Amtsgericht Berlin-Tiergarten meisterte der junge Mann hingegen - zum Amüsement des Gerichts. Doch der Hintergrund der soldatischen Fehlleistung ist ernster als angenommen.
Von Uta Eisenhardt

Bereits zwei Stunden vor Beginn seiner Verhandlung wartet Tobias Hermsdorf* vor dem Saal. Mit unbewegter Miene sitzt der stämmige Mann, unter dessen Motorrad-Lederjacke sich ein ordentliches weißes Hemd verbirgt, auf einer Bank. Möglicherweise würde er auch die nächsten Stunden reglos dort verharren, doch er hat Glück: Eine junge Frau, die vor ihm mit dem Richter verabredet ist, weil sie fälschlicherweise jemanden einer Vergewaltigung bezichtigte, ist nicht erschienen. Unbürokratisch zieht das Gericht die Sache Hermsdorf vor.

Plaudernd, quasi zur Aufwärmung, erkundigt sich der Richter nach den Zukunftsplänen des berufslosen Naumburgers. Im breiten, sächsisch-anhaltinischen Dialekt gibt der 22-Jährige an, seine Tage mit Schlafen, Saubermachen und Kochen für sich und seine Freundin zu verbringen. Er habe aber eine Lehre als Lagerist in Aussicht. Dann fragt der Richter nach dem Verlauf der Reise nach Berlin, die der Angeklagte mit dem Intercity zurück legte. Brav benennt der Angesprochene die beiden Bahnhöfe, an denen er problemlos das Umsteigen meisterte.

Unglaube des Richters hörbar

Die Ironie muss sich Hermsdorf gefallen lassen, denn es ist zu lächerlich, was er - dem unerlaubtes Fernbleiben von der Truppe vorgeworfen wird - zu seiner Entschuldigung vorträgt: Er habe an jenem 1. April den Standort des Wachbataillons am Kurt-Schumacher-Damm nicht finden können. Ob er eine Wegbeschreibung gehabt habe, fragt ihn der Richter. Nein, eine solche habe sich in der Einladung nicht befunden, antwortet treuherzig der junge Mann, der noch nie woanders als in Naumburg gewohnt hat. "Da gibt es zwei Möglichkeiten", sagt der Richter. "Entweder man investiert in einen Stadtplan oder man ruft mal an. Sind Sie denn überhaupt losgefahren?" Tobias Hermsdorf lässt sich nicht aus der Ruhe bringen. Geduldig beantwortet er alle Fragen, auch wenn in ihnen der Unglaube des Richters hörbar mitschwingt.

Er habe sich an jenem Dienstag in den Zug nach Berlin gesetzt. Dort sei er in die U-Bahnlinie gestiegen, die zum Kurt-Schumacher-Platz führt. Doch diese Station habe der junge Simplicissimus nicht gefunden. "Ehrlich gesagt", sagt der Angeklagte, "in der Aufregung habe ich auf gar nichts mehr geachtet." Als er das Gefühl hatte, zu weit gefahren zu sein, sei er ausgestiegen, wieder zurück gefahren, erneut ausgestiegen - planlos, ziellos, ergebnislos. Irgendwann habe er die irrationale Suche beendet und sich auf den Heimweg begeben. Dort meldete er sich am nächsten Tag beim Kreiswehrersatzamt, wo man ihm einen zweiten Versuch in Form einer neuen Fahrkarte in Aussicht stellte. Diese Fahrkarte wurde ihm auch geschickt, wahrscheinlich fiel sie am Samstag in Hermsdorfs Briefkasten. Doch der verbrachte das Wochenende bei einem Freund und erfuhr erst am Montag von seinem neuen Marschbefehl. An diesem Tag vermisste man ihn bereits zum zweiten Mal bei der Truppe, Jetzt schickte man die Feldjäger los. Die fingen am nächsten Morgen den verirrten Vogel ein und lieferten ihn bei seiner Berliner Einheit ab.

Mit einwöchiger Verspätung konnte Hermsdorf seiner Vaterlandspflicht nachkommen. 14 Tage diente er dem 2. Wachbataillon - dem Verband der Bundeswehr, der für die protokollarische Umrahmung von Staatsbesuchen zuständig ist. Dann bescheinigten die Ärzte dem jungen Soldaten eine schadhafte Wirbelsäule. "Ach so, Sie konnten nicht stramm stehen", konstatiert der Richter. Hermsdorf wurde in eine andere Einheit zur Grundausbildung versetzt. Dort steckte man ihn wegen des unerlaubten Entfernens von der Truppe für fünf Tage in den Arrest und knöpfte ihm außerdem noch Geld ab.

Freundin verliert Kind

Die Höhe der Summe hat Hermsdorf vergessen. Sie war ihm nicht wichtig genug in einer Zeit, als seine Gedanken immerzu um das Schreckliche gekreist sein müssen, das seiner Freundin kurz vor seiner Einberufung angetan wurde: Der junge Soldat sollte nämlich Vater werden, als seine schwangere Freundin von ihrem Ex-Freund mit Tritten in den Unterleib traktiert wurde. Das Ungeborene habe die Attacke nicht überlebt, sagt der Angeklagte, der fünf Monate nach Dienstantritt aufgrund seiner psychischen Probleme für dienstuntauglich befunden wurde.

Dies erklärt, warum der Ernst eines Einberufungsbefehls nicht ins Hirn des jungen Mannes dringen konnte. Warum er nicht in der Lage war, eine große Kaserne in einer Stadt voller auskunftsfähiger Menschen, voller Telefone und Stadtpläne zu finden. Trotzdem muss er die Konsequenzen über sich ergehen lassen. Ein Verstoß gegen das Wehrstrafgesetz wird hart geahndet, nicht einmal eine Geldstrafe sieht der Gesetzgeber dafür vor. Hermsdorf sei geständig, reuig und auch schon disziplinarisch bestraft worden, eine Wiederholungstat sei dem ausgemusterten Soldaten nicht möglich, argumentieren Staatsanwältin und Richter. Mit drei Monaten auf Bewährung darf er die Heimreise antreten. Bevor sich der Richter aber endgültig von seinem Angeklagten verabschiedet, muss er ihm noch etwas mitteilen: "Wenn Sie aus dem Gerichtsgebäude kommen, müssen sie nach links, dann noch mal nach links und nun immer geradeaus ..."

* Name von der Redaktion verändert


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker