HOME

Fall Natascha: Triebtäter, Raser und kleine Mädchen

Das Schicksal der entführten Natascha ist erschütternd. Es macht jeder Mutter, jedem Vater Angst. Das ist so verständlich wie unvernünftig.

Ein Kommentar von Stefan Schmitz

Natascha wurde auf dem Schulweg in ein Auto gezerrt, verschleppt, in einem Kellerloch eingesperrt und dort acht Jahre lang festgehalten. Ein Verbrechen, wie man es sich abscheulicher nicht ausmalen kann. Zwei Tage nach der Flucht des Mädchens aus ihrem Verlies ist ihr Schicksal Thema in jedem deutschen Kindergarten, an jedem Schultor: "Ich lasse meine Tochter keine Sekunde mehr aus den Augen", ist die erste Reaktion vieler Eltern. Das ist ein ebenso natürlicher wie falscher Reflex. Vor allem, wenn der Nachwuchs nur lässig angeschnallt auf dem Rücksitz des Autos in die Kita transportiert wird oder Papa mit kühnem Schwung seinen Fahrradanhänger, in dem die Kleinen ohne Helm sitzen, in die Einfahrt steuert.

Denn wenn es um die Sicherheit und den Schutz der eigenen Kinder geht, sollte man sich davor hüten, die Größe der Bedrohung aus der Größe der Schlagzeilen abzuleiten. Der Vergleich ist problematisch, aber aufschlussreich: Im Jahr 2003 wurden in Deutschland 208 Kinder im Straßenverkehr getötet. Fünf wurden Opfer eines Mordes in Zusammenhang mit einem Sexualdelikt. Ein Jahr zuvor tötete der Verkehr 216 Kinder; drei kamen nach der offiziellen Statistik in Zusammenhang mit Sexualdelikten ums Leben.

Natascha, Natalie, Pascal und Levke - die Namen der Opfer spektakulärer Verbrechen - kennt fast jeder. Die der vielen hundert Toten der Raserei und des Leichtsinns niemand. Wer ein Tempolimit fordert, riskiert, als Feind der individuellen Freiheit dazustehen. Wer dagegen verlangt, bei der Bestrafung von und der Fahndung nach Sexualstraftätern alle Rechtsnormen über Bord zu werfen, kann sich des Beifalls sicher sein. Das ist absurd.

Darum: Passen wir auf unsere Kinder auf. Jedes ist eine Welt für sich - unersetzlich, unwiederbringlich und mit dem Recht ausgestattet, dass sein Leben gegen nichts anderes aufgerechnet wird. Natürlich müssen wir alles tun, um Tragödien wie Nataschas Entführung zu verhindern. Aber zuerst sollten wir auf dem Weg zu Kindergarten oder Schule schauen, ob der Gurt richtig sitzt.

Themen in diesem Artikel