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Droht Super-Gau?: Belgische Bröckel-Reaktoren lösen Angst in Deutschland aus

Risse, gleich zu Tausenden. Zwei belgische Atomreaktoren gelten als gefährlich marode. Monatelang waren sie abgeschaltet, jetzt sind sie wieder am Netz. Ohne, dass die Risse beseitigt wurden. Im nahen Aachen wurde schon der Ernstfall geprobt.

"Nuklearer Schrottpark": das Atomkraftwerk Tihange im belgischen Huy, rund 70 Kilometer westlich von Aachen.

"Nuklearer Schrottpark": das Atomkraftwerk Tihange im belgischen Huy, rund 70 Kilometer westlich von Aachen.

Rund 165.000 Unterschriften, offizieller Protest, Appelle von Umweltschützern - auch aus Deutschland. Es hat alles nichts genutzt. Seit zwei Tagen ist der marode belgische Atomreaktor Tihange 2 wieder am Netz; ein zweiter (Doel 3 bei Antwerpen) soll folgen. Monatelang waren die abgeschaltet, weil die belgische Atomaufsicht AFCN bei Inspektionen Risse und Blasen in den Reaktorbehältern festgestellt hatte - und zwar nicht einige wenige, sondern Tausende. Geändert hat sich am Zustand der Atommeiler nichts, die Risse wurden lediglich für unbedenklich erklärt. Die Menschen in der nahen und weiteren Umgebung leben nun in der Angst vor dem Super-Gau. Auch im Westen Deutschlands.

Die Atomkraftanlage Tihange liegt nur 70 Kilometer westlich von Aachen - keine Entfernung, die vor atomarer Strahlung schützt. In der historischen Kaiserstadt hält man die Gefahr für so real, dass der Krisenstab der Stadt schon den Katastrophenfall geprobt hat. Auch über die Ausgabe von Jodtabletten an die 240.000 Einwohner wurde schon nachgedacht. "Wir halten das Hochfahren für gefährlich und unverantwortlich", kritisierte Aachens Oberbürgermeister Marcel Philipp gegenüber der Rheinischen Post die Reaktivierung von Tihange 2. Das Thema beherrsche die Gespräche auf der Straße; die Gefahr treffe aber nicht nur die Region Aachen, sondern ganz Nordrhein-Westfalen, natürlich Belgien und auch die Niederlande.


"Russisches Roulette"

"Die belgische Regierung spielt russisches Roulette, denn Tihange ist ein Bröckel-Reaktor", findet auch NRW-Innenminister Johannes Remmel (Grüne) deutliche Worte. Seit Jahren würden die Probleme der Anlage des Betreibers Electrabel größer, es sei sogar schon einmal radioaktives Wasser aus einem Abklingbecken ausgetreten. "Diese Kraftwerke genügen nicht im Geringsten unseren Sicherheitsanforderungen", beklagt auch sein Kabinettskollege, Energieminister Garrelt Duin (SPD). "Sie stellen eine Gefährdung für die Bürgerinnen und Bürger in Nordrhein-Westfalen dar." Duin nimmt nun die Bundesregierung in die Pflicht. Sie solle Druck auf die belgische Regierung ausüben.

Tihange 2 und Doel 3 haben seit 2012 immer wieder einmal stillgestanden. Damals waren die Materialfehler öffentlich geworden, die zunächst als Risse und später, da sie im Inneren der Reaktorwände liegen, auch als Blasen beschrieben wurden. Seitdem wurden verschiedene Tests gemacht. Die Blasen sind nach heutigem Stand nicht während des Betriebs, sondern schon während des Baus vor mehr als drei Jahrzehnten entstanden - aus Sicht von Betreiber und Aufsichtsbehörde eine beruhigende Feststellung.

Einfach genauer gemessen

Nicht jedoch für Bevölkerung und Politiker. Die verweisen auf weitere Zahlen. Danach sind die größten Risse in Doel den jüngsten Messungen zufolge 18 Zentimeter lang - und damit doppelt so lang wie bei den Messungen 2012. In Tihange wurde das Maximum sogar von sechs Zentimetern 2012 auf jetzt 15,5 Zentimeter revidiert. Gezählt wurden in Doel zuletzt rund 13.000 Risse, während es bei der letzten Untersuchung 8000 gewesen waren. In Tihange stieg die Anzahl von 2000 auf 3150. Die gestiegene Zahl und Größe der Risse soll aber nicht auf eine Verschlechterung der Lage, sondern auf die größere Genauigkeit der Untersuchungen zurückzuführen sein, heißt es.

Dennoch hatte sogar die Atomaufsicht noch im Frühjahr von einer "unerwarteten" Brüchigkeit des Behältermaterials gesprochen. Ein eindeutiges Alarmsignal bei Behältern, die unter Druck stehen. Im November aber ließ dieselbe Behörde plötzlich verlauten, Betreiber Electrabel habe bei Untersuchungen zeigen können, "dass die Mikroblasen in den Wänden der Reaktorbehälter keinen unannehmbaren Einfluss auf die Sicherheit" hätte. Die Freigabe gilt auch für Doel 3, der nun morgen wieder ans Netz gehen soll.

Schwache Behörden, starke Lobby

Auf welcher Grundlage die Unbedenklichkeit attestiert wurde, ist unklar. Electrabel veröffentlichte anlässlich der Reaktivierung Presse-Erklärungen, die beschreiben sollen, warum es keine Probleme in den beiden Reaktoren gebe (flämische Versionfranzösische Version). Bisher hätten die belgischen Behörden nicht einmal zweifellos klären können, wodurch die Risse entstanden seien und um welche Schäden es sich konkret handelt, wettert dagegen Sylvia Kotting-Uhl, die atompolitische Sprecherin der Grünen. "Das Vorgehen der belgischen Atomaufsicht ist äußerst zweifelhaft. Es ist nicht sicherheitsgerichtet und wenig vertrauenerweckend."

"Dass Belgien seinen nuklearen Schrottpark wieder anfährt, zeigt, wie mächtig die Atomlobby in Europa noch ist", erklärte Heinz Smital, Atomexperte von Greenpeace. "Nur ein europaweiter Atomausstieg bietet den Nachbarländern mehr Sicherheit vor einer atomaren Katastrophe." Der ist auch in Belgien eigentlich beschlossene Sache. 2025 soll in unserem Nachbarland der letzte der sieben Reaktoren vom Netz gehen. Die Broeckel-Reaktoren haben nach der jüngsten Entscheidung eine Betriebserlaubnis bis 2022 (Doel 3) und 2023 (Tihange 2) - falls die rissigen Behälter bis dahin durchhalten.

dho/mit DPA und AFP