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Ex-Todeskandidatin Debra Milke: "Jedem kann passieren, was mir passiert ist"

25 Jahre sitzt Debra Milke unschuldig im Gefängnis, 23 davon wartet sie auf ihre Hinrichtung. Seit letzter Woche ist die 51-Jährige frei. Jetzt sprach die in Berlin geborene Frau erstmals öffentlich.

Von Andreas Albes, Phoenix

Die in Berlin geborene US-Amerikanerin Debra Milke bricht bei der Pressekonferenz in Tränen aus

Die in Berlin geborene US-Amerikanerin Debra Milke bricht bei der Pressekonferenz in Tränen aus

Debra Milkes Finger zitterten, ihr Blick suchte halt bei ihren Anwälten, die links und rechts von ihr saßen. Immer wieder zog sie ein Taschentuch und tupfte ihre Tränen. Die Erklärung, die sie gestern verlas, waren Milkes erste öffentliche Worte, seit sie aus dem Staatsgefängnis von Phoenix, Arizona, entlassen wurde. 25 Jahre saß sie dort ein, 23 davon wartete sie auf ihre Hinrichtung. Die vergangenen Monate lebte sie mit einer elektronischen Fußfessel. Doch seit einer Woche ist sie endgültig ein freier Mensch. Alle Verfahren gegen sie wurden niedergeschlagen. Sie begann ihre Erklärung mit einer Botschaft an alle, die noch immer an ihrer Unschuld zweifeln: "Ich habe absolut nichts mit dem Mord an meinem Sohn Christopher zu tun."

Milkes Auftritt war eine Ohrfeige für die amerikanische Justiz. Minutiös legten ihre Anwälte dar, wie es passieren konnte, dass die heute 51-Jährige fast ihr halbes Leben im Todestrakt verbrachte, obwohl es für ihre Schuld keinerlei Beweise gab. Verantwortlich dafür war ein "dirty cop", ein schmutziger Polizist, erklärte Milkes Verteidiger Michael Kimerer. Der Beamte, Detective Armando Saldate, hatte behauptet, Milke hätte ihm gestanden, den Mord an ihrem vierjährigen Sohn in Auftrag gegeben zu haben. Doch dafür gab es weder Zeugen, noch eine Tonband- oder Videoaufnahme. Dabei war Detective Saldate von seinem Vorgesetzten aufgefordert worden, die Vernehmung zu dokumentieren. Doch nicht einmal handschriftliche Aufzeichnungen konnte er vorlegen.

Eine verzweifelte Suche

Milke hatte das Geständnis immer geleugnet. Jetzt sagte sie: "Ich hatte früher nie mit der Polizei zu tun. Und ich hätte nie geglaubt, dass ich jemals ein Gefängnis von innen sehen würde. Selbst als ich verhaftet wurde, dachte ich noch, das klärt sich alles schnell auf. Heute weiß ich: Jedem kann passieren, was mir passiert ist." Um ein Haar hätte sie es nicht überlebt. Sie hatte sogar schon an der Generalprobe für ihrer Hinrichtung mitwirken müssen. Sogar ihre Henkersmahlzeit wählte sie aus.

Milkes Anwälte nahmen sich dem Fall vor mehr als 15 Jahren an. Zunächst vermuteten sie, eine Schuldige vor der Todesstrafe retten zu müssen. Doch mit der Zeit wurde immer offensichtlicher, dass ihre Klientin unschuldig war. "Vielleicht wäre heute alles schneller gegangen", so Lori Voepel, Milkes zweiter Rechtsbeistand. "Heute sind alle Akten auf Computer gespeichert und lassen sich einfach durchsuchen. Wir aber mussten Tausende Dokumente auf Mikrofilm lesen, um die Wahrheit ans Licht zu bringen. Es war eine verzweifelte Suche. Aber sie hat sich gelohnt."

Am Ende fanden die Juristen erdrückende Beweise gegen jenen Detective, der Debra Milke ins Gefängnis brachte. Auf den Mikrofilmen waren gleich Dutzende Verfahren dokumentiert, in denen Saldate gelogen, Beweise manipuliert und Zeugen schikaniert hatte. Bis hin zu sexueller Nötigung. "Am schlimmsten aber war die Erkenntnis", so Anwalt Kimerer, "dass die Staatsanwaltschaft davon wusste und die belastenden Informationen gegen diesen schmutzigen Polizisten verschwieg." Und so trafen die Geschworenen ihre Entscheidung in dem Glauben, der Aussage eines ehrlichen Beamten zu vertrauen.

Der Vierjährige kehrt nicht zurück

Dass Milkes Fall in Deutschland für so viel Aufsehen sorgt, liegt daran, dass sie in Berlin geboren wurde. Ihre Mutter war mit einem US-Soldaten liiert. Aufgewachsen ist Milke jedoch in den USA. Weder die Beziehung ihrer Mutter noch ihre eigene zum Vater des später ermordeten Christopher waren glücklich. Beide Männer tranken und neigten zur Gewalt. Debra Milkes Mutter ging irgendwann zurück nach Deutschland, ihre Tochter aber blieb in Amerika und versuchte Christopher alleine aufzuziehen.

Auf der Pressekonferenz erzählte sie unter Tränen, wie sehr ihr Sohn es liebte, wenn sie Kaugummiblasen machte und platzen ließ. Der Tag, an dem sie ihren Jungen zum letzten Mal sah, war der 2. Dezember 1989 gewesen, ein Samstag. Milke, damals 26, lebte zu jener Zeit in einer Wohngemeinschaft mit einem Mann namens Jim Styers. Der verstand sich stets gut mit Christopher und wollte ihn vormittags mit ins Einkaufszentrum nehmen, um ihm den Weihnachtsmann zu zeigen. Von dem Ausflug kehrte der Vierjährige nie zurück.

"Erleichtert ja, glücklich nein"

Seine Leiche wurde schon einen Tag später in der Wüste gefunden. Mit drei Kugeln im Hinterkopf. Es dauerte nicht lange, da hatte die Polizei die Täter ermittelt: Styers, Milkes Mitbewohner, und dessen besten Freund Roger Scott. Beide Männer waren Verlierer, der eine, Styers, gewalttätig, ein traumatisierter Kriegsveteran, Scott ein arbeitsloser Alkoholiker. Bis heute ist unklar, wer von ihnen auf Christopher schoss. Und warum. Die zwei belasten sich gegenseitig. Aber Roger Scott sagte schließlich aus, Debra Milke hätte sie zu dem Mord angestiftet, weil sie frei sein wollte für eine neue Beziehung.

Wer Debra Milke heute erlebt, wie sie mit vollem weißen Haar, großem Mund und schüchternen Augen vor den Journalisten sitzt, kann sich aber auch vorstellen, dass sich die beiden Männer damals mehr von ihr erhofften als eine freundschaftliche Beziehung. Und dass der Junge dabei im Weg war. Debra Milke sagt: "Ich habe keine Ahnung über ihr Motiv." Ob sie Rachegedanken hegt? "Nein, Rache ist ein Gefühl, dass ich nicht kenne." Styers und Scott sitzen beide im Gefängnis. Auch sie wurden damals zum Tode verurteilt.

Debra Milke wird nun ein Verfahren gegen den Staat Arizona anstrengen und auf Schadenersatz klagen. Dazu hat sie eine renommierte Kanzlei aus New York engagiert. Es besteht Aussicht darauf, dass sie für jedes Jahr unschuldig in Haft mit einer Million Dollar entschädigt wird. Ob sie nun glücklich sei, wurde sie gefragt. "Erleichtert ja, glücklich nein", sagte sie. "Ein Kind zu verlieren, ist für jede Mutter grausam, aber dann auch noch zu Unrecht dafür beschuldigt zu werden, ist unerträglich." Diesen Schmerz werde sie nie wieder los.

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