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China: Pizza süß-sauer

Chinas neue Mittelklasse entdeckt das Dolce Vita. Drei junge Italiener aus Mailand geben dabei Nachhilfe.

Von Marlies Uken

Von Mayonnaise war bei dem Fruchtsalat keine Rede gewesen. Frische Erdbeeren: klar. Saftige Wassermelone: sicher doch. "Aber Mama Mia, doch keine Mayo", stöhnt Andrea Antonini noch heute, wenn er an sein Dessert in einem italienischen Restaurant im chinesischen Kunming denkt. Dabei war der 31jährige nur an eine ganz typisch chinesische Geschmacksvariation geraten: süß-sauer.

Schon seit Jahren ist die italienische Küche auf Siegeszug in China. In den internationalen Metropolen Shanghai, Beijing oder Gangzhou haben sich seit langem italienische Edelrestaurants etabliert, vor allem im Dunstkreis der 5-Sterne-Hotels. Doch nun will auch die neue Mittelklasse im ländlichen Westen Chinas dem Dolce Vita frönen. Die italienische Küche gilt als schick und Zeichen für Luxus. Noch ist sie allerdings für den Großteil der essenswütigen Chinesen ein unbekanntes Terrain.

Küchenmissionare aus Mailand

Im "Da Rocco" in Kunming, einem Spitzenrestaurant mit italienischer und chinesischer Küche, soll sich das jetzt ändern. Hier, im Südwesten Chinas, sind Ciaj Rocchi (29), Matteo Demonte (29) und Andrea Antonini (31) aus Mailand seit einigen Wochen auf Küchenmission. Sie zeigen den chinesischen Köchen, wie Pasta al dente gelingt (einfach die Nudeln früh genug aus dem Wasser nehmen) und erklären den Gästen, welche Mixgetränke absolutes Tabu sind (Wein mit Cola). Die Unsitte, das Glas Rotwein in einem Zug zu leeren, haben sie bereits erfolgreich ausgemerzt – obwohl Chinesen den Trinkspruch "Gan Bei" gerne wortwörtlich nehmen: "Trockne das Glas". In der Küche hängt ein handgemaltes Plakat mit Pomodore, Melanzana und Fungo-Bildern, damit die chinesischen Köche auch Italienisch lernen.

Schwer bepackt reisten die Drei als Teilnehmer eines interkulturellen Austauschsprogramms im Frühjahr nach Kunming. Im Gepäck: 310 Kilo feinste italienische Delikatessen – die den Zollbeamten so suspekt vorkamen, dass sie erst einmal einen versierten Kollegen aus Peking einfliegen ließen, der beim Verzollen half. Er musste sich durch Unmengen exquisiter Leckereien wühlen: 120 Flaschen Nero d´Avola Rotwein von einem sizilianischen Familiengut, handgemachte La Sovrana di Paglia-Pasta, Kapern, prämiertes Olivenöl, süßer Limoncello-Likör.

Am Ende lieber eine Schale Reis

Doch die chinesischen Geschmacksnerven sind nicht so leicht umzupolen. "Unsere Gäste probieren hier mal Pasta, dort mal Pizza", erklärt Demonte. "Aber am Ende greifen sie doch wieder zur Schale Reis." Auch das Personal muss noch ein paar Hürden nehmen, bis der Cappuccino strengen italienischen Maßstäben genügt. Der Kaffee ist mit der schicken Espresso-Maschine zwar kein Problem. Nur den Milchschaum, den schütten die Kellner noch immer hartnäckig in den Abguss und nur die warme Milch landet in der Tasse – Cappuccino chineso.

Mancher chinesischer Gast kommt wohl mit falschen Vorstellungen zum Edelitaliener. "Pizza ist für Chinesen noch immer "Pizza Hut", amerikanisches Fastfood", sagt Restaurantbesitzer Rocco Capasso (35). "Chinesen stehen auf überkochte Pasta, am liebsten ungesalzen, aber scharf mit Chili gewürzt." So etwas zu servieren bringt der gebürtige Neapolitaner nicht übers Herz. Stattdessen stellt er Mozarella und Nudeln selbst zu Hause her und setzt sich ein paar Mal im Jahr für drei Stunden in den Flieger nach Shanghai, um sich mit Käse, Schinken und Balsamico-Essig einzudecken. "Die richtigen Zutaten zu bekommen, ist noch immer ein Riesenproblem. Und wahnsinnig teuer."

Geld spielt keine Rolle

Dabei spielt der Preis für seine Gäste keine Rolle. "Da Rocco" ist ein In-Restaurant der lokalen Politikprominenz. "Sie sehen, dass wir oft ausländische Gäste haben und kommen vor allem deswegen", sagt Capasso. "Es hat in erster Linie mit Prestige zu tun." Ohne Murren zahlen sie 6,50 Euro für eine Mini-Portion Parmaschinken. Für das gleiche Geld können in einem guten chinesischen Restaurant drei Personen satt werden. Mindestens.

Die italienische Handelskammer schätzt, dass sich mittlerweile rund 150 Millionen Chinesen einen Lebensstil leisten können, der europäischen Standards entspricht. Vor allem die Italiener hoffen, von der neuen Luxuslust zu profitieren und starten pompöse Werbeaktionen. Laut China Daily wurden für eine Extravaganza in Peking sogar drei original venezianische Gondeln nach China verschifft. "Italien und China haben viele Gemeinsamkeiten, vor allem was die Essenslust auf dem Land angeht", ist sich Demonte sicher. "Wir dürfen sie nur nicht mit unseren Vorstellungen von gutem Essen überfahren. Alles braucht seine Zeit." Deswegen bleibt der Fruchtsalat mit Mayo auch vorerst auf der Speisekarte.