Briefmarke British Guiana 1c magenta Ein Einzelstück, das womöglich gar keines ist


In New York ist die teuerste Briefmarke der Welt versteigert worden. Zuletzt gehörte sie einem Milliardär und verurteilten Mörder. Trotz Zweifel an ihrer Echtheit ist die 1c magenta legendär.
Von Oliver Fuchs

So unscheinbar können 9,5 Millionen Dollar aussehen: ein rotes Papierfitzelchen, kaum größer als ein Fingerabdruck, achteckig, vollgekritzelt. In der Nacht auf Mittwoch deutscher Zeit ist in New York die Briefmarke British Guiana 1c magenta zu diesem unglaublichen Preis versteigert worden. Die Familie ihres letzten Besitzers hatte sie nach dessen Tod durch das Auktionshaus Sotheby's zum Verkauf angeboten.

Noch irrwitziger als der Verkaufspreis ist allerdings die verworrene Geschichte des "Mount Everest unter den Briefmarken", wie es ein Sotheby's-Mitarbeiter vor der Versteigerung formulierte. Auch die Serie von Prüfungen, zuletzt durch die angesehene Königliche Philatelistengesellschaft in London, haben Zweifel an der Echtheit der Marke nie ganz ausräumen können. Außerdem gibt es Gerüchte, dass es irgendwo da draußen noch eine zweite 1c magenta geben könnte.

Der Preis spielt keine Rolle

Die Marke wurde im Jahr 1856 in der damaligen Britischen Kolonie Guyana gedruckt. Knapp 20 Jahre später entdeckte ein Schuljunge die Marke auf einem alten Brief seines Onkels. Der leidenschaftliche Briefmarkensammler verkaufte die Marke an einen Händler - für ein Taschengeld. Über Umwege landete die Marke 1878 schließlich bei Philipp von Ferrary, dem berühmtesten Briefmarkensammler aller Zeiten. Er besaß die wohl größte und wertvollste Sammlung, die es je gegeben hat. Allerdings war er auch vom Sammeln besessen. Wenn er eine seltene Marke sah, musste er sie haben. Der Preis spielte keine Rolle, und er bezahlte meist in purem Gold. Das rief Fälscher auf den Plan. Briefmarken, an denen herumgedoktert wurde, um sie künstlich seltener zu machen, bis heute als "Ferraritäten" bezeichnet.

Nach Ferrarys Tod versteigerte der Französische Staat seine Sammlung. Um die 1c mangenta entbrannte der erste Bieterkrieg - zwischen einem Automagnaten und einem Schweizer Zigarettenkönig. Für damals sagenhafte 351.000 Franc (auch ohne die Teuerung zu berücksichtigen wären das bereits über 50.000 Euro) ging sie an den Autobauer. Der Zigarettenkönig ließ später verlauten, er habe die Marke sowieso nicht kaufen wollen. Er habe einzig versucht, denn Preis hochzutreiben, denn die Marke sei eine "Ferrarität". Es habe auf Guyana zu der Zeit gar keine Ein-Cent-Marken gegeben, nur zu vier Cent. Ferrary sei einmal mehr einem findigen Fälscher aufgesessen. An dieser Behauptung scheiden sich bis heute die Geister.

"Es kann nur eine geben"

Fakt ist: Offiziell kostete ein Brief zu dem Zeitpunkt, als die 1c magenta gedruckt wurde, vier Cent. Es gab keinen vernünftigen Grund, eine Ein-Cent-Marke zu drucken. Fakt ist auch: Die Vier-Cent-Marke wurde auf demselben Papier und in derselben Farbe gedruckt, was zumindest sehr ungewöhnlich war. Nichtsdestotrotz wird die Marke unablässig wertvoller.

Zuletzt war sie im Besitz des amerikanischen Multimilliardärs John Du Pont. Dessen Familie hat einst den amerikanischen Chemieriesen DuPont gegründet. 935.000 Dollar war ihm die legendäre Marke wert. Angeblich soll er sie sich nachts unter sein Kopfkissen gelegt haben. Bis zu dem Tag, als er den Wrestler und mehrfachen Olympiasieger David Schultz auf seinem Anwesen erschoss. Du Pont wurde wegen Mordes verurteilt - und starb im Gefängnis. Die Marke landete bei Sotheby's. Der neue Besitzer will anonym bleiben. Er hat per Telefon mitgeboten. Nach nur fünf Minuten hat er den Bieterstreit für sich entschieden.

Hoffentlich vergeht dem neuen Besitzer die Freude an seinem Stück nur nicht. Denn würde eine zweite 1c magenta auftauchen, wäre die Marke kein Einzelstück mehr - und massiv weniger wert. Ausgeschlossen ist das nicht. Bis heute machen in Sammlerkreisen Gerüchte die Runde, es habe mindestens ein zweites Exemplar gegeben. Ein anonymer Sammler allerdings hatte kurz vor dem Zweiten Weltkrieg behauptet, die Marke teuer an den Automagnaten und damaligen Besitzer der "Ferrary-Marke" verkauft zu haben. Dieser habe bei der Übergabe ein Streichholz angezündet und die Marke umgehend verbrannt. Dann habe er ihm in die Augen geschaut und intoniert: "Es kann nur eine Magenta 1 Cent Guiana geben!"

Der stern hat Uwe Decker, Präsident des Bundes Deutscher Philatelisten, gefragt, ob es auch hierzulande eine vergleichbar wertvolle Marke gibt. Hier seine Antwort:

"Der Baden-Fehldruck 9-Kreuzer ist ein Fehldruck aus dem Jahre 1851. Am 1. Mai 1851 erschienen die ersten badischen Briefmarken. Die 9 Kreuzer blaugrün ist ein Farbfehldruck des Wertes zu neun Kreuzer der ersten Ausgabe in blaugrüner statt in rosa Farbe. Die blaugrüne Farbe war für den Wert zu sechs Kreuzer vorgesehen, und anscheinend kam es zu einer Vertauschung des Papiers. Der Drucker hatte versehentlich die falsche Druckplatte für das grüne Papier benutzt hat: statt einer neun hatte er eine sechs gelesen.

Von diesem Fehldruck sind nur drei gestempelte Exemplare bekannt, zwei davon befinden sich auf Briefen. Erst 43 Jahre nach der Ausgabe der Marke wurde der Fehldruck entdeckt. Zuletzt wechselte im Jahr 1985 ein Brief mit der Marke seinen Besitzer. Dabei wurde ein Verkaufspreis von 2,3 Millionen D-Mark erzielt. Der zweite Brief befindet sich im Museum für Kommunikation in Berlin."


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