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Angeblicher KZ-Häftling: Horrormärchenstunde

Otto Uthgenannt gibt sich auf rund 200 Veranstaltungen als Überlebender des KZ Buchenwald aus. Nur: Der 77-Jährige war nie dort. Warum tut einer das? Der stern begab sich auf Spurensuche.

Wenn Otto Uthgennant über seine Zeit als Häftling im Konzentrationslager Buchenwald berichtete, gab es am Ende kaum jemanden, der keine Tränen in den Augen hatte. Ob in Schulen oder in der jüdischen Gemeinde: Auf über 200 Veranstaltungen trat der 77-Jährige als Zeitzeuge auf, der die Zuschauer mit seiner erschütternden KZ-Geschichte in den Bann zog. Nur: In keiner der Listen des Lagers Buchenwald findet sich der Name Uthgenannt. Der Rentner hat seine Geschichte frei erfunden.

Kurz vor Weihnachten deckte die Lokalzeitung "Nordwest-Zeitung" die makabere Lügengeschichte auf. Doch warum erfindet ein Mensch solch eine Geschichte?

Für die aktuelle Ausgabe besuchte der stern Uthgenannt und konfrontierte ihn mit der Wahrheit: Er wurde 1935 als Sohn evangelischer Eltern geboren, war später Heimkind. Doch Uthgenannt bleibt bei seiner Geschichte vom Konzentrationslager. Recherchen ergaben, dass vieles darauf hindeutet, dass Uthgenannt zu jenen etwa 1000 Deutschen gehört, die unter der seltenen Krankheit "Pseudologia Phantastica" leiden. Auf diese Zahl schätzt der Berliner Psychiater Professor Hans Stoffels die Gruppe krankhafter Lügner.

Von angeblichen Überlebenden des Anschlages auf das New Yorker World Trade Center bis zum erfundenen Opfer eines nächtlichen Raubüberfalls kennt er Patienten, deren Lügen oft so echt und plausibel wirken, dass ihre Umgebung sie lange Zeit glaubt. Auch Uthgenannt selbst bleibt bei seiner Lügengeschichte. In Kürze werde er die Unterlagen seiner jüdischen Mutter aus Amsterdam vorlegen, dann werde sich alles aufklären, sagte er dem stern.

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