VG-Wort Pixel

Sachsen Ein Wolf streift mitten durch ein Wohngebiet – Experte ordnet ein

Ein Wolf in Nahaufnahme
Auch tagsüber haben Anwohner in Liebschützberg den Wolf schon gesehen (Symbolbild)
Ein Wolf streift seit dem Sommer durch das sächsische Liebschützberg – und das mitten in einer Wohnsiedlung. Die Bewohner sind in Sorge. Ein Experte der "Fachstelle Wolf" ordnet ein, welche Gefahr von dem Tier tatsächlich ausgeht.

Ein Abstrich der Spuren hat ergeben, dass der Wolf aus dem Revier Gohrischheide bei Zeithain stammt – rund fünfzehn Kilometer Luftlinie von Liebschützberg entfernt. Zum Schutz der Menschen wurden zunächst ein Elektrozaun und Kameras installiert, die jedoch Anfang September wegen Bauarbeiten wieder entfernt wurden. "Einen Tag nachdem der Zaun abgebaut wurde, war der Wolf wieder da", sagt Benjamin Ehrlich (38) aus dem Ortsteil Borna, der sich seitdem mit einer eigenen Überwachungskamera behilft, die weitere Besuche der Wölfin rund um den Garten dokumentiert.

Benjamin Ehrlich uns seine Frau Jana Schiefer (36) haben Angst. "Ende Juni habe ich das mitbekommen mitten in der Nacht, wo der Wolf den Hundepool zerrissen hat. Das war das erste Vorkommnis, wo ich ihn live gesehen habe", sagt Jana Schiefer. Die Situation sei beängstigend gewesen. Auch Solarlampen seien verschwunden, der Fußball des Sohnes zerbissen. Inzwischen habe man die Wölfin sogar schon tagsüber gesehen. "Unser Sohn muss täglich zur Schule, und muss auch den Weg durch die Siedlung bestreiten", erzählt sie. Der Weg sei nicht sicher.

Zwar habe die Fachstelle versichert, dass für den Menschen keine Gefahr bestehe, doch wie sich der Wolf bei Kontakt mit einem Kind verhält, das womöglich Angst bekommt und davonläuft, habe ihnen niemand sagen können. Die Familie fordert nun, dass ihnen geholfen wird. "Wir stehen in Kontakt mit der "Fachstelle Wolf", da haben wir aber das Gefühl, dass die sich immer mehr zurücknehmen." Der Landrat habe nur schriftlich geantwortet und wiederum auf die "Fachstelle Wolf" verwiesen," so Benjamin Ehrlich. "So lange sie nichts tun, wird nicht gehandelt. Aber wann wird denn gehandelt? Erst wenn ein Mensch oder ein Tier angegriffen wird? Ich habe da kein Verständnis", sagt Jana Schiefer.

Experte beruhigt: Wolf keine unmittelbare Gefahr für den Menschen

Abhilfe könnte eine Umsiedlung schaffen, aber die sieht die Fachstelle skeptisch. "Aus den Erfahrungen anderer Länder – insbesondere den skandinavischen Ländern – wissen wir, dass Umsiedlungsprojekte von Wölfen keinen besonders nachhaltigen Effekt haben", sagt Patrick Irmer von der Fachstelle im RTL-Interview. "Im Gegenteil kann es auch zu einer weiteren Bindung des Tieres an den Menschen kommen, sodass es auch kontraproduktiv sein könnte, jetzt entgegen den fachlichen Einschätzungen zu härteren Maßnahmen zu greifen." Der Abschuss des Tieres sei allerletztes Mittel und müsse im Einzelfall begründet sein, zum Beispiel durch einen nachgewiesenen Angriff auf Menschen. "Von dieser Situation sind wir aber noch sehr weit entfernt, denn das Verhalten der Wölfin ist aktuell ein normales, ja natürliches."

Das Zerbeißen von Gegenständen sei dagegen eher untypisch, dieses Verhalten kenne er so nur von Füchsen. "Es war in der Anfangszeit eine Erscheinung, die uns in dem Moment überrascht hat, weil wir sie aus Sachsen nicht kannten", so Patrick Irmer von der Fachstelle. "Wer weiß, vielleicht waren auch noch Spuren des Haushundes dran, für die sich die Wölfin interessiert hat." Möglich sei auch, dass das Tier wegen des trockenen Sommers auf Wassersuche war und schließlich bei dem Pool fündig geworden sein könnte.

Was tun bei direktem Kontakt mit einem Wolf?

Ansonsten sei es durchaus nicht ungewöhnlich, dass Wölfe an Ortsrändern gesichtet werden, die diese im Schutze der Dunkelheit sogar durchqueren. Alle Sichtungen der Wölfe seien in der Abenddämmerung oder Nacht erfolgt. "Näherungen von Wölfen an Menschen" seien "unglaublich selten", sagt Irmer. Man habe vollstes Verständnis für die Sorgen der Anwohner, betont aber auch, "dass vom Wolf für den Menschen keine unmittelbare Gefahr ausgeht". "In den letzten zwanzig Jahren kam es in Deutschland zu keinem einzigen dokumentierten Übergriff von Wölfen auf Menschen." Der Mensch gehöre nicht ins Beuteschema der Raubtiere. Ein Elektrozaun könne wegen der örtlichen Gegebenheiten nicht lückenlos installiert werden.

Experten seien regelmäßig vor Ort, um die Lage zu dokumentieren und einzuschätzen. Irma empfiehlt bei Kontakt, Ruhe zu bewahren, "sich gegebenenfalls langsam zurückzuziehen, groß zu machen, letztlich aber auch Geräusche zu machen, die das Tier verschrecken. Sei es ein lautes Klatschen, sei es ein lauter Schrei. In der Regel flüchten Wölfe bei dieser Konfrontation." Hunde sollten bei einer Sichtung angeleint werden.

RTL.de, cwa, ckön

Mehr zum Thema

Newsticker