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Die Medienkolumne: Marco W. - gerettet von der "Bild"-Zeitung

Gut beraten war Marco W. nicht, als er noch vor Abschluss des Missbrauchprozesses ein Buch veröffentlichte. Wir malen uns aus, wie sich der "Fall Marco W." im Jahr 2009 noch entwickeln kann - inklusive spektakulärer Rettung.

Von Bernd Gäbler

Der Bestseller-Autor. Vermutlich noch in dieser Woche wird Marco Weiss - der vollständige Name ist inzwischen auch von ihm selbst veröffentlicht worden - mit seinen autobiografischen Notizen "Marco W. - Meine 247 Tage im türkischen Knast" die Bestseller-Liste stürmen. Die erste Auflage ist komplett verkauft. Beim Online-Versandhaus Amazon kletterte der Titel von Platz 64 auf Rang zehn. Forciert wurde der Verkauf der ersten 24.000 Exemplare durch den Vorabdruck der wichtigsten "Stellen" in der "Bild"-Zeitung. "Sie schob ihre Hand erst unter meinen Pulli, ließ ihre Finger dann langsam nach unten wandern. Für mich war das überraschend, ich fühlte mich überrumpelt." Alles war also ihre Schuld - na, dann ist ja alles klar.

Gemeint ist die verhängnisvolle Nacht mit der damals dreizehnjährigen Charlotte, die im Buch zur „Carolina“ verfremdet wird. Das ist die entscheidende Beschreibung. Und wie so vieles in dem Buch töricht ist, geht auch hier der Autor von dem falschen Glauben aus, von sexuellem Missbrauch könne nur bei vollzogenem Geschlechtsverkehr die Rede sein. Seine deutschen Anwälte, Matthias Waldraff und Michael Nagel, beteuern, von der jetzigen Veröffentlichung nichts gewusst zu haben. Ihr Mandat haben sie niedergelegt. Das Buch könne in der Türkei so verstanden werden, dass Einfluss auf das Verfahren genommen werden soll. Ach!

"Folter, Schlafentzug und harte Drogen" - so bewirbt der Hamburger Kinderbuch Verlag (sic!) seine Neuerscheinung. Sehr rasant geriet Marco W. sein literarischer Erstling. Das mag daran liegen, dass Willi Schmitt, einst Chefredakteur der "Sport Bild", das Buch aufgezeichnet hat. Die Nähe zur Zeitung mit den großen Buchstaben liegt auf der Hand. Ob das ein guter Rat ist? Für Marcos Freilassung aus der türkischen Haft hatten sich damals sowohl Außenminister Frank-Walter Steinmeier wie der Europa-Abgeordnete Vural Öger stark gemacht. Jetzt fürchten die ehemaligen Anwälte Marcos, der Zeitpunkt der Veröffentlichung könne einen Freispruch gefährden. "Hier wird nicht mehr prozessiert. Hier versuchen Richter nur noch, von ihren Fehlern abzulenken", schreibt Marco W. . Wenn das mal kein Fehler war!

Ein Gedanken-Experiment

Auch wenn zugunsten Marco W.s anzunehmen ist, dass es sich damals um eine unüberlegte jugendliche Fummelei handelte und die Haftbedingungen selbstverständlich unangemessen waren, kann doch die Sorge zunächst nur einem rechtsstaatlich korrekten Verfahren gelten. Man stelle sich einmal denselben Fall unter anderen Vorzeichen vor. Ein junger Mann aus der Türkei würde beschuldigt, bei seinem Urlaub in einem Ostsee-Badeort eine minderjährige Engländerin missbraucht zu haben. Nach einigen politischen Interventionen dürfte er zurück in seine Heimat und würde dann dort einen Bestseller herausbringen, während das Verfahren noch andauert. Mit welcher Empörung würde die "Bild"-Zeitung darauf reagieren! Erst stellt er sich nicht seiner Verantwortung, dann verhöhnt er auch noch sein Opfer und die deutsche Justiz - mindestens mit solchen Zeilen wäre zu rechnen.

Die Spirale der Eskalation

Genau so aber reagieren im Moment die türkischen Boulevard-Medien. Von einem "hässlichen Buch" schreibt die Zeitung "Yeni Safak". Marcos hiesiger Buchverleger Carlos Schumacher hofft auf einige fetzige Talkshow-Auftritte. Auch "Bild" kann Marco W. nun wieder schön gegen die bösen türkischen Medien verteidigen. Den Erlös aus dem Buch stellt Marco W. für die medizinische Behandlung seines leukämiekranken Vaters Ralf Jahns zu Verfügung, was ebenfalls dankbar öffentlich breitgetreten werden kann. In wunderbarer gegenseitiger Empörung können sich deutsche und türkische Boulevard-Medien so in den nächsten Wochen aneinander hochschaukeln. Zu beider Nutzen. Soeben erst hat der Axel-Springer-Verlag seine Anteile an Dogan Yayin, der Muttergesellschaft von "Hürriyet" und "Milliyet", die zugleich die türkische Version der "Auto Bild" vertreibt, auf rund zehn Prozent erhöht. Wechselseitige öffentliche Empörung zahlt sich also keineswegs nur im übertragenen Sinne aus.

Am Ende kommt die Versöhnung

Wir kennen die Verträge mit Marco W. nicht, im Moment allerdings wirkt vieles keineswegs klug, sondern nur kalkuliert. Auch wollen wir "Bild" nicht unterstellen, dass das Blatt rücksichtslos gegenüber Marco W. sein wird. Nein, garantiert steht am Ende - wenn eine gehörige Aufregung hier wie da für allseits gute Verkaufszahlen gesorgt haben wird - ein großer Appell für Menschlichkeit und Versöhnung. Im Namen aller Deutschen wird "Bild" vermutlich Außenminister Frank-Walter Steinmeier auffordern, für Marco W. direkt beim türkischen Premierminister Erdogan zu intervenieren.

Gerne genommen wird auch ein gemeinsamer Aufruf von "Hürriyet"-Chefredakteur Ertugrul Özkök und "Bild"-Chef Kai Diekmann. Mitten im Wahlkampf bleibt dem Bundesaußenminister, der ja schließlich auch SPD-Kanzlerkandidat ist, nichts anderes übrig, als den "Bild"-Appellen Folge zu leisten und in einem entscheidenden Gipfelgespräch Marco W. endgültig zu retten. Den entscheidenden Handschlag mit Erdogan filmt der selbstverständlich anwesende "Bild"-Chef und "Bürgerjournalist" Kai Diekmann sofort mit seiner Lidl-Kamera und feiert dann einen großen Sieg für sich, die neue Medientechnik und die Menschenrechte.

  • Bernd Gäbler