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Anwalt-Interview: "Marco muss keine Verhaftung fürchten"

In knapp zwei Wochen wird im türkischen Antalya der Fall Marco W. weiterverhandelt. Jetzt scheint festzustehen, dass Marco W. persönlich zum Prozess erscheinen wird. Sein türkischer Rechtsanwalt Ahmet Ünal Ersoy äußerte sich gegenüber stern.de, ob es für Marco gefährlich ist, in die Türkei zu fahren.

Von Metin Yilmaz

Am Dienstag, dem 1. April ist es soweit. Nach dreieinhalb Monaten Pause wird im "Adliye Sarayi" (Justizpalast) im türkischen Antalya gegen Marco W. aus Uelzen weiterverhandelt. Immer noch wird ihm vorgeworfen, während einer Urlaubsreise im Frühjahr 2007 die damals 13 Jahre alte Britin Charlotte sexuell missbraucht zu haben. "Marco wird wohl am 1. April in Antalya sein" sagte sein türkischer Rechtsanwalt Ahmet Ünal Ersoy zu stern.de. Ersoy hatte Marco W. während der acht Monate, die der junge Mann in türkischer Haft saß, jede Woche im Gefängnis besucht. Er wird zusammen mit den türkischen Anwälten Sükrü Enhos und Mehmet Iplikcioglu Marco W. auch weiterhin vor Gericht vertreten.

Marco droht nach Angaben seines Anwalts keine Gefahr, wieder verhaftet zu werden. "Es wird eher ein ganz normaler Verhandlungstag werden. In dieser Phase des Prozesses können wir nicht mit einem Urteil rechnen. Marco braucht keine erneute Verhaftung zu befürchten. Wir versuchen am Ende einen Freispruch zu erreichen". Falls Marco W. im April wirklich nach Antalya fährt, wird er zum ersten Mal nicht als Inhaftierter von türkischen Polizisten begleitet durch einen Hintereingang den Gerichtssaal betreten, sondern im Flur warten, bis sein Fall verhandelt wird.

In den Fluren warten Räuber, Mörder und Vergewaltiger auf ihr Urteil

Auch am 1. April wird die erste Kammer des Schwurgerichts von Antalya unter Vorsitz vom Richter Abdullah Yildiz von neun Uhr morgens bis spät abends über Räuber und Mörder, Vergewaltiger und Trickbetrüger urteilen, die mitunter den ganzen Tag die langen Flure bevölkern und auf Einlass warten werden. Inzwischen ist das erst 1992 bezogene Gebäude viel zu klein für die vielen Strafverfahren, die in der schnell wachsenden Millionenstadt Antalya jeden Tag anfallen. Fünfhundert Meter weiter wurde schon ein neuer, noch größerer Justizpalast gebaut, ein Umzug ist noch für dieses Jahr geplant. Bisher wurde in Antalya unter Ausschluss der Öffentlichkeit verhandelt, da Marco W. noch nicht volljährig war. Doch er feierte im Februar seinen 18. Geburtstag. Deshalb dürfen dieses Mal neben seinen Eltern zum ersten Mal auch Zuschauer und Journalisten im Gerichtssaal Platz nehmen. Nur in begründeten Ausnahmefällen können die Richter weiterhin eine nicht öffentliche Verhandlung anordnen.

Die bisher letzte Verhandlung im Fall Marco fand am 14. Dezember letzten Jahres vor der 1. Kammer des Schwurgerichts in Antalya statt. Damals wurde Marco W. ohne Auflagen auf freien Fuß gesetzt. Nach 247 Tagen in Haft flog Marco W. sofort in einem Privatjet in Begleitung seines Vaters und seiner beiden deutschen Rechtsanwälte zurück nach Deutschland. Das türkische Gericht begründete die Entlassung aus der acht Monate andauernden Untersuchungshaft damit, dass die Beweisaufnahme mit Eintreffen der Aussage der Britin Charlotte vorerst abgeschlossen werden konnte. Es werde zudem noch einige Zeit dauern, weitere Gutachten zu beschaffen. Eine Fortdauer der U-Haft sei dem Angeklagten deshalb nicht zuzumuten und auch nicht mehr notwendig. Charlottes Rechtsanwalt Ömer Aycan hatte nach der Freilassung von Marco W. am 14. Dezember Beschwerde gegen die Entscheidung der Richter eingelegt und Marcos deutschen Verteidigern Beeinflussung des türkischen Gerichts vorgeworfen. Die Beschwerde wurde inzwischen abgelehnt.

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