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"Schaut nicht weg": Die Mission von Stephanie zu Guttenberg

Die Frau war der Star, der Minister ausnahmsweise mal zweite Geige: Das Glamour-Paar der deutschen Politik gab sich die Ehre in einer Berliner Buchhandlung. Stephanie zu Guttenberg las aus ihrem neuen Buch zum Thema Kindesmissbrauch, Gatte Karl-Theodor erregte nur kurz Aufsehen - und musste indirekt auch Kritik einstecken.

Von Jennifer Lange

Sie ist schön, jung und mit Deutschlands Politstar verheiratet. In schwarzen, hochhackigen Stiefeln, schwarzer Feinstrumpfhose und eleganter Bluse betritt Stephanie zu Guttenberg am Mittwochabend das Podium in der Berliner Buchhandlung Dussmann. Die Kameras sind auf die 33-Jährige gerichtet, die Fotoapparate klicken. Sie lächelt geduldig nach rechts und links. Ihr Aussehen hilft ihr - und ihrem Buch "Schaut nicht weg!". Das Thema: Kindesmissbrauch.

Stephanie zu Guttenberg nennt schockierende Zahlen: Jedes fünfte Mädchen und jeder neunte Junge werden sexuell belästigt. Rund 80 Prozent der Fälle spielen sich in der unmittelbaren Umgebung des Kindes ab - in der Familie, der Nachbarschaft, der Schule oder im Sportverein. Achtmal muss ein Kind einen Erwachsenen um Hilfe bitten, bis er ihm glaubt. "Es darf nicht sein, dass die Erwachsenen wegschauen. Das Thema muss offen angesprochen werden und die Kinder dürfen nicht vor Angst, Scham und Schuldgefühlen versinken. Sie sind nicht die Schuldigen", sagt die Mutter zweier Mädchen. Sie kritisiert: Die meisten Menschen seien zu sehr um ihren guten Ruf besorgt.

Ein Besucher namens Karl-Theodor

Kurzer Trubel als überraschend ihr Mann, der Verteidungsminister, von einer Gruppe Bodyguards umringt, die Treppe in der Buchhandlung heruntereilt. Leise stellt er sich nach hinten und lehnt sich an eine Säule. Er will seiner Frau zuhören, ihr aber nicht die Show stehlen. Stephanie zu Guttenberg kritisiert ihren Mann in dem Buch indirekt, wenn sie der schwarz-gelben Koalition vorwirft: "Die Bundesregierung ist in ihrem Bemühen, gegen Kinderpornografie im Internet anzugehen, keinen Schritt vorangekommen". Er nehme sich die Kritik zu Herzen und spreche das Thema auch mal in interner Regierungsrunde an, sagt Karl-Theodor zu Guttenberg stern.de. "Aber ich möchte auch nicht, dass der Eindruck entsteht, dass das familiäre Interesse im Mittelpunkt steht. Es ist einfach ein wichtiges Thema." Zuhause führten sie intensive Diskussionen. "Ich sage ihr klar meine Meinung zu ihrer Arbeit und dafür gibt sie mir auch mal Hausaufgaben mit", sagt der Verteidigungsminister.

Seine Frau hält Kindesmissbrauch für das letzte Tabu-Thema der Gesellschaft. Und sie liefert ein Stück Ursachenforschung. In ihrem Buch kritisiert sie den Sexismus in Musikvideos wie denen von Lady Gaga und Shows wie "Germanys Next Topmodel". Die zunehmende Sexualisierung der Gesellschaft fördere auch die sexuelle Gewalt. Es gäbe sechsjährige Mädchen, die "nichts toller finden als halbnackt auf dem Laufsteg zu stehen, sich im Matsch zu suhlen und dabei fotografiert zu werden", sagt sie. Das sei bedrohlich, weil Kinder nicht differenzieren können zwischen einer kommerziellen Show und ihrer Realität. "Die Kinder entwickeln ein falsches Körperbewusstsein. Es ist gefährlich, wenn sie ihr Selbstbewusstsein nur noch aus ihrem Äußeren ziehen."

Politisches Power-Paar

Stephanie zu Guttenberg spricht auf dem Podium auch als Präsidentin des deutschen Zweigs der Organisation "Innocence in Danger". Seit sechs Jahren ist sie in dem Verein gegen Kindesmissbrauch aktiv. Ihr Mann ist stolz auf ihre Arbeit und betont, dass sie sich dafür schon viel länger einsetze als er Verteidigungsminister sei.

Ein politisches Power-Paar. Und der Name zu Guttenberg lockt an. Viele sind spontan geblieben als sie in der Buchhandlung das Veranstaltungsschild gesehen haben. "Das Paar ist authentisch und sympathisch. Ich finde es toll, dass die Frau sich so eines unbequemen Themas annimmt", sagt der Geschäftsreisende Christoph Ewert. "Wäre es die Frau von Brüderle oder Schäuble gewesen, wäre ich wahrscheinlich nicht gekommen."