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Anschlag: Bombe im Dresdner Hauptbahnhof

Eine als Reisekoffer getarnte Bombe haben unbekannte Täter im Dresdner Hauptbahnhof abgestellt. In dem Gepäckstück war eine weiße Substanz, die sich als Sprengstoff herausstellte.

Der Dresdner Hauptbahnhof am Montagnachmittag bei strahlendem Sonnenschein: Reisende schlendern langsam zum Bahnsteig 14, um den Intercity-Zug nach Frankfurt am Main zu besteigen. Kaum einem ist klar, dass sich drei Tage zuvor auf dem gleichen Bahnsteig eine Bombe in einem Koffer befand, die bei einer Explosion viele Menschen hätte töten oder verletzten können.

Die 36 Jahre alte Andrea Holz aus Dresden, die als Bahnmitarbeiterin an einem Serviceschalter nur wenige Meter von Gleis 14 entfernt Reisenden freundlich Auskunft erteilt, will jetzt noch aufmerksamer als sonst ihre Umgebung beobachten. "Ich war überrascht, dass sowas hier passieren kann", sagt Holz, nachdem sie von dem Bombenfund erfahren hatte. Bisher habe sie immer gedacht, dass Dresden sicher sei.

Eine "Schweinerei" nennt ein 62-jähriger Eisverkäufer den Vorfall. Er habe Anfang der 90er Jahre schon mal einen Bombenalarm im Dresdner Hauptbahnhof miterlebt. Damals sei er als Friseur tätig gewesen. "Wir mussten die Kunden im November bei der Evakuierung mit Kopftuch und halbfertigen Haaren in die Kälte schicken", erinnert er sich.

Evakuierung am Freitag

Evakuiert wurde auch am Freitagabend gegen 19.40 Uhr, als Bahnmitarbeiter bei der Reinigung den 50 Zentimeter hohen und 33 Zentimeter breiten Koffer mit Rollen auf Gleis 14 entdeckten. Die sofort alarmierten BGS-Beamten ließen zunächst einen Sprengstoffhund das verdächtige Gepäckstück untersuchen.

Als dieser anschlug, wurde das gesamte Bahnhofsgebäude bis Samstagmorgen um 03.00 Uhr gesperrt. Spezialisten beschossen den Koffer mit einer Wasserkanone, entnahmen den Inhalt mit einem Roboter - und dann stand das Unglaubliche fest: Es war eine Bombe. Experten des Landeskriminalamtes fanden Sprengstoff, Zündschnur und Zündeinrichtung. Unklar ist allerdings, ob der Zünder funktionierte, denn durch die Wasserkanone und den Roboter wurden Teile des Koffers zerstört.

Hintergründe unklar

Über die Hintergründe des Bombenfundes herrscht derzeit noch Ungewissheit, auch wenn für viele Reisende die Sache schon klar ist: "Terroristen, was denn sonst", schätzt ein 37 Jahre alter Italiener aus Neapel die Sache ein. Für den 24-jährigen Michael Sperling aus Dresden steht fest, "dass sowas in Deutschland schon überfällig war." Angst, mit der Bahn zu reisen, hat er dennoch nicht. "Wenn"s passiert, war man zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort." Das sieht eine 24 Jahre alte Frau aus dem erzgebirgischen Marienberg ganz anders. Angst habe sie zwar nicht, "aber ein bisschen mulmig ist mir schon zumute".

Der PDS-Fraktionsvorsitzende im Landtag, Peter Porsch, war am Freitagabend kurz vor dem Bombenfund selbst am Dresdner Hauptbahnhof, um seinen 16 Jahre alten Sohn zum Zug nach Tschechien zu bringen. Dieser fuhr auf Gleis 5 um 17.55 Uhr ab. Kurz vor der Evakuierung verließ Porsch das Bahnhofsgebäude.

Innenministerium hüllt sich in Schweigen

Das politische Dresden reagierte zunächst kaum auf den Bombenfund. Aus dem Innenministerium gab es bis zum späten Nachmittag keine Stellungnahme. Der frühere Innenminister Heinz Eggert (CDU) äußerte die Hoffnung, dass schnell geklärt werde, wer dahinter stecke. Sachsen sei insgesamt nicht unsicherer als andere Bundesländer.

Der SPD-Fraktionschef im Landtag, Thomas Jurk, forderte Ministerpräsident Georg Milbradt (CDU) auf, die Fraktionsvorsitzenden aller Parteien über den Ermittlungsstand zu unterrichten. Das mache Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) in Berlin bei wichtigen Dingen auch so. Porsch forderte mehr Personal auf den Bahnsteigen auch in Uniform zur Überwachung der Umgebung.